Schwermetall im Schlick Blei im Hafen von Neapel verrät Krisen der Römerzeit

Zerstörten Naturkatastrophen die Wasserleitungen der Römer, bauten sie diese zu ihrer Blütezeit rasch wieder auf. Doch als ihre Macht schwand, verfiel auch die Infrastruktur.

Ausbruch des Vesuv, gezeichnet von Joseph Mallord William Turner zwischen 1817 und 1820
Richard Caspole/ Image courtesy of Yale Center for British Art

Ausbruch des Vesuv, gezeichnet von Joseph Mallord William Turner zwischen 1817 und 1820


Der verheerende Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 hat nicht nur die Stadt Pompeji samt Umgebung verwüstet, sondern auch die Wasserversorgung in der Bucht von Neapel massiv beschädigt. Doch die Verwaltung reagierte prompt: Innerhalb von 15 Jahren erneuerte sie das Leitungsnetz, berichten Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Sie rekonstruierten die Geschichte der Region vom Ausbruch des Vesuvs im 1. Jahrhundert bis ins 7. Jahrhundert. Dabei half ihnen, dass die Römer außer gemauerten Aquädukten zur Wasserversorgung auch Bleirohre verbauten. Dass das Trinkwasser römischer Städte stark mit Blei belastet war und der Gesundheit der Menschen zusetzte, ist seit Jahren bekannt.

In der aktuellen Untersuchung konzentrierten sich die Forscher auf die Bleikonzentration im Schlick des Hafens von Neapel. Das Schwermetall strömte mit dem Leitungswasser in das Hafenbecken und lagerte sich dann auf dessen Grund ab. Besonders interessierten die Wissenschaftler die Verhältnisse der stabilen Blei-Isotope 204, 206, 207 und 208 zueinander. Diese Signaturen erlauben Rückschlüsse auf das Alter des Bleis.

Effiziente Verwaltung

Die Forscher vermuten, dass in den Tagen vor der Vesuv-Eruption Erdstöße die Aquädukte beschädigt haben könnten. Im Gegensatz dazu hätten die Bleirohre der Belastung standhalten können. Während des Ausbruchs sei allerdings durch Risse feine Asche in das System eingedrungen und habe die Rohre verstopft. Da die Rohrsysteme nicht für eine Reinigung konzipiert waren, mussten sie erneuert werden.

Die Schicht, die im Hafenbecken in 485 bis 436 Zentimetern Tiefe liegt, schreiben die Forscher der Eruption zu. Ab einer Tiefe von 421 Zentimetern ändert sich demnach die Isotop-Signatur. Bei einer angenommenen Ablagerungsrate von einem Zentimeter pro Jahr bedeutet das, dass die Verwaltung etwa 15 Jahre brauchte, um das Leitungsnetz zu erneuern.

Die Zeitspanne von 15 Jahren sei durchaus nachvollziehbar und reflektiere die Effizienz der damaligen römischen Verwaltung, sagt Norbert Hanel von der Universität Köln. "Aus historischer Sicht sind 15 Jahre kein großer Zeitraum." Man habe das Blei möglicherweise erst einführen und die Erneuerung des Netzes organisieren und etwa mit den Orten und auch mit den Hausbesitzern abstimmen müssen.

Der Archäologe verweist auf das hohe technische Niveau der Bleileitungen, über die - mit Sperrventilen versehen - etwa in den Thermen die Warm- und Kaltwasserzufuhr geregelt werden konnte.

Zusammenbruch im 5. Jahrhundert

Auch über die spätere Geschichte der Region verrät das Blei im Hafen einiges. Demnach brach das Versorgungssystem im 5. Jahrhundert zusammen, parallel zum Niedergang der Wirtschaft und der Verwaltung der Region Kampanien. In diese Zeit fallen auch die Invasionen der Westgoten (410 bis 412) und der Vandalen (455 bis 463) sowie eine Pest-Epidemie ab dem Jahr 467. Auch der Vesuv brach in den Jahren 472 und 512 erneut aus.

"Bemerkenswert ist, dass auf jeden scharfen Abfall der Bleikomponenten eine leichte Erholung mit der Rückkehr von Blei-verseuchtem Wasser folgt - ein klarer Hinweis darauf, dass eine geschwächte Wasserversorgung um die Stadt wieder zum Einsatz gebracht wurde", schreiben die Autoren. Allerdings gingen die Reparaturen viel langsamer voran, als die nach dem Vulkanausbruch im Jahr 79. Das reflektiere die vergleichsweise schwächere Verwaltung und Ressourcenknappheit des 5. Jahrhunderts in der Bucht von Neapel.

Die Bleiwerte im Schlick stiegen erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts wieder an. Diese Fokussierung auf eine bessere Wasserversorgung zeige, dass die Bedeutung Neapels zu jener Zeit wieder stieg. Die Situation besserte sich demnach, als Neapel im 6. Jahrhundert unter Einfluss des Byzantinischen Reiches mit der Hauptstadt Konstantinopel geriet. "Die Effizienz der frühen Kaiserzeit hat man aber nicht mehr erreicht", sagt Hanel.

Michael Bode vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum vermutet allerdings, dass die Gesamtsituation komplexer war als in der Studie dargestellt. "Blei muss nicht nur aus Bleileitungen stammen", sagt der Materialkundler. So hätten die Römer das Schwermetall etwa Gefäßen zugesetzt und es auch in Form von Bleiacetat verwendet, um etwa Wein zu süßen.

Hinzu komme, dass sich auf der Innenseite der Bleirohre mit der Zeit schwerlösliche Bleisalze bildeten, sodass der Bleiabtrag möglicherweise allmählich sank. Insgesamt aber hält der Experte die Methodik der Forscher für seriös und die Resultate für plausibel.

jme/dpa



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