Neues Jugendhobby 52 Gläser Tequila, zwei Wochen Koma

Der Fall entsetzt Ärzte, Politiker und Suchtexperten: Ein 16-jähriger Berliner hat sich ins Koma gesoffen, er ringt mit dem Tod. Flatrate-Feten oder "All you can drink"-Partys werden bei Jugendlichen immer beliebter.

Berlin - Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland deutlich zu, bestätigen Experten. Die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei) äußerte sich kürzlich besorgt über eine "relativ kleine Gruppe von Jugendlichen", die das "Kampftrinken und Komasaufen" als eine Art Sport betreibe. "Es scheint so zu sein, dass die Gesellschaft immer süchtiger wird", sagte Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Das was man tut, tut man bis zum Umfallen."

Zwar sei der Konsum von Alkohol, Cannabis und Tabak durch Jugendliche in den vergangenen zwei Jahren massiv zurückgegangen und wieder auf den Stand von 1994 gesunken. Entwarnung bedeute das aber nicht, im Gegenteil: "Jugendliche trinken zwar generell weniger, aber diejenigen, die trinken, trinken mehr". 2005 wurden 274 Kinder und Jugendliche wegen "akuten Rausches" stationär behandelt. Im Jahr 2000 waren es 156 Betroffene.

Jetzt entsetzt der Fall eines 16-Jährigen. Der Berliner soll binnen kurzer Zeit 52 Gläser Tequila getrunken haben. Seit rund zwei Wochen liegt er im Koma - und kämpft gegen den Tod. "Diese Dosis kann in jedem Fall tödlich sein", sagte Fritz Pragst, Toxikologe am Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Die Klinik wollte sich zum Gesundheitszustand des Gymnasiasten nicht äußern.

"Alkohol als Genussmittel verklärt"

Dem Trend Vorschub leisten die derzeit in Diskotheken angesagten "All you can drink"-Partys zu besonders günstigen Pauschalpreisen. Die Jugendlichen haben bei diesen speziellen Angeboten die Möglichkeit, sich für wenig Geld mit so viel Hochprozentigem zu betrinken, wie sie aushalten. Bekannt sind solche Veranstaltungen auch unter dem Namen Flatrate-Party - analog zum Internet-Anschluss, bei dem der Kunde permanent herunterladen kann.

"Es wird zwar insgesamt weniger getrunken, aber wenige konsumieren dafür umso mehr", sagte ein Sprecher der Bundesdrogenbeauftragten und bescheinigt den betroffenen Jugendlichen, die zum Teil regelrechte "Gelagetrinken" betrieben, ein "zu lockeres, unkritisches Verhältnis" zum Alkohol. Eine Studie des Uno-Kinderhilfswerks Unicef besagt, dass im Vergleich von 21 Industrienationen nur die britischen Kinder mehr Alkohol trinken als die deutschen.

Die Gründe seien vielschichtig, sagte Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. "Eine wichtige Rolle spielt sicherlich die Werbung, die Alkohol als Genussmittel verklärt". Dem Rausch- und Nervengift fallen nach ihren Angaben jährlich allein in Deutschland rund 40.000 Menschen zum Opfer.

Später Ekel beim Kampftrinken

"Die Alkoholindustrie sucht immer neue Absatzmärkte und hat sowohl bei der Werbung als auch mit neuen Produkten, die auch Kinder mögen, die junge Zielgruppe klar im Visier", sagte Merfert-Diete. Die DHS fordert von Politikern, die Werbung für Alkohol zu verbieten und die Alterskontrollen beim Verkauf an Jugendliche zu verstärken.

Ein weiteres Problem sei, dass gerade in Deutschland der Alkoholkonsum fest in der Tradition des Landes verwurzelt sei. "Wein und Bier gelten bei uns als Kulturgut, das sogar in Form von Steuerbegünstigung subventioniert wird", kritisierte Merfert-Diete. Bei Jugendlichen führe das positive Image von Alkohol auch dazu, dass Trinkfestigkeit als erstrebenswerte Eigenschaft und vermeintliches Zeichen der Reife gelte.

Weshalb den 16-jährigen Berliner Gymnasiasten angesichts von 52 Schnäpsen nicht zwischenzeitlich ein Ekelgefühl befiel, das den Exzess auf natürliche Art gestoppt hätte, erklärte Toxikologe Pragst so: "Wenn in kurzer Zeit große Mengen getrunken werden, setzt die toxische Wirkung des Alkohols mitunter schneller ein als das Ekelgefühl. Die natürliche Gegenreaktion wird also gehemmt." Offenbar hat der Jugendliche aus dem bürgerlichen Berliner Stadtteil Zehlendorf ein regelrechtes Kampftrinken veranstaltet - sonst hätte ihn die Übelkeit womöglich vor seiner nun lebensbedrohlichen Lage bewahrt.

hei/ddp/AP