Neue Zellen Vom Knochenmark ins Hirn

Knochenmark könnte sich als idealer Rohstoff für neue Hirnzellen erweisen. Noch allerdings steckt die Forschung beim Menschen in den Kinderschuhen.


Washington - Gleich in zwei Tierversuchen haben Stammzellen ihre Fähigkeit gezeigt, sich nach einer Transplantation in anderes Gewebe zu verwandeln. In einer Studie am National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Bethesda (US-Bundesstaat Maryland) wanderten Knochenmarks-Stammzellen von erwachsenen Mäusen nach der Transplantation in verschiedene Gehirnregionen. Dort entwickelten sich zu Neuronen und bauten sich übergangslos ins Gehirn ein.

Verwandlungskünster: Stammzellen können im Gehirn von Mäusen zu Neuronen werden
DPA

Verwandlungskünster: Stammzellen können im Gehirn von Mäusen zu Neuronen werden

Forscher der Stanford University im kalifornischen Palo Alto kamen mit einer anderen Methode und einer anderen Art von Mäusen zu demselben Ergebnis.

Die Untersuchungen von Eva Mezey (Bethesda) und Timothy Brazelton (Palo Alto) erschienen am Freitag im Wissenschaftsmagazin "Science". Die Forscher gehen davon aus, dass es sich bei dem untersuchten Phänomen um einen bislang unentdeckten Heilungsprozess im Gehirn handelt, bei dem der Körper eigenständig zerstörtes Gewebe ersetzt.

Allerdings gehe die Reparatur nur sehr langsam voran. Die Forscher zweifeln daher, dass der Prozess ausreicht, um schwere Schädigungen, wie sie durch einen Unfall oder die Parkinsonsche Krankheit hervorgerufen werden können, rückgängig zu machen. Mediziner könnten jedoch eines Tages einen Weg finden, den natürlichen Prozess künstlich zu verstärken - neue Wege in der Therapie von Hirnkrankheiten scheinen möglich.

In einem begleitenden Kommentar warnt "Science" allerdings, aus den zahlreichen Erfolgen bei Nagern abzuleiten, dass die Stammzellen-Therapien auch beim Menschen bald Hirn- und Immunzellen ersetzen, schwache Knochen stärken und neue Blutgefäße bilden können.

Menschliche Zellen wachsen langsamer und teilen sich seltener als die Zellen von Mäusen, heißt es erläuternd in "Science". Selbst bei einer Transplantation in Mäusegewebe verhielten sich menschliche Stammzellen anders als die Stammzellen von Nagern. Das Ergebnis sei schwerer vorhersehbar.

Laut "Science" gibt es bisher erst eine Hand voll von Versuchen mit Stammzellen aus dem Rückenmark von Menschen, die Hoffnung verheißen. So berichtete das "Journal of Neuroscience" im August von einer Studie, bei der sich solche Zellen in einer Laborkultur zu einem Typ von Nervenzellen verwandelten. "Nature" hatte im Sommer bereits eine Untersuchung mit britischen Frauen veröffentlicht, bei denen sich Spenderzellen aus dem Rückenmark von Männern zu neuen Leberzellen entwickelt hatten.

"Science" zitiert auch den deutschen Stammzellenforscher Oliver Brüstle von der Universität Bonn, der darauf hinweist, wie schwer die Produktion der erforderlichen Menge von Stammzellen zur Transplantation ist. Es werde noch viele Jahre dauern, bis die molekularen Vorgänge erforscht seien, die die Wandlung von Stammzellen zu Nerven-, Leber- oder Knochenzellen ermöglichen. Erst dann könnten Mediziner daran denken, diesen verheißungsvollen Zelltyp klinisch bei Menschen zu testen und einmal therapeutisch einzusetzen.



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