Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Was uns Schuhe und Klos über die alten Römer verraten

Große Statuen säumten einen Pool bei Rom - und dienten vielleicht dem Dichter Ovid als Inspiration. Kinderschuhe aus der Römerzeit lassen Schlüsse auf deren Eltern zu. Und die Bewohner Pompejis nutzten Toiletten im ersten Stock ihrer Häuser. Dies und mehr in den Archäologie-Meldungen der Woche.
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Fund aus der Römerzeit: Traurige Niobe am Pool

Ein ungewöhnlicher Aufstellungsort: Im Swimmingpool einer Villa vor den Toren Roms haben Archäologen sieben überlebensgroße Statuen gefunden. Sie stellen Figuren aus einem Mythos dar, den der römische Dichter Ovid in den "Metamorphosen" verarbeitet. Die Skulpturen zeigen die Charaktere aus der Geschichte der Niobe. Diese hatte 14 Kinder und prahlte damit, fruchtbarer zu sein als die Göttin Leto. Um sie zu bestrafen, gab Leto ihren Zwillingen Artemis und Apollo den Befehl, alle 14 Kinder der Niobe töten. Daraufhin verwandelte Niobe sich in einen weinenden Stein.

Die Villa mit dem Pool gehörte einst dem Mäzen des Dichters, Messalla Corvinus. Die Skulpturen waren ursprünglich ein Teil der reichen Dekoration um den Pool. Wahrscheinlich fielen sie bei einem Erdbeben im 2. Jahrhundert hinein. Die Ausgräber stellen nun die Frage, was zuerst da war: Ovids Metamorphosen oder die Statuen. Entweder ließ Messalla Corvinus die Skulpturen nach dem Gedicht anfertigen - oder Ovid wurde durch die Figuren erst zu dem Gedicht inspiriert, während er im Pool seines Mäzens badete.

+++ Pompeji: Stilles Örtchen im ersten Stock +++

Aus einem Vorort von Pompeji stammendes Fresko: Fortschrittliche sanitäre Anlagen

Aus einem Vorort von Pompeji stammendes Fresko: Fortschrittliche sanitäre Anlagen

Foto: DPA

Im römischen Pompeji konnten Bewohner auch in im ersten Stock ihrer Häuser dringende Bedürfnisse erledigen. Das zeigt eine neue Untersuchung, die A. Kate Trusler von der University of Missouri auf dem Jahrestreffen des Archaeological Institute of America in Seattle vorstellte. Viele der oberen Stockwerke verfügten demnach über Toiletten mit Spülung.

Zwar wurden etliche Häuser der Stadt beim verheerenden Vulkanausbruch im Jahr 79 zerstört. Doch in den oberen Stockwerken, die bis heute stehen, gibt es tatsächlich 23 noch existierende Aborte. Von diesen Toiletten aus führen Rohre nach draußen, über die Flüssiges und Festes weggespült werden konnte. Trusler fand bei ihrer Bestandsaufnahme 286 weitere dieser Rohre in oberen Stockwerken, die einst von stillen Örtchen wegführten.

Offenbar zogen die Bewohner bestimmter Stadteile Toiletten in luftiger Höhe denen zu ebener Erde vor. Die Häuser, in denen die Latrinen eher oben statt unten zu finden waren, liegen meist in den älteren Bereichen der Stadt. Hier sind in den ebenerdigen Räumen Geschäfte oder kleine Werkstätten untergebracht, jeder Quadratmeter Erdgeschoss wurde benötigt. Trusler konnte ihre Vermutung der höhergelegenen Toiletten auch chemisch belegen: Proben aus den Rohren erbrachten tatsächlich den Nachweis von Fäkalien und Darmparasiten.

+++ Modellbau für eine gigantische Kuppel +++

Santa Maria del Fiore in Florenz (Archivbild): Gigantische gemauerte Kuppel

Santa Maria del Fiore in Florenz (Archivbild): Gigantische gemauerte Kuppel

Foto: Claudio Scaccini/ ASSOCIATED PRESS

Ganz in der Nähe des Florentiner Doms Santa Maria del Fiore haben Archäologen ein Mini-Modell des Bauwerks gefunden, das wahrscheinlich dem Architekten als Versuchsobjekt diente. Die Miniatur-Kuppel mit nur knapp drei Meter Umfang könnte dem Baumeister Filippo Brunelleschi (1377-1446) zur Erprobung einer neuen Bautechnik gedient haben.

Die Technik, mit der er die riesige Kuppel ohne Hilfe eines Gerüstes errichtete, war zuvor nur im Orient bekannt gewesen. Santa Maria del Fiore ist das erste europäische Bauwerk, bei dem sie angewendet wurde. Die Kuppel ist mit über 43 Metern Durchmesser die größte gemauerte Kuppel der Welt. Brunelleschi verbaute darin 25.000 Tonnen Stein, Holz und Ziegel.

Der Trick des Baus beruht auf einem komplizierten Fischgrätenmuster, das den Druck nach unten verteilt. In diesem Muster ist auch der Mini-Dom aufgeschichtet. Er wurde bei Bauarbeiten für die Erweiterung des Dom-Museums entdeckt. Das Gelände gehörte zu einem Hof, den Brunelleschi zwischen 1420 und 1436 angelegt hatte. Wenn das neue Museum im Oktober 2015 eröffnet, soll der kleine Dom dort ausgestellt werden.

+++ Römische Schuhmode als Anzeiger für Sozialstatus +++

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Sandalen und Stiefelchen von Römerkindern: Zeigt her eure Schuh'!

Foto: Elizabeth M. Greene/ The Vindolanda Trust

Zeige mir deinen Schuh, und ich sage dir, wer du bist. Das galt offenbar bereits zu römischer Zeit - und sogar in der tiefsten Provinz. Das stellte die Archäologin Elizabeth Greene von der University of Western Ontario bei der Untersuchung von über 4000 Schuhen fest, die im römischen Militärlager Vindolanda im Norden Britanniens gefunden wurden. Das Lager war von ersten bis zum vierten Jahrhundert besetzt. Und die gesamte Zeit hindurch sammelten sich hier und da weggeworfene oder verlorene Schuhe. Die Ausgräber fanden sie in Wohnräumen, öffentlichen Militärgebäuden sowie Abfallhaufen.

Interessanterweise spiegeln Kinderschuhe aus der Epoche bereits den Status der Eltern. Kinderschuhe aus den Baracken sehen aus wie Miniaturkopien der einfachen Soldatenstiefel. Schuhe aus den Wohnbereichen der militärischen Führer aber sind modische Einzelexemplare. Von einer Inschrift weiß man beispielsweise, wo Flavius Cerialis, Präfekt der Neunten Kohorte der Batavier, um das Jahr 100 wohnte. Dort fanden die Ausgräber einen Babyschuh aus teurem, sehr feinen Leder. Obwohl er nur einem Kind passen konnte, dass noch gar nicht laufen konnte, haben die Sohlen bereits Eisennieten wie Erwachsenenschuhe. Der obere Teil ist in einem komplizierten Netzmuster geschnitten. Greene stellte ihre Untersuchungen auf dem Jahrestreffen des Archaeological Institute of America in Seattle vor.

+++ Von wegen friedlich: Minoische Gesellschaft strotzte vor Gewalt +++

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Minoische Kultur: Kriegerische Kreter

Foto: University of Sheffield

Die Minoische Kultur, die von Kreta aus in der Bronzezeit das Mittelmeer dominierte, wird gerade in der populärwissenschaftlichen Literatur gerne als friedliebend und matriarchalisch dargestellt. Mit diesem Mythos räumt Barry Molloy von der University of Sheffield nun endgültig auf. Stattdessen berichtet er in seinem Aufsatz  "Martial Minoans? War as social process, practice and event in Bronze Age Crete" im "Annual of the British School at Athens" davon, dass die Minoer Gewalt und kriegerische Auseinandersetzung in jedem Lebensbereich thematisierten.

"Die Studie zeigt, dass die öffentlich zur Schau gestellten Aktivitäten der Krieger Stierspringen, Boxen, Ringen, Jagen und Duellieren umfassten", sagt er. "Kriegerische Ideologien durchdrangen Religion, Kunst, Handwerk, Politik und Handel." Vor nichts machte die Kriegskultur Halt, sie war Thema sowohl in Heiligtümern und Grabstätten wie auch in den Wohnhäusern. Und offenbar hatten die Minoer damit eine Vorbildfunktion: Sie entwickelten Techniken und Waffen, die später von den Mykenern, die im Trojanischen Krieg kämpften, kopiert wurden. "In der Tat müssen wir nach Kreta schauen, wenn wir die Ursprünge der Waffen suchen, die bis zum Mittelalter Europa dominierten: Schwerter, Streitäxte, Schilde, Speere und wohl auch die Rüstungen."

+++ Bunte Bilder auf Kolosseumswänden +++

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Kolosseum: Kunst am Bau

Foto: GABRIEL BOUYS/ AFP

Wurden die Gladiatorenkämpfe unten in der Arena zu langweilig, konnten sich die Zuschauer im Kolosseum in Rom offenbar auch anders vergnügen - zum Beispiel, indem sie die lustigen Wanddekorationen betrachteten. Reste davon wurden jetzt bei Renovierungsarbeiten entdeckt. In ocker, rot, blau und grün hatte jemand heute leider nur schwer entzifferbare Wörter, Symbole und zwei große Phalli an die Wand eines Tunnels gemalt, durch den die Zuschauer zu ihren Sitzen gelangten. Der Tunnel befindet sich im dritten und höchsten Stockwerk des Kolosseums, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist.

Die Fresken seien "reich und aufwendig" sowohl in den Farben als auch im Detailreichtum, sagt Ida Simonelli, Leiterin des Restaurationsteams. Die Malereien geben einen guten Eindruck davon, dass das Gebäude in der Antike nicht grau, sondern wahrscheinlich ziemlich bunt war. Derzeit wird das Kolosseum im Auftrag von Schuh-Milliardär Diego Della Valle für 25 Millionen Euro restauriert. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass die Restaurierung einer antiken Stätte von einem Sponsor finanziert wird. Im Gegenzug darf Della Valles Schuhfirma fünfzehn Jahre lang mit dem Logo des Kolosseums werben und ihr eigenes Logo auf die Eintrittskarten zum Kolosseum drucken.

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