Neue Daten Deutsche leben länger als je zuvor

Die Lebenserwartung in Deutschland erreicht den höchsten Stand aller Zeiten. Männer werden durchschnittlich 77, Frauen 82 Jahre alt. Forscher fordern angesichts dieser Entwicklung eine neue Arbeitskultur - der Begriff Rentner gehöre abgeschafft.
Senioren: Extrem hohes Alter keine Seltenheit mehr

Senioren: Extrem hohes Alter keine Seltenheit mehr

Foto: Joerg Sarbach/ ASSOCIATED PRESS

Wiesbaden - Statistisch gesehen erreicht jeder Zweite das 80. Lebensjahr. Dabei stieg die Lebenserwartung nicht nur für Neugeborene weiter an, auch die für ältere Menschen hat zugenommen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte .

Frauen leben immer noch deutlich länger als Männer, allerdings verringern sich die Unterschiede. Der Statistik zufolge werden neugeborene Jungen 77 Jahre und 4 Monate alt, neugeborene Mädchen 82,5 Jahre. "Dies ist der höchste Stand seit Berechnung der ersten Sterbetafel 1871/1881 für das Deutsche Reich", teilte die Wiesbadener Behörde mit.

"Wir müssen unseren Begriff vom Rentner über Bord werfen", fordert der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, Andreas Steinle. "Die Leute unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung. Das zeigen Studien", sagt Martin Gasche, Abteilungsleiter beim Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demografischer Wandel. Bei der Planung des Alterseinkommens werde oft vergessen, dass das Geld nicht noch 20, sondern vielleicht sogar 30 Jahre reichen müsse.

"Die Volkswirtschaft ist dabei, sich auf die höhere Lebenserwartung einzustellen", sagt Gaschke. So werde das Renteneintrittsalter ja auf 67 Jahre erhöht. "Und die Arbeitgeber verstehen langsam, dass man älteren Menschen auch noch Arbeit geben kann." Die Wirtschaft sei ebenfalls dabei, sich auf mehr ältere Menschen einzustellen. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler altersgerechte Wohnungen mit breiten Türen und weniger Stolperfallen sowie Handys mit großen Tasten.

Männer holen auf

"Wir brauchen eine andere Arbeitskultur und ein anderes Arbeitsbild", sagt Zukunftsforscher Steinle. "Das Potential, durch Arbeiten jung zu bleiben, wird noch nicht gesehen." Schon fast jeder fünfte Firmengründer in Deutschland sei inzwischen aber älter als 50 Jahre. "Wir brauchen neue Wege, damit sich die Menschen im Alter die Arbeit aussuchen können." Dazu gehörten Altersarbeitszeitmodelle und Kooperationen, bei denen auch ehrenamtliche Arbeit eingebaut werde.

Die Zahlen des Bundesamtes beruhen auf der sogenannten Sterbetafel 2007/2009, für die die Daten über die Verstorbenen und die Durchschnittsbevölkerung der vergangenen drei Jahre ausgewertet wurden. Im Vergleich zur Sterbetafel 2006/2008 nahm die Lebenserwartung für neugeborene Jungen um zwei Monate und für Mädchen um einen Monat zu. Jungen holen also ganz langsam auf. Dies wird noch deutlicher im Vergleich der aktuellen Zahlen mit denen der Sterbetafel 2003/2005: Danach steigt die Lebenserwartung von Jungen um 13, die von Mädchen um 9 Monate.

Auch für ältere Menschen steigt die Lebenserwartung um einen weiteren Monat: Demnach liegt die noch verbleibende Lebenserwartung von 60-jährigen Männern bei weiteren 21 Jahren. 60-jährige Frauen können, statistisch gesehen, noch 24 Jahre und 10 Monate leben. Jeder zweite Mann kann der Statistik zufolge mindestens 80 Jahre alt werden, jede zweite Frau erlebt demnach sogar ihren 85. Geburtstag.

Zumindest ihren 60. Geburtstag feiern 89,2 Prozent der Männer und 94,1 Prozent der Frauen. Den Unterschied zwischen der Lebenserwartung der Neugeborenen und der heute 60-Jährigen erklärt die Statistikbehörde mit den Lebensrisiken, die auf die Jüngeren warten und die ihre Lebenserwartung verringern können. Dazu gehören zum Beispiel Verkehrsunfälle.

Verdopplung der Lebenserwartung

Im Deutschen Reich betrug den Angaben zufolge die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in der Berichtsperiode 1871/1881 nur 35 Jahre und 7 Monate. Bei neugeborenen Mädchen waren es durchschnittlich 38 Jahre und 5 Monate. Demnach hat sich die Lebenserwartung der Neugeborenen in den vergangenen etwa 130 Jahren mehr als verdoppelt. Dazu trug zunächst vor allem der Rückgang der Kindersterblichkeit bei. In den vergangenen Jahrzehnten ist auch die Sterblichkeit Älterer stark gesunken.

Die aktuellen Periodensterbetafeln der amtlichen Statistik basieren auf den Daten über die Gestorbenen und die Durchschnittsbevölkerung der vergangenen drei Jahre. Es handelt sich hierbei um eine Momentaufnahme der Sterblichkeitsverhältnisse der gesamten Bevölkerung für diesen Zeitraum. Die fernere Lebenserwartung gibt an, wie viele weitere Lebensjahre Menschen eines bestimmten Alters nach den in der aktuellen Berichtsperiode geltenden Sterblichkeitsverhältnissen im Durchschnitt noch leben könnten. Eine Abschätzung der Entwicklung der Lebenserwartung in der Zukunft ist damit also nicht eingeschlossen.

boj/dapd/dpa
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