Neurowissenschaft Die sieben größten Rätsel der Hirnforschung

Von Hauke Friederichs und Sebastian Witte

6. Teil: Wie speichert das Hirn Gesichter?


Ein Mensch kann Tausende Gesichter unterscheiden und speichern. Schon Babys finden Gesichter anziehend, instinktiv schauen sie in andere Mienen. Und sie registrieren schnell, welche Gesichter zu ihrer Familie gehören; das Gesicht der Mutter prägen sie sich bereits kurz nach der Geburt ein.

Ermöglicht wird all dies von Netzen aus Milliarden Neuronen in der Großhirnrinde. Abgelegt werden die einmal wahrgenommenen Gesichter wie andere Gedächtnisinhalte im Neokortex.

Die Neurowissenschaftlerin Alumit Ishai hat in einer Studie zum Arbeitsgedächtnis gezeigt, dass bestimmte, mit einem Kernspintomografen aufgezeichnete Erregungsmaxima für Häuser, Gesichter oder Stühle in unterschiedlichen, jeweils eng umgrenzten Regionen lokalisiert sind.

Auch die Ergebnisse anderer Forscher legen nahe, dass vermutlich ein kleiner Bereich in den Schläfenlappen auf Gesichter spezialisiert ist. Bei weiteren Versuchsreihen gelang es Ishai, die Zusammenarbeit mit anderen Hirnarealen zu erhellen: Zunächst gelangen die Eindrücke in die Schläfenlappen, werden dort verarbeitet und an jene Teile des Großhirns weitergeleitet, die auf den emotionalen Ausdruck der Gesichter oder ihre soziale Relevanz reagieren. Dort entscheidet sich auch, ob ein Gesicht als schön empfunden wird.

Rätselhaft aber bleibt nach wie vor, wie das Gehirn visuelle Informationen über Gesichter verarbeitet und mit gespeicherten Daten abgleicht. Denn wir sind in der Lage, Menschen noch nach Jahren wiederzuerkennen, selbst wenn das aktuelle Bild mit dem gespeicherten Gesicht nicht mehr übereinstimmt, weil das Gegenüber gealtert ist, einen Vollbart trägt oder sich beim Schönheitschirurgen unter das Messer gelegt hat.

All das sind verblüffende Fähigkeiten, mit denen das menschliche Gehirn jedes Computerprogramm bei Weitem übertrifft und die noch immer kein Wissenschaftler erklären kann.



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