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06. Februar 2015, 19:56 Uhr

Bio-Inventur in New York

Mikroben fahren U-Bahn

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Mit der New Yorker U-Bahn fahren täglich Millionen Menschen - aber sie sind klar in der Unterzahl. Forscher haben Waggons, Drehkreuze, Türgriffe und Sitze untersucht und kartiert, wo welche Bakterien und Viren mitreisen.

Gehören Sie zu den Menschen, die mit der U-Bahn oder dem Bus fahren und sich von Bakterien, Viren oder andere Mikroben umzingelt fühlen? Würden Sie lieber jeden Haltegriff mit einem Hygienetuch abwischen, bevor sie diesen ergreifen - man weiß ja nie, wer ihn zuvor angefasst hat?

Für die New Yorker Subway lässt sich diese Frage nun genauer beantworten: Forscher haben einen Mikroben-Atlas veröffentlicht. Er zeigt, welche Bakterien, Viren und auch Spuren menschlicher DNA sie in den 466 Stationen der New Yorker U-Bahn fanden. Die Daten des Projekts PathoMap sind komplett im Fachmagazin "Cell Systems" veröffentlicht.

Seine Furcht vor Mikroben hatte Christopher Mason zu der Untersuchung bewegt. Der Genetiker, stolzer Vater eines kleinen Mädchens, tat sich schwer damit, dass seine Tochter alles, was ihr auf ihren kindlichen Entdeckungstouren begegnete, einfach in den Mund steckte. "Ich dachte ständig: Um Gottes willen!", erzählt Mason SPIEGEL ONLINE. Was wohl alles auf diesen fremden Dingen haftet? Er beschloss, dem Mysterium auf den Grund zu gehen. Er wählte dafür eine Umgebung, in der es von Bakterien und anderen (Kleinst-)Lebewesen nur so wimmeln dürfte: die New Yorker U-Bahn.

17 Monate zog Manson mit einer Gruppe seiner Studenten von der Weill Cornell Medical School durch jede einzelne Station, per Nylontupfer nahmen sie ihre Proben. Die Ergebnisse wurden etikettiert und direkt an eine eigens eingerichtete Datenbank übermittelt. Nach Abschluss der Feldphase folgten Monate aufwendiger Analysen.

Stationen und Wagen der Subway, mit rund fünf Millionen Passagieren täglich eines der größten Transportsysteme der Welt, sind voll mit Spuren menschlichen Erbguts und allerlei Mikroben. Rund die Hälfte konnten die Forscher keinem existierenden Lebewesen zuordnen. Aber, gute Nachricht - nicht nur für Forscher und Familienvater Mason: Wirklich krank macht das, was an Türen, Sitzen, Griffen, Drehkreuzen oder Türen haftet, in der Regel nicht.

Hier weitere Ergebnisse von Masons PathoMap:

Die U-Bahn-Station als demografisches Profil der Stadt: Lag eine Station in einer Region der Stadt, in der eine bestimmte Bevölkerungsgruppe häufig vertreten ist, spiegelt sich das auch in den Proben der jeweiligen U-Bahn-Station.

Wissenschaftler Mason betont, dass das PathoMap-Projekt nicht bloß eine nette Spielerei sei. "Bei regelmäßiger Wiederholung kann es dazu dienen, entstehende Krankheiten in Zukunft schneller zu erkennen", sagt er.

Die Betreiber der New Yorker U-Bahn sind dennoch wenig begeistert, sie befürchten eine unnötige Hysterie unter ihren Fahrgästen. "Es besteht doch überhaupt keine Gefahr", sagte ein Sprecher der "New York Times". Die Studie sei irreführend und überinterpretiert.

Manson stört das wenig. "Jetzt weiß ich endlich, dass ich mit meiner Tochter unbesorgt die Subway nehmen kann. Ein tolles Gefühl!"

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