Neue Hinweise Brüchiger Asteroid verwüstete Tunguska

Noch immer ungelöst ist das Rätsel der gewaltigen Explosion, die 1908 über die Tunguska-Region in Sibirien fegte. Nun glaubt ein Forscherteam, die Katastrophe erklären zu können.


Von der Druckwelle umgeworfen: Bäume in der Tunguska-Ebene (1953)
AP

Von der Druckwelle umgeworfen: Bäume in der Tunguska-Ebene (1953)

Am frühen Morgen des 30. Juni 1908 beobachteten Augenzeugen einen grellen Lichtblitz. In der unbewohnten sibirischen Region wurden, wie sich später herausstellte, fast 2200 Quadratkilometer Wald platt gewalzt - die Bäume knickten um wie Streichhölzer. Eine atmosphärische Schockwelle umrundete zweimal die Erde.

Auch nach über neunzig Jahren beschäftigt die gewaltige Katastrophe die Fachwelt. Die meisten Experten stimmen darin überein, dass über der Tunguska-Ebene ein Himmelskörper in der Atmosphäre explodiert sein muss, denn ein Einschlagskrater oder größere Bruchstücke wurden nicht gefunden.

Äußerst umstritten ist hingegen die Frage, ob es sich bei dem kosmischen Körper um einen Kometenkern handelte, wie vor allem russische Forscher annehmen, oder um einen Asteroiden. Nicht einmal genaue Analysen von Torf und Baumharz, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, konnten die Natur des Einschlagsobjektes enthüllen.

Zur Klärung beitragen könnten nun die Ergebnisse eines internationalen Teams um Luigi Foschini vom astrophysikalischen Forschungszentrum TeSRE in Bologna. Die Wissenschaftler arbeiteten sich durch "die gesamte erhältliche Fachliteratur", wie Foschini gegenüber "BBC News Online" erklärte. Zu den Quellen zählten unter anderem seismische Aufzeichnungen, Daten über die Fallrichtung der Bäume sowie bislang noch nicht übersetzte russische Augenzeugenberichte.

Aus der Fülle an Informationen konnten die Forscher wahrscheinliche Werte für die Geschwindigkeit und die Richtung des Himmelskörpers bestimmen. Anhand dieser Daten berechneten sie wiederum 886 Umlaufbahnen, auf denen sich das Einschlagsobjekt vor dem Eintritt in die Erdatmosphäre hätte bewegen können.

Mehr als 80 Prozent dieser Bahnen passen zu Asteroiden, berichten die Wissenschaftler in ihrer Studie, die in einer kommenden Ausgabe der Fachzeitschrift "Astronomy and Astrophysics" erscheinen soll. Entsprechend hoch ist den Forschern zufolge die Wahrscheinlichkeit, dass ein Asteroid - und kein Komet - die Katastrophe von Tunguska verursachte.

Unklar ist allerdings weiterhin, weshalb das Geschoss bereits in einigen Kilometern Höhe komplett pulverisiert wurde. Vermutlich, so Foschini, ähnelte das Tunguska-Objekt dem Kleinplaneten Mathilde, den die Sonde "Near Shoemaker" 1997 passierte. "Mathilde ist ein Geröllhaufen mit einer Dichte, die der von Wasser nahe kommt", erklärt der Forscher. "Der Asteroid könnte daher in der Atmosphäre explodieren und in Stücke brechen, so dass nur eine Schockwelle den Boden erreicht."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.