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03. Februar 2013, 07:12 Uhr

Ausgegraben

Heilige Kühe aßen schon vor 4000 Jahren Curry

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Bereits in der frühen Indu Kultur waren Gewürzmischungen sehr beliebt. Forscher fanden den Nachweis in Kochtöpfen und an Kuhzähnen. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: Indianische Mega-Hügel und tödliche Reißleinen.

Was ist eigentlich Curry? Heute verstehen wir darunter allgemein jene Gewürzmischung, die britische Händler in Indien kennenlernten, als sie dort im 17. Jahrhundert die einheimischen Gerichte kosteten. In unterschiedlichen Mischungsverhältnissen gehören dazu Zwiebeln, Ingwer, Kurkuma, Knoblauch, Pfeffer, Chilies, Koriander, Kreuzkümmel, Nelken und wahlweise noch andere Gewürze. Doch diese Mischung scheint bei weitem nicht indisch, sondern ein internationales Produkt.

Indische Händler importierten die Gewürznelken aus Südostasien, die Portugiesen sind für die Chilies verantwortlich, die sie im 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt mit in die Handelsniederlassungen an der indischen Westküste brachten. Das Wort selbst stammt wahrscheinlich vom tamilischen "kai" und bedeutet schlicht Soße.

Nun haben Archäologen einen Nachweis gefunden, dass die Menschen der Indus Kultur bereits 4000 Jahre vor Ankunft der Europäer auf dem indischen Subkontinent offenbar eine Vorliebe für Gewürzmischungen mit Ingwer, Knoblauch und Kurkuma hatten. Die Indus Kultur blühte zwischen 2500 und 1800 v. Chr., etwa zur gleichen Zeit wie die Ägypter ihre Pyramiden bauten und die Mesopotamier Großstädte an Euphrat und Tigris.

Arunima Kashyap und Steve Weber von der Washington State University in Vancouver (Kanada) schauten für ihre Forschung in die Kochtöpfe der Stadt Farmana, zwei Stunden westlich von Delhi. Sowohl an den Wänden der Gefäße aus dem späten dritten Jahrtausend vor Christus als auch an Zähnen, gefunden auf dem Friedhof der Stadt entdeckten sie Stärkereste.

Die stammen von den gekochten, beziehungsweise später dann verzehrten Pflanzen - jede mit ihrer ganz spezifischen Molekularstruktur. So konnten die Forscher die Zutaten bestimmen: Ingwer und Kurkuma. Zum Vergleich kochten die Forscher traditionelle Gerichte in ihrer eigenen Küche nach und untersuchten die Reste an den eignene Topfwänden. Verkohlten Knoblauch entdeckten die Archäologen dagegen in Kochstellen.

Erstaunlicherweise klebten auch an Kuhzähnen in Harappa, einer der größten Städte der Indus Kultur, Ingwer und Kurkuma. Doch Weber hat dafür eine einleuchtende Erklärung: Noch heute stellen die Leute in der Region die Reste ihres Essens nach draußen, damit frei herumwandernde Kühe davon naschen können. Zahllose Abbildungen von Kühen auf Tonsiegeln der Indus Kultur deuten darauf hin, dass schon bei ihnen die Tiere vermutlich als heilig galten. Vielleicht labten sich also bereits damals die heiligen Kühe schon an dem, was wir heute als Curry kennen und lieben.

+++ Artefakt von der Vermessung der Welt +++

Wie lang ist der Meridian, der durch den Petersdom läuft, und wieviel Land besitzt die katholische Kirche? Um Antworten auf diese beiden Fragen zu finden, beauftragte Papst Benedikt XIV. im Jahr 1750 die Jesuiten Christopher Maire und Roger Boscovich mit der Vermessung. Als Masseinheit suchten sich die beiden Geodäten eine Strecke zwischen dem Grab der Cecilia Metella und einer Ruine in der Nähe der Stadt Frattocchie. Auf dieser Grundeinheit ließen sich weitere Dreiecke bilden, die man zur Vermessung über das Land oder sogar über ganze Kontinente legen konnte. Beide Endpunkte der Grundlinie lagen genau auf der alten römischen Via Appia, die von Rom nach Brindisi führte. Das Land war flach und sowohl das Grab als auch die Turmruine als Landschaftsmarker weithin sichtbar. "Markierungspunkt A", am Grab der Cecilia Metella, wurde bereits 1999 gefunden.

Nun haben Archäologen auch den "Markierungspunkt B" entdeckt: Ein Steinblock mit einer gelochten Metallplatte darauf. Doch der stammt nicht von Maire und Boscovich. Als 1755 ihr Werk unter dem Namen "De Litteraria expeditione per pontificiam ditionem ad dimetiendos duos meridiani gradus a PP. Maire et Boscovicli" erschien, wurden die Ergebnisse heftig kritisiert. Zwischen November 1854 und April 1855 machte sich der Leiter der Vatikansternwarte Angeloa Secchi daran, alles noch einmal von vorne zu vermessen: Er war es auch, der die Markierungssteine aufstellte. Wie schon Markierungspunkt A am Grab der Cecilia Metella wird auch Markierungspunkt B an der Turmruine nicht entfernt, sondern darf als Monument vor Ort verbleiben. Die Grundlinie zwischen den beiden Markern maß genau 12.043,14 Meter.

+++ Das Ende des ersten U-Bootes +++

Am 17. Februar 1864 beschoss die "CSS Hunley" im Hafen von Charleston im US-Bundesstaat South Carolina unter dem Kommando von George E. Dixon das konföderierte Kriegsschiff "USS Housatonic" mit einem Spierentorpedo. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein U-Boot im Kampf ein gegnerisches Schiff versenkte. Doch auch die "Hunley" kehrte von ihrem Einsatz nicht zurück.

Bisher glaubten die Historiker, das U-Boot habe die "USS Housatonic" aus sicherer Entfernung von rund 30 Metern zerstört. Die Mannschaft der "Hunley" fanden die Unterwasserarchäologen bei der Entdeckung noch auf ihren Gefechtsstationen, sie schienen also eher erstickt als durch Gewalteinwirkung oder Wassereinbruch gestorben zu sein. Doch ein neuer Fund könnte diese Theorie über den Haufen werfen. Die Konservatoren entdeckten an der Hülle des U-Bootes ein Stück seines eigenen Torpedos. Die Kupferwand des Geschosses klebte unter einer dicken Schicht von gehärtetem Sand und Muscheln.

Die Technik war damals wie folgt: Das U-Boot verankerte den Torpedo an der Wand des feindlichen Schiffes und zündete ihn dann mit einer Reißleine - eigentlich aus sicherer Entfernung. Zur Sicherheit waren die Torpedos sogar mit drei unterschiedlichen Reißleinen versehen. Doch in diesem Fall scheint die Crew gezwungen gewesen zu sein, die Leine schon wesentlich früher zu ziehen, als sich die "Hunley" noch in unmittelbarer Nähe befand.

Dass es ein Selbstmordkommando war, glauben die Historiker trotzdem nicht. Aber die Schockwellen der Explosion könnten doch an der Hülle des U-Bootes schweren Schaden angerichtet haben. Wie schwer der Schaden war, lässt sich noch nicht abschätzen, denn noch ist die Außenhaut der "Hunley" dick mit der Schicht Sand und Muscheln verkrustet.

+++ Das Geheimnis von Poverty Point +++

Vor über 3000 Jahren bauten Indianer am Poverty Point auf einer Talebene des Mississippi gigantische Erdwerke. Die sechs konzentrischen Kreise und sechs Hügel verteilen sich auf rund 160 Hektar an einem Hangabbruch zu einem Wasserlauf. Über die Erbauer dieser Erdwerke ist nur wenig bekannt. Sie lebten als Jäger, Sammler und Fischer, konnten einfache Keramik herstellen und bezogen das Material für ihre Steinwerkzeuge aus unglaublichen Entfernungen - bis zu 2000 Kilometer entfernt. Der Lebensraum dieser Kultur - benannt nach dem Fundplatz Poverty Point - erstreckte sich von seinem Zentrum in Louisiana bis nach Mississippi, Arkansas und Florida. Wie schafften es Menschen, die täglich ihr Essen sammeln, jagen oder fischen mussten, solch gewaltige Erdwerke zu errichten?

Eine Theorie war bisher, dass sie über Jahrzehnte hinweg immer wieder Erde aufhäuften - beispielsweise an besonderen Tagen im Jahr. Doch weit gefehlt. Neue Ergebnisse von Forschungen am knapp 22 Meter hohen Mound A zeigen nun ein ganz anderes Bild. Wie Anthony Ortmann von der Murray State University in Kentucky und Tristram Kidder von der Washington University in St. Louis in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Geoarchaeology" berichten, gibt es keine Hinweise darauf, dass die Arbeiten unterbrochen wurden. Weder gibt es Spuren von Erosion, noch von natürlichen Ablagerungen oder von Phasen menschlicher Nutzung im Inneren des Hügels. Statt dessen deutet alles darauf hin, dass der Mega-Hügel in nur drei Monaten aufgeschichtet wurde. Das bedeutet aber, dass viele Menschen an diesem Projekt beteiligt gewesen sein müssen - und noch mehr, um diese Bauarbeiter während der Zeit mit Essen zu versorgen.

In einer Jäger-Sammler-Gesellschaft, wie wir sie uns heute vorstellen, wäre so ein Gemeinschaftsakt kaum möglich gewesen. Ortmann und Kidder glauben nicht, dass die Erdwerke von Poverty Point von Sklaven gebaut wurden. "Wir argumentieren stattdessen, dass der Mound A in einem rituellen Akt errichtet wurde", schreiben sie in ihrem Aufsatz.

+++ Schätze unter Erdbebenruinen +++

Am 22. Februar 2011 bebte um 12:51 Uhr die Erde der neuseeländischen Stadt Christchurch. 185 Menschen kamen dabei ums Leben. Bis zu 10.000 Wohnhäuser mussten abgerissen, rund 100.000 weitere repariert werden. Doch was für die Menschen eine Tragödie ist, ist für die Archäologen ein Glücksfall. Denn jedes Mal, wenn ein Haus abgerissen wird, bekommen sie Gelegenheit, den Boden der ältesten europäischen Stadt Neuseelands zu untersuchen.

Unter den Trümmern des Isaac Theatre Royal fanden die Ausgräber beispielsweise Flaschen, Keramik und Schmelztiegel, wie sie von Goldgräbern benutzt wurden. Sie stammen aus der Abfallgrube eines Wohnhauses und datieren um 1870. Kirsa Webb von der Firma Underground Overground Archaeology war vor allem von den Schmelztiegeln beeindruckt: "Das ist sehr seltsam - wir wissen nicht, warum sie dort lagen. Auf alten Karten von 1877 sind in dem Häuserblock nur ganz wenige Häuser zu sehen."

An anderen Stellen der Stadt fanden die Archäologen eine ganze Bandbreite von Gegenständen aus dem Leben der Stadt, von Maori-Artefakten aus einer Zeit lange bevor es Christchurch gab bis hin zu einem modernen Rollschuh, Goldgräberausrüstungen und tausenden von Flaschen. Der Rollschuh stammt von einer Grabung an der New Regent Street, wo tatsächlich eine Rollschuhbahn stand. Besonders viele Flaschen lagen unter unter dem Occidental Hotel in der Hereford Street und dem Oxford on Avon Hotel in der Colombo Street - Zeugnisse vergangenen Alkoholkonsums.

Die Artefakte gehören rechtlich den Eigentümern der Grundstücke, auf denen sie gefunden werden. Nur die Maori-Artefakte gehören der Krone und werden den jeweiligen Vertretern der Maori übergeben.

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