Neurowissenschaft Die sieben größten Rätsel der Hirnforschung

Von Hauke Friederichs und Sebastian Witte

7. Teil: Wie funktioniert eine Narkose?


Der Anästhesist setzt die Spritze. Nach kurzer Zeit verliert der Patient jede bewusste Wahrnehmung, seine Reflexe werden gedämpft, und er stellt sogar das selbstständige Atmen ein. Ein Schlauch, in die Luftröhre eingeführt, versorgt den Körper fortan mit Sauerstoff und einem Cocktail aus mehreren Narkosegasen.

Doch was der Betäubte häufig nicht weiß: Die Arbeit der Anästhesisten zeichnet sich vor allem durch Geschick aus. Sie jonglieren in oft lebensbedrohlichen Situationen mit Substanzen, deren Funktionsweise noch immer kaum bekannt ist und die erhebliche Nebenwirkungen auslösen können.

Denn viele Narkotika dämpfen das Nervensystem gleich mehrfach und wirken sich auch auf Atmung und Herzfunktion aus – was fatale Folgen haben kann.

Die Forscher wissen mittlerweile, dass für die einzelnen Teileffekte einer Narkose – Verlust des Bewusstseins, Reglosigkeit, Schmerzunempfindlichkeit, Aussetzen des Gedächtnisses – jeweils nur bestimmte Verbände von Nervenzellen zuständig sind.

Auf der Oberfläche dieser Zellen sitzen spezielle Rezeptoren: Reagieren sie auf einen betäubenden Stoff, wird der Aufbau neuronaler Aktivität vermindert.

Mit diesem Wissen wollen die Fachleute in Zukunft Narkotika entwickeln, die nur jene Nervenzellen blockieren, deren Deaktivierung für eine Operation notwendig ist – unerwünschte Nebeneffekte wären damit ausgeschlossen.

Das größte Problem hierbei ist das Bewusstsein des Patienten: Bei manchen Eingriffen ist vollständige Bewusstlosigkeit unabdingbar, bei anderen wiederum ist sie eher eine ungewollte Begleiterscheinung. Doch solange die Hirnforscher nicht wissen, wie und wo das Bewusstsein entsteht, muss die Wirkung der Narkotika unklar bleiben. Sicher ist bislang nur, dass verschiedene Teile des Gehirns gleichzeitig an bewussten geistigen Prozessen beteiligt sind. Vermutlich unterbrechen manche Narkosemittel die Verbindungen zwischen den Hirnregionen: "Als wären in einem Telefonnetz zentrale Stecker herausgezogen", veranschaulicht die kanadische Physiologin Beverley A. Orser diesen Zustand.

Wo genau aber diese Stecker im Gehirn zu finden sind, kann noch niemand sagen.



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