Barbara Hans

Neue SPIEGEL-Rubrik zur Klimakrise Projekt Zukunft

Barbara Hans
Von Barbara Hans, Chefredakteurin
Der Winter wird wärmer, das arktische Eis kleiner, der Konsum nachhaltiger. Der Klimawandel ist die große gesellschaftliche Zukunftsaufgabe. Der SPIEGEL widmet ihr eine neue Rubrik.
Foto: Abstract Aerial Art / Getty Images

Während Sie diesen Text lesen, wird der Klimawandel stetig voranschreiten. In den nächsten 24 Stunden wird eine Fläche des tropischen Regenwalds vernichtet, die so groß ist wie knapp 13.000 Fußballfelder, und die Menschheit wird rund 115 Millionen Tonnen CO in die Atmosphäre blasen.

Ende des vergangenen Jahres dachten wir über die publizistischen Schwerpunkte des Jahres 2020 nach. Auf einem Flipchart stand dort, etwas unleserlich, neben "Nachhaltigkeit" unter anderem "Klimawandel". Wir stellten uns die Frage, welche Themen uns in den kommenden Jahren begleiten werden, welche publizistischen Schwerpunkte wir setzen wollen (und wie?). Dann kam Corona - und dominierte den Alltag, die Berichterstattung, auch unsere Arbeitsweise. Wir trugen unsere Monitore unter dem Arm ins Homeoffice.

Doch jenseits der aktuellen Corona-Lage bleibt die Klimakrise das wohl drängendste Thema unserer Zeit. Deshalb erscheint am Dienstag ein SPIEGEL-Spezial mit dem Titel "Aufbruch nach Utopia. So retten wir Umwelt und Wohlstand. Ein Lösungsheft", und deshalb widmen wir dem Thema künftig eine eigene Rubrik auf der Homepage von SPIEGEL.de. Als publizistisches Megathema sprengt der Klimawandel die Grenzen einer klassischen Ressortlogik - und verdient besondere Aufmerksamkeit.

Zu kaum einem gesellschaftspolitischen Thema ist der Bedarf an Wissen und Einordnung so groß, kaum ein Thema durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche mit solcher Wucht und Unnachgiebigkeit. Der Klimawandel, die wissenschaftliche Suche nach seinen Ursachen und Folgen, spaltet die Politik, manchmal auch Familien.

Auf der Homepage finden Sie ab heute den SPIEGEL-Klimabericht: eine sich permanent aktualisierende interaktive Grafik. Sie illustriert die Indikatoren des Wandels: die Vernichtung des tropischen Regenwalds, den Anstieg des Meeresspiegels, das Schmelzen des arktischen Meereises. Vergleichbar mit der Schuldenuhr, deren Werte Sekunde um Sekunde steigen. Die Daten bilden wir in Echtzeit ab, sie stammen unter anderem vom Weltklimarat IPCC und dem US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center (NSIDC). (Lesen Sie hier einen Artikel meines Kollegen Patrick Stotz zur Berechnung der Daten.) Die Daten sprechen für sich. Sie zeigen: Nichtstun ist eine bewusste Entscheidung, und sie hat Folgen.

Eine weitere Box führt zu einer neuen Themenseite auf SPIEGEL.de. Dort werden Reportagen, Analysen und Interviews präsentiert, die verschiedene Facetten der Klimakrise aufgreifen: die Folgen des Artensterbens, das Ringen mit der E-Mobilität, Ansätze für nachhaltigen Konsum und vieles mehr. Grafiken, Videos und Audiostorys beschäftigen sich mit den Kontroversen und Interessenkonflikten in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft. Die Inhalte stammen aus den verschiedenen Ressorts des SPIEGEL. 

Ab November informieren wir Sie zusätzlich einmal in der Woche in unserem neuen Newsletter "Unter zwei – der SPIEGEL Klimabericht" über die wichtigsten Debatten und neueste Forschungsergebnisse. Sie können sich bereits jetzt hier für den Newsletter anmelden, verfasst wird er von meinem Kollegen Kurt Stukenberg, der den gesamten Schwerpunkt mit konzipiert hat.

Das neue SPIEGEL-Spezial fragt, wie es gelingen kann, unsere Welt so zu gestalten, dass sie klimaneutral wird und lebenswert bleibt. Die Texte werden in den kommenden Tagen und Wochen auch digital zu finden sein auf SPIEGEL+. Die Titelgeschichte "Der Kraftakt" können Sie bereits jetzt digital lesen : Europa will der erste klimaneutrale Kontinent werden. Meint die Politik in Berlin und Brüssel das ernst? Und wie könnte es gelingen? 

Die Klimakrise führt zu Migration, gesellschaftlicher Spaltung, Konflikten. Sie katapultiert ganze Branchen ins Abseits, verändert unser Konsumverhalten, unsere Mobilität. Sie durchdringt den Alltag und dominiert politische Debatten. Menschen fürchten den Verlust von Arbeitsplätzen, Parteien und Regierungen ringen um Lösungen, das Thema entscheidet Wahlen. Die Klimakrise ist der Treiber der wohl bedeutsamsten globalen (Jugend-)Bewegung seit den Sechzigerjahren: Fridays for Future haben eine Generation politisiert, indem sie die Themen Generationengerechtigkeit und Generationenverantwortung allfreitaglich auf die Straßen getragen haben.

Greta Thunberg ist die Ikone der Bewegung, sie ist Vorbild in ihrer Wut, Unangepasstheit, Entschlossenheit. Doch sie ist zugleich Reizfigur, an ihr entzündet sich der Widerstand der Klimaskeptiker, die vermutlich den Wandel mehr fürchten als das Klima. Doch der, das zeigt unser Klimabericht, schreitet stetig voran, Minute um Minute. Es ist nicht die Frage, ob es den Wandel gibt; sondern nur, wie wir ihn gestalten.

Das gesamte Projekt wird wachsen, wir ergänzen es fortlaufend.

Herzlich, Ihre
Dr. Barbara Hans, Chefredakteurin

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