Neue Reaktoren Wie Forscher Atomkraft sicher machen wollen

Von Ulrich Jaeger

2. Teil: Flugzeugabsturz auf Atomkraftwerk kein Problem mehr


Geht es nach dem exklusiven Atomclub, der sich unter Federführung des US-Energieministeriums 2001 als Generation IV International Forum (GIF) etabliert hat, könnten von spätestens 2030 an auch solche Horrorszenarien beherrschbar sein. Der GIF gehören 27 Nationen an, darunter neben den westlichen Industrienationen auch China und Russland. Ziel des multinationalen Atomforums ist es, einen Reaktor der vierten Generation aus der Taufe zu heben.

Als aussichtsreichste Kandidaten der möglichen nächsten Reaktor-Generation gelten derzeit Hochtemperatur- und schnelle Brutreaktoren. Beide Typen würden statt mit derzeit rund 330 Grad Betriebstemperatur mit 510 oder 1000 Grad betrieben werden. Höhere Temperaturen erlauben nicht nur eine bessere Umwandlung der Kern- in Wärme- und elektrische Energie. Hochtemperatur-Reaktoren könnten bei Temperaturen zwischen 700 und 900 Grad neben Strom sogar Wasserstoff aus Wasser abspalten. Damit könnten die Reaktoren den Treibstoff für wasserstoffgetriebene Fahrzeuge liefern.

Schützender Graphitmantel

Schnelle Brutreaktoren haben den Vorteil, dass sie kein angereichertes Uran benötigen. Sie erbrüten ihren Brennstoff aus Natururan selbst und könnten so die weltweiten Uranvorräte auf mehrere Tausend Jahre strecken. Allerdings: Wasser taugt nicht, um schnelle Brüter zu kühlen. Dafür braucht man Natrium.

Das aber hat eigene Schrecken: Kommt Natrium mit Luft oder Wasser in Berührung, drohen Brände oder, bei Wasserkontakt, Explosionen. So endeten bislang alle Versuche, schnelle Brüter zu betreiben, im Fiasko. Das deutsche Schnellbrüterprojekt von Kalkar etwa wurde nach 18 Baujahren und Kosten von acht Milliarden Mark aufgegeben.

Hochtemperatur-Reaktoren nutzen für ihr atomares Feuer Tausende kugelförmiger Brennelemente, die während des Betriebs zugeführt werden. Für Kühlung sorgt das Edelgas Helium, das sich auf bis zu tausend Grad erhitzt. Das für die Umwelt unbedenkliche Gas kann unmittelbar auf eine Turbine gelenkt werden und diese antreiben.

Auch verfügen Hochtemperatur-Meiler über einen Schutz vor der Kernschmelze, die sie selbst für Terroristen uninteressant macht. Sowohl die Brennstoffkugeln als auch das Innere des Reaktors sind mit Graphit ummantelt. Und der schützt die Meiler vor dem Durchbrennen: Selbst bei Ausfall der Reaktorkühlung kann der Reaktorkern nicht schmelzen.

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Korrektur: In dem Text hieß es ursprünglich, dass Biblis-Reaktoren nur über einen Primärkreislauf verfügen. Dies ist jedoch falsch, es sind vier.



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