Neue Gesundheitsstudie Fit ist wichtiger als fett

Bewegung verlängert das Leben – und zwar auch das fettleibiger Menschen, zeigt eine aktuelle Studie. Warum sanfter Sport Dünne wie Dicke verjüngt, beschreibt Jörg Blech in seinem neuen Buch: Es ist das beste Mittel, um Stress abzubauen.


Übergewicht schadet der Gesundheit nicht weiter - wenn man den schweren Leib stetig bewegt. Auf diese Formel lässt sich bringen, was Forscher der University of South Carolina in der aktuellen Ausgabe der renommierten Medizinzeitschrift "Jama" vermelden.

Fitnesstraining (in China): Stresshormone abbauen mit Bewegung
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Fitnesstraining (in China): Stresshormone abbauen mit Bewegung

Die Forscher haben den Fettanteil von mehr als 2600 älteren Menschen bestimmt, ihre körperliche Leistungsfähigkeit getestet und zwölf Jahre lang verfolgt, wie es ihnen gesundheitlich erging. Und siehe da: "Körperlich leistungsfähige Personen haben eine längere Lebensdauer als untrainierte Personen, unabhängig von ihrer Körperform und Fettverteilung", schreiben die Bewegungsforscher. Aktive Dicke leben länger als inaktive Dünne - fit ist also entscheidender als fett. Und niemand muss Leistungssportler werden: Wer an den meisten Tagen der Woche dreißig Minuten schnell Spazieren geht, erhöht der neuen Studie zufolge bereits die Aussicht auf ein "längeres Leben bei besserer Gesundheit."

Dabei haben Forscher bis vor kurzem darüber gerätselt, wieso es eigentlich so ist, dass körperliche Bewegung das Leben verlängert. Denn selbst der moderate Einsatz der Muskulatur führt zu einem höheren Verbrauch an Sauerstoff - und damit zu einem unerwünschten Nebeneffekt, dem oxidativen Stress: Es werden chemisch aggressive Substanzen (Sauerstoffradikale) freigesetzt, die das Erbgut schädigen können. Überdies entstehen in bewegten Körpern Säuren und Stresshormone, und es kommt zu kleinen Verletzungen an Zellen und Geweben.

Ein Abwehrprogramm aus der Steinzeit

Glücklicherweise vermag der Körper sich zu helfen. Wenn er in Bewegung ist, schaltet er ein Abwehrprogramm an, das die schädlichen Nebenwirkungen der Bewegung, aber auch anderen Stress mehr als ausgleicht. Dem Altersforscher Suresh Rattan von der Universität Aarhus in Dänemark zufolge beruht der Schutzeffekt auf der Herstellung bestimmter Proteine (die aus historischen Gründen den verwirrenden Namen Hitzeschock-Proteine tragen): Diese dienen dem Körper als Schutzschild gegen den Stress und verbessern seine Gesundheit.

Dieses Abwehrprogramm war in den Menschen der Steinzeit vermutlich die ganze Zeit eingeschaltet. Viele heute lebenden Einwohner der Industriestaaten dagegen befinden sich aus evolutionärer Sicht in einem Ausnahmezustand: Mangels Bewegung ist ihr Abwehrprogramm die meiste Zeit abgeschaltet. Gleichwohl wirkt auch in der modernen Welt Stress auf den Körper ein, vermutlich sogar mehr als in der Steinzeit.

Damals war Stress gleichbedeutend mit einer Bedrohung für Leib und Leben. Aus diesem Grund ist im Zuge der Evolution eine Stressantwort entstanden, die viele Körpersysteme geradezu elektrisiert: Diese setzen Energie frei und versorgen die Muskeln mit Traubenzucker. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck und die Atemfrequenz gehen nach oben, damit der Körper mehr Sauerstoff umschlagen kann. Funktionen, die in der lebensbedrohlichen Situation nicht weiterhelfen, werden unterdrückt: Sexualtrieb, Verdauung und das Immunsystem.

Hellwach, unempfindlich gegen Schmerz

Zur gleichen Zeit überfluten Stresshormone den Körper. Sie machen unempfindlich gegen Schmerzen und die Sinne hellwach. Das Problem ist nur: Selbst wenn es gar nicht um Leben und Tod geht, wird Stresswelle um Stresswelle ausgelöst: durch die mobbenden Kollegen, durch Frust in der Beziehung und nicht zuletzt durch die allgemeine Beschleunigung, die kaum mehr Pausen gönnt. Viele Arbeitnehmer sind aufgrund von E-Mail und SMS von morgens früh bis spät abends eingespannt und kommen so gut wie nicht mehr von ihren Aufgaben und Terminen los - niemals waren Menschen einem Dauerstress ausgesetzt wie in der elektronisch vernetzten Arbeitswelt. Früher war der Stress von eher kurzer Dauer (entweder der Tiger erwischte einen oder nicht), heute dauert er den ganzen Tag.

Überdies sind Stress und die Antwort darauf in Menschen, die sich nicht körperlich bewegen, entkoppelt: Die freigesetzte Energie wird nicht wie einst in Fluchtbewegung oder Kämpfe umgesetzt, sondern sie verbleibt im Körper. Die biochemischen Regelkreise sind alarmiert, werden aber nicht abreagiert. Die amerikanische Autorin Tara Parker-Pope drückt es so aus: "Nun bist du eine Person mit unkontrolliertem Blutzucker, hohem Blutdruck, Blutgerinnseln, einem unterdrückten Liebesleben und einem schlingernden Immunsystem." Hinzuzufügen sind die Effekte auf das Gehirn. Ein Übermaß an Stresshormonen lässt Nervenzellen absterben und Hirnareale schrumpfen.

"Natürliches Mittel, die Folgen von Stress zu vermeiden"

Die vielfältigen Auswirkungen von Stress auf die physiologischen Vorgänge kann man messen und in einer Einheit ("allostatic load") angeben. Arme, schlecht ausgebildete Menschen haben zumeist mehr Stress-Einheiten zu ertragen als Menschen, die reich und gut ausgebildet sind. Auch Schlafentzug und eben körperliche Inaktivität sind mit einer überdurchschnittlich hohen allostatic load verbunden.

Wenn sich Stress - wie es leider häufig der Fall ist - nicht vermeiden lässt, dann ist die körperliche Bewegung die beste Antwort darauf. Nagetiere, die sich auf dem Laufrad austoben können, erkranken nicht so schnell an Hirnstörungen, wenn sie unter Stress gesetzt werden. Im Vergleich zu körperlich trägen Artgenossen sind sie durch einen noch wenig verstandenen Mechanismus vor krankmachenden Abbauprozessen in ihren Gehirnen geschützt. Übertragen auf den Menschen bedeutet das: Wenn die Bewegung des Leibes (Flucht oder Kampf) unsere angeborene Antwort auf Bedrohungen und Belastungen ist, so der griechische Arzt und Endokrinologe Agathocles Tsatsoulis, dann "sollte körperliche Aktivität das natürliche Mittel sein, die Folgen von Stress zu vermeiden".

Regelmäßige Bewegung verringert also die physiologische Belastung durch Stress und verlängert dadurch das Leben - und das gilt für dünne wie für dicke Menschen.


Jörg Blech: Bewegung - die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben verlängert, S. Fischer Verlag; 288 Seiten; 17,90 Euro



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