Neue Funde "Titanic" sank schneller als vermutet

Der Untergang der "Titanic" hat sich offenbar anders abgespielt als bisher vermutet. Neu entdeckte Wrackteile beweisen nach Meinung von Experten, dass das katastrophale Geschehen in bisherigen Rekonstruktionen falsch dargestellt wird.


Als die "Titanic" am 10. April 1912 von Southampton zu ihrer Jungfernfahrt in See stach, galt sie als unsinkbar. Mit 45.000 Bruttoregistertonnen war der Ozeanriese nicht nur das größte Schiff seiner Zeit, sondern wurde auch als Gipfel der damaligen Schiffbaukunst gerühmt. In der Nacht vom 14. auf den 15. April aber war der Mythos bereits dahin: Die "Titanic" sank zweieinhalb Stunden nach der Kollision mit einem Eisberg und riss rund 1500 Menschen in den Tod.

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Mythos "Titanic": Die Rekonstruktion des Untergangs

Die bisher gängige Rekonstruktion - 1997 von Hollywood-Regisseur James Cameron spektakulär in Szene gesetzt - ging davon aus, dass die "Titanic" über den Bug sank und in nur zwei Teile zerbrach. Während der vordere Teil sofort in die Tiefe rauschte, soll das Heck noch bis zu 20 Minuten im eisigen Wasser des Nordatlantiks getrieben sein, ehe es ebenfalls versank.

Das aber könnte eine Fehlannahme sein. Die Entdeckung zweier großer Stücke vom Rumpf der "Titanic" hat die Diskussion um den Hergang ihres Untergangs jetzt neu belebt. Sie beweisen nach Ansicht von Fachleuten, dass der Dampfer wesentlich schneller gesunken ist als bisher vermutet.

"Die 'Titanic' war gnädiger"

Die beiden Stücke des Schiffsbodens waren bei den bisherigen Tauchfahrten zum Wrack der "Titanic" nicht gefunden worden. Experten hatten vermutet, dass sie während des Untergangs in Hunderte Teile zerrissen worden seien. Im August wurden die beiden Fragmente bei einer neuen Expedition im Auftrag des TV-Senders "History Channel" gefunden - rund 500 Meter vom Hauptteil des Wracks entfernt.

Die Teile, jeweils rund 12 mal 27 Meter groß, seien einst ein wichtiger Teil der Schiffsstruktur gewesen und noch heute gut erhalten, hieß es auf einer Tagung von Experten bei der Woods Hole Oceanographic Institution an der US-Ostküste. Sogar die rote Farbe sei noch sichtbar.

Die "Titanic" sei erst in zwei Teile gebrochen, als die untere Sektion abgerissen sei, erklärte Roger Long, der den neuen Fund analysiert hat. Das mit Überlebenden gefüllte Heck sei nur fünf Minuten nach dem Bug gesunken. Der "Titanic"-Experte David Brown, der die Zeit bis zum Untergang zuvor auf 20 Minuten geschätzt hatte, revidierte seine Meinung angesichts der neuen Erkenntnisse. "Es hat sich herausgestellt, dass die 'Titanic' gnädiger war. Es war schneller vorbei."

Ballard gibt sich sarkastisch

Nach Meinung des Historikers Parks Stephenson, der am gestrigen Montag ebenfalls an der Konferenz in Woods Hole teilgenommen hat, ist nun eine neue Rekonstruktion der "Titanic"-Katastrophe fällig. "Das Auseinanderbrechen und das Sinken der 'Titanic' wurden niemals präzise dargestellt", sagte er.

Robert Ballard, der das Wrack 1985 rund 600 Kilometer südöstlich von Neufundland in einer Tiefe von 3800 Metern entdeckt hat, kommentierte die neuen Funde mit triefendem Sarkasmus. "Sie haben ein Fragment entdeckt. Eine wirklich tolle Sache", sagte er der Nachrichtenagentur AP. "Bin ich beeindruckt? Nein. Wenn man dort hinunter taucht, sieht man überall etwas herumliegen." Ballard, der mit dem "Titanic"-Fund ein Vermögen verdient haben dürfte, scheint mittlerweile das Interesse an dem Wrack verloren zu haben. "Sie hat einen Eisberg gerammt und ist gesunken. Kommt endlich darüber hinweg."



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