Neurowissenschaft Die sieben größten Rätsel der Hirnforschung

Von Hauke Friederichs und Sebastian Witte

3. Teil: Denken Frauen und Männer unterschiedlich?


Frauen sind emotionaler, Männer aggressiver; Frauen haben mehr Sprachgefühl, Männer werfen besser: Die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen scheinen größer zu sein, als Wissenschaftler noch vor zehn Jahren angenommen haben. So sind männliche Gehirne im Mittel etwa elf Prozent größer (bezogen auf das Körpergewicht ist der Unterschied jedoch nur gering), und ihre Großhirnrinde, in der das bewusste Denken stattfindet, hat einige Milliarden Neurone mehr.

Weibliche Hirne haben dagegen mehr Bereiche mit besonders dicht gepackten Nervenzellen, ihre Gehirnhälften sind besser vernetzt, und ihre Großhirnrinde weist mehr Furchen auf. Doch welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, ist unklar – nur so viel wissen die Forscher bislang: Bei Intelligenztests schneiden Frauen und Männer gleich gut ab.

Wie und wann es in Embryos zu der unterschiedlichen Entwicklung von männlichen und weiblichen Gehirnen kommt, ist Gegenstand der aktuellen Forschung – denn unterschiedliche Hormonkonzentrationen sind wahrscheinlich nicht allein verantwortlich für die ungleiche Ausbildung der Denkorgane. Experimente an Mäusen zeigen, dass bei männlichen und weiblichen Embryonen bereits vor der Hodenbildung beim Männchen (und damit vor der erhöhten Ausschüttung des Hormons Testosteron) 51 der 12.000 im Gehirn wirkenden Gene anders aktiv sind.

Auf den Menschen übertragen, hieße dies, dass bei Männern und Frauen möglicherweise unabhängig von Hormonen unterschiedliche Hirnstrukturen entstehen. Auch können äußere Einflüsse, wie die nach Geschlecht unterschiedliche Behandlung der Babys durch die Eltern, auf die Entwicklung des Hirns einwirken.

Viele Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass gesellschaftliche Einflüsse sowie Erziehung eine so große Rolle für das Denken spielen, dass der biologische Faktor fast bedeutungslos ist. Studien zeigen, dass Männer bei einigen Aufgaben nur dann überlegen sind, wenn ihnen bewusst ist, dass sie eine typische männliche Leistung erbringen sollen.

Ob die anatomischen Unterschiede männlicher und weiblicher Gehirne überhaupt das Denken beeinflussen, bleibt also nach wie vor offen.



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