Untersuchung zu Kopfverletzungen Neandertaler waren nicht so brutal wie ihr Ruf

Hippies in der Höhle waren sie wohl nicht gerade - aber besonders brutal verlief das Leben von Neandertalern laut einer neuen Untersuchung trotzdem nicht. Zumindest wenn sie ihre Jugendjahre überlebten.

Künstlerische Nachbildung eines Neandertalers in kroatischem Museum (Archivbild)
REUTERS

Künstlerische Nachbildung eines Neandertalers in kroatischem Museum (Archivbild)


Lange galt er als intellektuell eher einfach gestrickter Brutalo. Doch dieses Bild des Neandertalers haben Forscher in den vergangenen Jahren immer wieder korrigieren müssen. Inzwischen ist klar: Der vor rund 40.000 Jahren ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen jagte mit Speeren, beherrschte das Feuermachen und schuf sogar Schmuck und Kunstwerke.

Eine neue Studie zeigt nun, dass das Leben eines durchschnittlichen Neandertalers wohl nicht gewaltsamer verlief als das Leben des zur gleichen Zeit lebenden modernen Menschen. Im Fachmagazin "Nature" berichten Forscher um Katerina Harvati von der Universität Tübingen von ihren entsprechenden Untersuchungen.

Die Wissenschaftler hatten eine neue Datenbank ausgewertet, in der detaillierte Angaben zu mehreren hundert Skeletten zusammengefasst sind, die vor allem in Europa, aber etwa auch im Nahen Osten gefunden wurden. In der Datensammlung wurden dabei sowohl Überreste von Neandertalern als auch von Homo sapiens erfasst. Sie sind jeweils zwischen 20.000 und 80.000 Jahren alt.

Besonders interessierten sich die Forscher für die Frage, ob die Skelette Kopfverletzungen aufwiesen. Diese wären schließlich ein Hinweis auf einen gewaltsamen Tod gewesen. Sie untersuchten dabei auch die Frage, ob die Blessuren vor, im Zusammenhang mit oder nach dem Tod aufgetreten waren. Dabei zeigte sich, dass Neandertaler keineswegs - wie möglicherweise zu vermuten - häufiger von solch schweren Verletzungen betroffen waren. Zumindest auf die gesamte Population betrachtet.

Das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass das Jungpaläolithikum auch für die ersten modernen Menschen nicht immer angenehme Lebensbedingungen bereithielt. Auch sie konnten leicht gewaltsam zu Tode kommen - etwa bei Begegnungen mit Höhlenbären oder Mammuts.

Bei der Auswertung der Daten fanden die Forscher eine interessante Gemeinsamkeit: Sowohl bei den Neandertalern als auch bei den modernen Menschen wiesen Männer deutlich häufiger Kopfverletzungen auf als Frauen. Dieser Effekt, so schreiben sie, lasse sich mit der Arbeitsteilung erklären, aber auch mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Verhaltensweisen.

Aber auch einen Unterschied zwischen den Neandertalern und frühen modernen Menschen konnten Harvati und ihre Kollegen erkennen - und zwar bei der Frage, in welchem Alter mögliche Kopfverletzungen jeweils auftraten. Demnach waren Neandertaler entweder einem höheren Verletzungsrisiko in jüngeren Jahren ausgesetzt - oder es gab zwischen den Menschenarten einen Unterschied in der Frage, wie lange man nach schweren Verletzungen im Durchschnitt noch überleben konnte.

chs

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