Neue Strategie Gen-Spritze soll vor Aids schützen

Eine Schutzimpfung gegen Aids ist seit langem der Traum von Medizinern. Nach zahlreichen Misserfolgen haben Wissenschaftler jetzt eine neue Strategie entwickelt: Das HI-Virus wird nicht frontal angegriffen, sondern ausmanövriert. Im Tierversuch zeigten sich beeindruckende Erfolge.


Philadelphia - Mehr als 25 Jahre Forschungsarbeit sind vergangen, doch noch immer fehlt der Menschheit die ultimative Waffe gegen das HI-Virus. Der Kampf gegen das Virus ist für die körpereigene Abwehr nicht zu gewinnen, weil der Erreger zu schnell mutiert. Forscher sehnen sich deshalb schon lange nach einer Schutzimpfung, die den Aids-Erreger gleich nach seinem Eindringen in den Körper zur Strecke bringt.

HI-Virus: Hoffnung auf Schutzimpfung
Goldsmith/ Feorino/ Palmer

HI-Virus: Hoffnung auf Schutzimpfung

Bisherige Versuche, die Immunabwehr zu einer Reaktion gegen das Virus zu ermuntern, verliefen allerdings ziemlich enttäuschend. Weder ließ sich die Infektion selbst verhindern, noch die Vermehrung des Erregers im Körper. Zuletzt hatten Forscher um Michel Nussenzweig von der Rockefeller University in New York immerhin berichtet, eine Art Schrotflinten-Schuss mit vielen verschiedenen Antikörpern könnte beim Kampf gegen die Krankheit helfen.

Forscher aus den USA hoffen nun darauf, mit einem anderen Ansatz erfolgreicher zu sein - und verweisen auf erste Erfolge in Experimenten. Philip Johnson vom Children's Hospital of Philadelphia und seine Kollegen berichten im Fachmagazin "Nature Medicine" von einer Gentransfer-Technologie, an der das Team seit rund zehn Jahren gearbeitet hat. Die Forscher haben eine Technologie entwickelt, die gegen das mit dem HI-Virus eng verwandte SI-Virus effektiv ist, das bei Affen Aids auslöst.

Johnson und seine Kollegen stellten zunächst Proteine her, die Antikörpern ähneln. Diese sogenannten Immunoadhesine waren speziell darauf ausgerichtet, das HI-Virus zu binden und es daran zu hindern, gesunde Zellen zu befallen. Anschließend fügten sie DNA, die diese Proteine codiert, in sogenannte Adeno-assoziierte Viren (AAV) ein. Diese sollten als Fähre das Genmaterial in die Körperzellen der Affen bringen.

Die Forscher setzten auf AAV, weil sie dafür bekannt sind, ohne langes Zögern ihr Genom ins Erbgut ihres Wirts zu integrieren - beim Menschen zum Beispiel auf dem Chromosom 19. Außerdem werden diese Viren nicht mit Krankheiten in Verbindung gebracht.

Dauerhafte Konzentration schützender Stoffe

Johnson und seine Kollegen spritzten die modifizierten AAV ins Muskelgewebe von neun Makaken. Insgesamt kamen drei verschiedene Varianten zum Einsatz, die jeweils für die Produktion etwas anderer Proteine sorgen sollten. Und tatsächlich: Im Gewebe der Affen stellte die importierte DNA wie geplant die Immunoadhesine her, die in die Blutbahn der Tiere übergingen. Ein Typ war dabei besonders erfolgreich und sorgte für dauerhaft hohe Konzentrationen der schützenden Stoffe.

Einen Monat nach der ersten Injektion wurden die Affen mit dem SI-Virus infiziert. Die Forscher berichten, dass die meisten der Tiere vor dem Erreger geschützt waren: In keinem Fall sei Aids ausgebrochen. In einer ungeimpften Kontrollgruppe aus sechs Affen, die ebenfalls infiziert worden waren, seien zwei Drittel der Tiere an Aids gestorben.

Mehr als ein Jahr lang haben die Forscher hohe Konzentrationen der Immunoadhesine im Blut der geimpften Affen gemessen. Sie hoffen, dass ihre Methode, die gezielt das Immunsystem umgeht, eines Tages zu einer Schutzimpfung gegen Aids weiterentwickelt werden kann. Gleichzeitig warnen sie vor zu viel Euphorie nach den ersten Tierversuchen.

Die Medikamentenentwicklung sei ein langwieriger Prozess mit vielen Hürden. So seien die Versuchstiere etwa durch intravenöse Injektionen infiziert worden. Bei einer Infektion über die Schleimhäute, wie sie bei Menschen realistisch sei, müsse das neue Verfahren seine Wirksamkeit erst noch beweisen. Auch die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus dem Tierversuch auf den Menschen ist ein komplizierter Punkt. So war es Forschern etwa gelungen, Rhesusaffen mit einem Vagina-Gel vor einer SIV-Infektion zu schützen. Ähnliche Versuche beim Menschen scheiterten jedoch.

chs



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