Verhandlungen über Antarktisvertrag »Die Sorge ist groß, dass die Region auf einen kritischen Kipppunkt zusteuert«

Vor 60 Jahren trat der Antarktisvertrag in Kraft. Es wird Zeit, das Südpolarmeer endlich besser unter Schutz zu stellen, mahnt ein neuer Bericht. Denn die Region ist entscheidend für das Weltklima.
Orcas tauchen aus einem Eisloch im Südpolarmeer auf

Orcas tauchen aus einem Eisloch im Südpolarmeer auf

Foto: John Weller

Die Antarktis galt lange als Eiswüste, die höchstens Wissenschaftler, ein paar Fischer oder Extremsportler interessiert. Notgedrungen müssen sie sich in der lebensfeindlichen Umgebung herumschlagen. Doch als vor rund 190 Jahren bekannte Entdecker wie James Clark Ross oder James Weddell damit begannen, den damals geheimnisvollen Kontinent zu erforschen, ahnten sie wohl noch nicht, welche tragende Rolle Klimaforscher den Eismassen um den Südpol einmal beimessen würden.

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Dass die Antarktis einen besonderen Status einnimmt, zeigt sich auch in der Verwaltungsstruktur des Gebiets, dass nahezu vollständig von der größten Eismasse der Erde bedeckt ist. Seit 1959 gibt es den Antarktisvertrag, den damals zwölf Länder schlossen und dem bis heute historische Bedeutung beigemessen wird. Er trat gut eineinhalb Jahre später, am 23. Juni 1961, in Kraft und regelt, dass die Antarktis ausschließlich friedlicher Nutzung unterliegt und überwiegend der Forschung vorbehalten sein soll.

Regelmäßig treffen sich die Vertragspartner und beraten über Verlängerungen bestehender Verträge oder nehmen Neues in das komplexe Vertragswerk auf, das unter dem Antarctic Treaty System (ATS) zusammengefasst ist. Auch ab diesem Montag sitzen Experten und Forscherinnen in Paris einige Tage beim 43. Treffen beisammen, pünktlich zum 60. Jubiläum des Vertrags. Beraten will die internationale Staatengemeinschaft beispielsweise auch über die Folgen des Klimawandels und die Implikationen für die Umwelt.

Das ist auch dringend nötig, mahnt im Vorfeld des Treffens nun eine Gruppe Wissenschaftler in einem Bericht. Denn die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis, kurz CCAMLR (Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources), habe sich als Teil des Antarktisvertrages immer noch nicht ausreichend um die Problematik des Klimawandels gekümmert, bemängeln die Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Zu dem Team gehört beispielsweise die argentinische Meeresbiologin Andrea Capurro von der Boston University oder die französische Geowissenschaftlerin Florence Colleoni vom Geophysikalischen Institut Triest.

Wal im Südpolarmeer

Wal im Südpolarmeer

Foto: John Weller

Dabei wirkt sich der Klimawandel gerade in der Antarktis stark auf das gesamte Erdsystem aus. Das hatten zuletzt auch neue Studien gezeigt. In ihrem Bericht, den das Wilson Center Polar Institute in Washington veröffentlicht und der dem SPIEGEL vorliegt, hat das Expertenteam nun zusammengetragen, welche Faktoren insbesondere im Südpolarmeer eine Rolle spielen. Der Südliche Ozean umgibt den Eiskontinent vollständig. Er ist zwar nur der zweitkleinste Ozean der Erde, aber über seine Anschlüsse an den Atlantik, den Pazifik und den Indischen Ozean hat er direkten Einfluss auf die großen Weltmeere.

Durch die Verbindung der Ozeanbecken reguliert er die Speicherung und den Transport von Wärme, Sauerstoff und Nährstoffen, die von hier aus durch Strömungen weltweit in Umlauf gebracht werden. Außerdem kommt dem Südlichen Ozean eine sehr wichtige Rolle bei der Speicherung von Kohlenstoff zu, das Südpolarmeer trägt trotz seiner vergleichsweise geringen Größe etwa 40 Prozent zur Kohlenstoffsenke der Meere bei, die vom Menschen in die Luft geblasenes CO₂ speichert (mehr dazu lesen Sie hier).

Identifiziert wurden in dem Bericht fünf miteinander verbundene Prozesse, die weitreichende Veränderungen für Öko- und Klimasystem weit über die Antarktis hinaus bedeuten. Darunter sind:

  • Der Anstieg der Meerestemperaturen im Südpolarmeer, der den Rückgang des auf dem Wasser schwimmenden Schelfeises antreibt und letztlich zum Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter führen könnte. Vor diesem Prozess und dem Rückgang der großen Gletscher wie beispielsweise dem Pine-Island-Gletscher in der Westantarktis warnen Forscher schon lange.

  • Der Verlust von Ökosystemen und Artenvielfalt durch Veränderungen des Meereises.

  • Die Versauerung des Meeres, die als Folge von Veränderungen in der Chemie der Ozeane und erhöhter Aufnahme von Kohlendioxid zu Störungen der aquatischen Ökosysteme führen kann (mehr dazu lesen Sie hier).

  • Die Veränderungen der regionalen Kohlenstoffspeicherung. Denn bekannt ist, dass die sogenannte biologische Kohlenstoffpumpe, bei der von Mikroorganismen im Meer CO₂ aufgenommen wird, durch die wärmeren Wassertemperaturen schwächeln wird.

  • Die Befürchtung, dass die Ökosysteme nicht nur regional, sondern auch global in Schieflage geraten und ein Verlust der biologischen Vielfalt droht.

Einige der aufgerührten Mechanismen sind bereits bekannt. So hatte beispielsweise erst kürzlich eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik) untersucht, wie sich das Abschmelzen der Eismassen in der Westantarktis und in Grönland global auswirkt.

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Wenn Schmelzwasser in den Ozean gelangt, entsteht ein Prozess, der die Zirkulation des Wassers im Atlantik verlangsamt, die durch Unterschiede in Temperatur und Salzgehalt angetrieben wird. In der Folge würde Wärme aus den Tropen in die mittleren Breiten und Polarregionen transportiert. Das Eis der Antarktis und auch der Arktis gilt Forschern daher als sogenanntes Kippelement oder Kipppunkt, denn letztlich würde der Erwärmungsprozess noch steigen und sich selbst befeuern. Die Erde geriete in einen Teufelskreis. Letztlich seien auch schwere Schäden der Amazonas-Biosphäre zu befürchten.

»Während wir uns darauf vorbereiten, am 23. Juni den 60. Jahrestag des Antarktisvertrages zu feiern, ist die Sorge groß, dass diese fragile und doch lebenswichtige Polarregion auf einen kritischen Kipppunkt zusteuert – mit ernsten Konsequenzen für uns alle«, sagte Evan Bloom, einer der beteiligten Forscher vom Wilson Center Polar Institute.

Dass der aktuelle Bericht die Auswirkungen bündelt, hat einen Grund. Seit Jahren ringen Umweltaktivisten, Wissenschaftler und auch deutsche Politiker um ein Netz aus Schutzgebiet rund um die Antarktis. Zwar hat die Region grundsätzlich durch den Antarktisvertrag einen völkerrechtlichen Sonderstatus inne und auch im Rossmeer wurde so ein Meeresschutzgebiet bereits geschaffen. Aber bisher sind diplomatische Versuche, so ein System in der Verwaltungsstruktur der Antarktis-Kommission CCAMLR zu etablieren, gescheitert. Drei Vorschläge zu Meeresschutzgebieten liegen der CCAMLR vor, die Verhandlungen dazu stehen noch aus.

Maßnahmen in die Verwaltungsstruktur einbetten

Erst Ende des vergangenen Jahres war ein erneuter Versuch fehlgeschlagen, im artenreichen Weddellmeer das weltgrößte Meeresschutzgebiet zu etablieren. Die 25 Mitgliedstaaten sowie die EU, die der Kommission angehören, kamen zu keinem einstimmigen Ergebnis, weil China und Russland nicht mitzogen. Den beiden Nationen geht es um wirtschaftliche Interessen wie die Fischerei. Auch die Schaffung von anderen Meeresschutzgebieten in der Antarktis lehnten sie bisher ab.

Dabei gilt gerade das Weddellmeer als noch halbwegs intakte Region, in der sich beobachten lässt, wie das ursprüngliche Klima- und Ökosystem Antarktis funktioniert. Dort leben Tausende von Tierarten, darunter Orcas, Blauwale, Buckelwale oder Kaiserpinguine.

Vor dem Hintergrund der kommenden Sitzung der Kommission plädiert der Wilson-Report dringend dafür, der Region eine höhere Priorität einzuräumen und Maßnahmen zum Klimaschutz in die CCAMLR-Agenda einzubeziehen. »Als Notfallmaßnahme müssen wir ein zirkumpolares Netzwerk von Meeresschutzgebieten schaffen, um das Südpolarmeer vor weiteren Gefahren zu schützen«, so Bloom. Dies würde der Antarktis eine Atempause verschaffen, während gleichzeitig Kürzungen der Treibhausgasemissionen ein weiteres Umkippen verhindern könnten. Denn letztlich kämen Maßnahmen den Menschen auf der ganzen Welt zugute.

Kaiserpinguine leben an den kalten Gewässern der antarktischen Zone

Kaiserpinguine leben an den kalten Gewässern der antarktischen Zone

Foto: John Weller

Konkret schlagen die Forscher vor, Überlegungen zum Klimawandel in alle Schutzmaßnahmen zu integrieren, beispielsweise in das bestehende Fischereimanagement. Arten, die vom Klimawandel stärker betroffen sind, müssen besser geschützt werden.

Die Meeresbiologin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, die nicht am Wilson Center Report beteiligt war, lobt die Arbeit der Kollegen. Es sei das erste Mal, dass die Bedeutung der Region mit wichtigen Faktoren für den Klima- und den Artenschutz so umfassend zusammengefasst würde, so Boetius. »Der Bericht macht klar, dass der Klimawandel auch in der Antarktis schon da und nicht nur eine Bedrohung der Zukunft ist«.

Laut Boetius führen ausgerechnet die beunruhigenden Veränderungen wie beispielsweise der Anstieg der Meerwassertemperaturen und seine negative Wirkung auf die Eisbedeckung zu neuen Begehrlichkeiten, wie auch schon in der Arktis geschehen. Wenn das sommerliche Meereis auch im Weddellmeer abnimmt, könnte es mehr Fischerei und Tourismus geben. Das wollen einige Nationen wohl gern nutzen. Im Weddellmeer war eine Befischung schlicht nicht möglich, weil dort ganzjährig Eis liegt.

Weddellrobbe beim Tauchgang

Weddellrobbe beim Tauchgang

Foto: John Weller

Seit einiger Zeit beobachten Forscher Veränderungen in der Natur. Beispielsweise schwanken die Bestände an Antarktischem Krill, die Krebstierchen sind Nahrungsgrundlage für viele Tiere wie Wale. Warum das passiert, ist noch nicht genau bekannt. Fest steht, das in dem komplexen Ökosystem auch kleinste Veränderungen Einflüsse haben können. Doch seit Jahren wird in der Antarktis kommerziell nach Krill gefischt, um daraus Präparate von Omega-3-Fettsäuren zu machen. Und durch den Rückgang des Eises gelangen Fischer immer leichter an die Tiere.

Boetius warnt vor dem Risiko von Störungen durch Eingriffe wie Fischerei und durch mögliche Unfälle. Dass die Wissenschaft bisher nicht die genauen Gründe für das Schwanken der Bestände kenne, dürfe nicht als Argument herhalten, die Fischereitätigkeiten weiter auszudehnen. »Die Natur brauche einen Ruheraum«, sagt sie.

So schnell wie möglich müsse es deshalb Schutzgebiete geben, die nur über den Antarktisvertrag laufen können. Ob man in Paris einen Schritt weiter komme, mag sie nicht beurteilen. Aber immerhin haben sich Nationen wie China zuletzt klarer für den Klimaschutz ausgesprochen. Am Verhandlungstisch können sie zeigen, wie ernst sie das meinen. Es wäre eine gute Übung für die Klimakonferenz in Glasgow im November, denn auch dort wird es um das Südpolarmeer gehen.

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