Neue Studie Experten fordern Steuererhöhung gegen Komasaufen

Zehntausende betrunkene Jugendliche landen jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern - und manche von ihnen auf dem Friedhof. Experten rechnen jetzt in einer Studie vor, wie das Problem eingedämmt werden könnte: mit höheren Steuern auf Alkohol.

Hamburg - 73.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Alkoholkonsum. 9,5 Millionen trinken in riskanten Mengen, etwa 1,3 Millionen Deutsche sind alkoholsüchtig. Nachzulesen sind diese Zahlen im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, der am Montag veröffentlicht wurde. Zwar ist der Alkoholkonsum in Deutschland leicht rückläufig, zugleich aber zeigt sich ein anderer Trend: Immer mehr Jugendliche besaufen sich bis zur Besinnungslosigkeit. 23.165 Kinder und Jugendliche landeten im Jahr 2007 mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus - eine Steigerung um 143 Prozent seit dem Jahr 2000.

Experten fordern jetzt eine einfache, aber politisch brisante Maßnahme, um das Problem in den Griff zu bekommen: Steuererhöhung auf Alkohol, notfalls in schwindelnder Höhe. Das sei "der richtige und wichtigste Weg, die Kinder und Jugendlichen zu schützen", schreiben die beiden Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Michael Adams und Tobias Effertz in einer Studie. Dass höhere Preise die Nachfrage senken, sei längst bewiesen.

Insbesondere Adams ist auf diesem Gebiet kein Unbekannter: Er gilt als Vater der sogenannten Alkopop-Steuer, die 2004 eingeführt wurde, nachdem gefährliche Trinkgelage unter Jugendlichen erstmals für Schlagzeilen gesorgt hatten. Nach Einführung der Steuer brach der Alkopop-Markt förmlich zusammen.

In der neuen Untersuchung, die demnächst in einem Fachblatt veröffentlicht wird und SPIEGEL ONLINE vorliegt, gehen Adams und Effertz nun deutlich weiter: Ihre Vorschläge würden Alkohol teils massiv verteuern - auch den bisher steuerbefreiten Wein.

Steuern wie in Skandinavien?

Adams und Effertz stellen zwei Modelle vor: Das "skandinavische Szenario" beinhaltet eine drastische Anhebung der Alkoholsteuern auf das durchschnittliche Niveau von Dänemark, Schweden und Finnland. Die Abgabe auf Bier würde von derzeit neun Cent auf einen Euro pro Liter steigen. Für Wein wären 1,87 Euro und für Schaumwein 65 Cent pro Liter mehr fällig. Spirituosen würden gar um 22,78 Euro teurer werden, wobei sich dieser Wert auf den Liter Reinalkohol bezieht. Ein Liter Korn mit 32 Prozent Alkoholgehalt würde dann 7,29 Euro mehr kosten.

Im zweiten, deutlich milderen Szenario, würden die deutschen Steuern lediglich auf den EU-Durchschnitt steigen. Der Preis für Bier würde dann um etwa 35 Cent, der für Wein um 55 Cent pro Liter klettern. Bei Spirituosen ergäbe sich ein Anstieg um 2,42 Euro pro Liter Reinalkohol.

Die neue Steuer soll sich nach den Vorstellungen der Forscher direkt am Alkoholgehalt der Getränke orientieren - und nicht, wie bisher, Bier, Branntwein, Schaumwein, Zwischenerzeugnisse und Alkopops unterschiedlich behandeln. So soll verhindert werden, dass die Jugendlichen einfach auf das jeweils billigere Getränk umsteigen. Das dergleichen passieren kann, legt auch die Alkopop-Steuer nahe: Nach deren Einführung wurden deutlich weniger Alkopops verkauft, dafür aber stieg der Absatz der Biermischgetränke rasant an.

"Doppelte Dividende"

Inzwischen gelte als erwiesen, dass höhere Steuern den Alkoholkonsum senken, schreiben die beiden Hamburger Forscher. Und: Bei Jugendlichen sei dieser Effekt wesentlich stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Anhand einer Übersichtsanalyse mit 1003 Schätzungen aus 112 Studien , die jüngst im Fachblatt "Addiction" erschienen ist, haben Effertz und Adams ausgerechnet, wie stark höhere Steuern den Alkoholkonsum voraussichtlich sinken ließen.

Das EU-Durchschnittszenario hätte demnach zur Folge, dass die Nachfrage nach Bier um fast 25 Prozent, die nach Wein um rund zehn und die nach Spirituosen um sechs Prozent sinken würde. Die Steuereinnahmen würden zugleich um 3,8 Milliarden Euro steigen. Im "skandinavischen Szenario" würden gar 64 Prozent weniger Bier, 60 Prozent weniger Spirituosen, 32 Prozent weniger Wein und acht Prozent weniger Schaumwein verkauft werden. Die Steuereinnahmen - die laut Adams und Effertz nicht in den allgemeinen Bundeshaushalt, sondern in die Bekämpfung von Sucht und ihren Folgen fließen sollen - würden um 7,2 Milliarden Euro steigen.

Auf diese Weise könnte man eine "doppelte Dividende" einfahren, argumentieren Adams und Effertz: Anstatt viel Geld für "weitgehend unwirksame Aufklärungsmaßnahmen" auszugeben, könnte man mehr Geld einnehmen und sinnvoll investieren - und man würde zugleich etwas für die Gesundheit der Jugendlichen und in geringerem Maße auch der Erwachsenen tun.

Unlust in der Politik

Nur: Die Berliner Politik dürfte kaum mitspielen. Sabine Bätzing etwa, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, dementierte erst Ende März ausdrücklich eine entsprechend Meldung der "Bild"-Zeitung. "Ich fordere keine Steuererhöhungen auf alkoholische Getränke!", ließ die SPD-Politikerin in einer Pressemitteilung verbreiten. Das Wort "keine" stand dort in Großbuchstaben.

Man werde stattdessen versuchen, das Alkoholproblem der Jugend durch Präventionsprogramme in den Griff zu bekommen. Nur: Ob diese Programme wirken, ist in der Fachwelt äußerst umstritten. Eine Reihe von Untersuchungen kam stattdessen zu dem Ergebnis, dass Aufklärung allein am Verhalten von Jugendlichen wenig oder gar nichts ändert.

Dennoch wird die Prävention in der Politik beschworen wie die Heilige Jungfrau. "Wir sollten die Jugendlichen gezielt ansprechen", sagt Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. Eine "undifferenzierten Preiserhöhungs-Strategie" sei nicht zielführend, vor allem keine Steuern wie in den skandinavischen EU-Ländern, die sich laut Bender "nahe an der Prohibition bewegen". Angesichts der massiven Neuverschuldung im Zuge der Wirtschaftskrise könne man den Menschen nicht noch höhere Alkoholsteuern zumuten.

Maria Eichhorn, Drogenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gesteht dagegen zu, dass ein höherer Preis für alkoholische Getränke das Kaufverhalten durchaus ändern kann - "gerade bei Jugendlichen". Dies zeigten auch die Erfahrungen mit Alkopops. Allerdings sei trotz der Einführung der Alkopop-Steuer die Zahl der Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen gestiegen. Eichhorn fordert deshalb "verstärkte Präventionsarbeit, eine strikte Durchsetzung der Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes sowie eine konsequente Ahndung von Verstößen".

Die FDP pocht dagegen auf freies Trinken für freie Bürger. Die Hamburger Studie sei mal wieder "ein typisches Beispiel dafür, individuelles Fehlverhalten mit flächendeckenden Lösungen zu bekämpfen", sagte Detlef Parr, präventionspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Was Adams und Effertz vorschlagen, sei keine Lenkungssteuer gegen exzessives Trinken, sondern eine Steuer auf das Trinken an sich. Man müsse zunächst die Ursachen der jugendlichen Trinkgelage erforschen. "Ich plädiere da gern für die drei Z", sagte Parr zu SPIEGEL ONLINE: "Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung."

Verfügbarkeit verändert den Konsum

Ob das allein hilft, dürfte fraglich sein. Götz Mundle, Chefarzt der Oberbergklinik Schwarzwald, sieht Jugendliche heute einem wesentlich höheren Leistungsstress ausgesetzt als in früheren Zeiten. "Es herrscht ein immenser Druck und zugleich eine enorme Informationsflut, mit der viele nicht fertig werden", sagte der Psychiater und Psychotherapeut im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Kinder müssen frühzeitig lernen, sich selbst und ihr Stressniveau wahrzunehmen und damit umzugehen."

Das Mittel der Erhöhung von Alkoholpreisen hält der Mediziner nicht für das einzige, wohl aber für ein wirksames Mittel. "Die Verfügbarkeit ändert immer auch den Konsum", sagt Mundle. "Der günstige Preis ist sicherlich ein zu hinterfragender Anreiz."

Die Preisentwicklung rechnen Adams und Effertz in ihrer Studie vor: Demnach sind alkoholische Getränke in den vergangenen 40 Jahren in Deutschland real um fast 30 Prozent billiger geworden. "Damit ist ein erheblicher Anreiz zu erhöhtem Alkoholkonsum verbunden", meinen die Forscher.

Natürlich, so räumen sie ein, brächten Preiserhöhungen auch Einbußen für die Alkoholindustrie mit sich. Das aber sehen die Wissenschaftler als notwendiges Übel an: "Es lassen sich wohl schwerlich Arbeitsplätze verteidigen, deren Tätigkeit in wesentlichem Umfang mit der gesundheitlichen Schädigung und Verleitung zur Alkoholsucht von Kindern und Jugendlichen verbunden ist."

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