Neue Theorie Dauerinfektion schützt vor Allergie

Die Nase trieft, die Augen jucken. Vor allem in Industrieländern hat die Zahl der Allergiker deutlich zugenommen. Nach neuesten Studien soll dies daran liegen, dass die Menschen in der westlichen Welt zu selten an Dauerinfektionen leiden.


Jeder dritte Deutsche leidet unter einer Allergie
AP

Jeder dritte Deutsche leidet unter einer Allergie

Allein in Deutschland ist jeder Dritte Allergiker. Auch in den europäischen Nachbarstaaten und in Nordamerika wächst die Zahl ständig - und ist um ein vielfaches höher als in Afrika, Asien oder Südamerika. Ein Mangel an Dauerinfektionen könnte dies bewirken, berichten Wissenschaftler im US-Fachmagazin "Science".

Erreger wie die Parasitenwürmer Helminth, so die Forscher, kurbeln die Produktion von infektionsbekämpfenden Stoffen im Körper an. Studien zeigten, dass das Risiko für allergische Reaktionen mit dem wachsenden Anteil dieser Zytokine sinke. Weltweit sind mindestens eine Milliarde Menschen von Helminth-Würmern befallen.

Diese Erkenntnis soll nun für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden gegen Allergien genutzt werden, sagte Co-Autor Peter G. Kremsner vom Institut für Tropenmedizin der Universitätskliniken Tübingen. Eine Schlüsselrolle bei der Abwehr von Infektionen spielt nach Angaben von Kremsner das körpereigene Immunhormon Interleukin-10.

Bei Menschen in industrialisierten Ländern, die Infektionen seit Generationen durch Impfungen vorbeugten oder sie mit Antibiotika bekämpften, sei die Produktion dieses Hormons aber häufig gestört, so der Mediziner. Bei ihnen werde Interleukin-10 entweder gar nicht oder nur unzureichend produziert. Das sei der Grund, weshalb ihre Körper gegen manche Stoffe mit allergischen Schüben wie Hautekzemen, Heuschnupfen und Asthma reagierten. "Wir zahlen einen Preis für die Zivilisation", kommentierte Kremsner die Forschungsergebnisse.

In der Studie heißt es weiter, die ständige Herausforderung durch Erreger sei entscheidend für die Entwicklung eines ausgewogenen Abwehrsystems im Körper. Jetzt müsse überlegt werden, wie die T-Zellen des Immunsystems zur Vorbeugung und Behandlung von Allergien stimuliert werden könnten, ohne die Impfungen im Kindesalter zu streichen. Es sei vor allem vielversprechend, die für die Infektionsbekämpfung zuständigen Gene zu identifizieren.



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