Niccolò Machiavelli Mut zur Grausamkeit

In diesen Tagen, da in Berlin um die Macht gerungen wird, fällt sein Name häufig: Niccolò Machiavelli. Er gilt als Begründer einer Staatslehre, die Erfolg über Moral stellt. In seinem legendären Werk "Der Fürst" legitimiert er Brutalität und Lüge, Verrat und Mord als Mittel der Politik.


Niccolò Machiavelli: "Ein Mann darf nicht weinen"

Niccolò Machiavelli: "Ein Mann darf nicht weinen"

Ein Trommler der Tat, ein Anwalt der Macht, ein Prediger des Erfolgs: Jetzt sind ihm die Hände gebunden. "So bleibe ich denn in meinem Lauseloch", murrt er, "da ich keine Seele finde, die sich meiner treuen Dienste erinnerte oder glaubte, dass ich noch zu etwas nütze sei." Niccolò Machiavelli sitzt auf seinem schlichten Landgut in Sant'Andrea bei San Casciano, ein paar Fußstunden vor Florenz, "den Geheimnissen und Geschäften fern". Hier lebt man "von Nüssen und Bohnen, von Dörrfleisch, abgejagt den Maden, von trocken Brot", von dem man "Schnepfenschnäbel" kriegt. Machiavelli schreibt verzweifelte Sonette an die Mächtigen, die ihn verschmähen. Spielt Tric-Trac und Cricca mit Fleischern, Müllern und Ziegelbrennern. Streitet sich mit ihnen um einen Quattrino.

Fast täglich trägt er sein knappes Geld zu "dem einen oder anderen schönen Kinde, um wieder zu Kräften zu kommen". Löchert Durchreisende im Wirtshaus nach Klatsch aus der Stadt.

Die Gegenwart hat kaum Glanz für ihn parat. Im August 1512 haben spanische Truppen im Auftrag des Papstes die Florentiner Republik in die Knie gezwungen und der Bankiersfamilie Medici die informelle Herrschaft zurückgegeben, die sie 18 Jahre zuvor verspielt hatte. Und Machiavelli, treuer Diener der Republik, hat am 7. November sein Sekretärsamt mit 200 Florin Jahresgehalt verloren. Jetzt darf er ein Jahr lang das Staatsgebiet nicht verlassen und auch nicht den Palast der Signoria, der Stadtregierung von Florenz, betreten. Fängt Drosseln mit Leimruten, um seine Frau Marietta und die beiden Söhne zu ernähren. Schickt manchmal auch einen Korb voll an ein Mitglied der neuen, alten Herrscherfamilie - "damit sich Eure Magnifizenz ein wenig erinnere / des armen Machiavelli".

Er preist Treulosigkeit, Gewalt und Heuchelei

Aber: "Ein Mann darf nicht weinen", weiß er. Und so setzt er sich an den Schreibtisch und feiert die Macht, über die er nicht mehr verfügt. Stoisch rühmt er die Realpolitik, die ihn zerschlagen hat. Er preist die Treulosigkeit, die Gewalt und die Heuchelei, rechtfertigt den Erfolg der Ruchlosen, den Sieg der Grausamen und die List der Betrüger - mit einem grundlegenden Argument: So ist nun einmal das Leben. "Il Principe", "Der Fürst", heißt seine Denkschrift, die erst 1532 veröffentlicht werden wird. Und er widmet sie dem jungen Lorenzo de' Medici. Der ist zwar im Vergleich zu seinem berühmten Großvater gleichen Namens, dem 1492 verstorbenen Lorenzo il magnifico, eine eher unbedeutende Gestalt, aber immerhin Neffe des neuen Papstes Leo X. Und, so hofft Machiavelli, als neuer Herr von Florenz in der Lage, ihm wieder eine Stellung zu verschaffen.

Es ist ein bitteres Ja, die Anti-Moral eines Enttäuschten. Machiavelli, der Mann mit dem spitzen Kinn und den schmalen Lippen, schreibt den neuen Herren eine Lizenz zur schrankenlosen Macht - in der Hoffnung, dass ein kleines Stück davon auch für ihn abfällt.

In der Politik sei alles erlaubt, dekretiert er. Es gebe kein Gut und kein Böse - nur taugliche und untaugliche Mittel. Verwerflich sei nur der Mangel an Entschlusskraft - "dass die Menschen weder verstehen, in Ehren böse noch mit Vollkommenheit gut zu sein". Das Recht zur Grausamkeit hänge nur "davon ab, ob die Grausamkeiten gut oder schlecht angewandt sind". Und vom richtigen Timing: "Gewalttaten muss man alle auf einmal begehen, damit sie weniger empfunden werden und dadurch weniger erbittern", rät er. "Wohltaten dagegen muss man nach und nach erweisen, damit sie nachhaltiger wirken."

Friedrich der Große schrieb einen "Antimachiavelli"

Das schmale Buch, knapp 100 Seiten stark, wird ihm mehr Nachruhm einbringen als seine politische Karriere - und einen Hass, den er nicht mehr erleben muss. 1559, neun Jahre nach Erscheinen der ersten Werkausgabe, setzt die Kirche das Bändchen, das ja die Politik über den Glauben stellt, auf den kirchlichen Index verbotener Bücher, von dem es erst 1890 wieder verschwindet. 1615 verbrennen Jesuiten in Ingolstadt sogar eine Strohpuppe des Florentiners unter heftigen Verwünschungen. Shakespeares schurkischer Herzog von Gloucester wird sich in "Heinrich VI." auf den "mörderischen Machiavell" berufen und Friedrich der Große sich bemüßigt fühlen, einen "Antimachiavell" zu verfassen.

Doch ebenso wird ein Denker wie Jean-Jacques Rousseau das Werk als "Buch der Republikaner" feiern, wird Friedrich Nietzsche sein Gedankengut als "übermenschlich, göttlich, transzendent" besingen, werden Diktatoren und Politiker seinen Ratschlägen folgen. Und noch im dritten Jahrtausend werden Ratgeber-Bücher wie "Machiavelli für Frauen" oder "Machiavelli für Manager" moderne Zyniker für das Überleben in Geschlechter- und Wirtschaftskriegen stählen. Dabei will Machiavelli nicht zeigen, wie die Welt sein soll, sondern nur, wie er sie erlitten hat. 1469, in Machiavellis Geburtsjahr, tritt der Bankier Lorenzo de' Medici, genannt der Prächtige, die inoffizielle Herrschaft über Florenz an. Im Geist seines Großvaters Cosimo baut er die Republik zur heimlichen Monarchie um, setzt Medici-Anhänger an die Schlüsselpositionen der Stadt, spannt Kunst und Wissenschaft, Feste, Turniere und Theaterspiele für seine Propaganda ein. Und nicht von Gottes Gnaden herrscht seine Sippe, sondern mit der greifbaren Schubkraft des Geldes.



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