Nicholas Stern in Berlin Motivationstraining in Sachen Klimawandel

Als Ökonom hat Nicholas Stern die Kosten des Klimawandels beziffert. Als Motivationstrainer in Sachen Klimawandel besucht der britische Regierungsberater nun Deutschland - und wirbt dafür, die globale Erwärmung als Chance zu sehen.

Von Stefan Schmitt


"Diese Studie hat viel mehr Interesse auf sich gezogen, als wir erwartet hatten", sagt Nicholas Stern. Ob man das glauben soll?Jedenfalls dürfte Stern durchaus mit diesem Interesse gerechnet haben. "Wir müssen Chancen und Risiken kalkulieren" - das ist die Sprache eines Ökonomen.

Britische Botschaft (Berlin): Stern-Rede im lila "Drum Room"
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Britische Botschaft (Berlin): Stern-Rede im lila "Drum Room"

Stern spricht am Freitag vor über 200 geladenen Gästen – Politikern, Umweltschützern und Journalisten – im "Drum Room" der britischen Botschaft in Berlin. Der Konferenzsaal ist rund wie eine Blechtrommel, ein Teil von ihm ragt lila angestrichen aus der Fassade an der Wilhelmstraße. Stern spricht leise, klar und höflich. Die Adressaten seiner Präsentation sind das politische Berlin und die deutsche Öffentlichkeit. Stern ist ein Vortragsreisender in Sachen Klimawandel und als solcher in einer außergewöhnlichen Situation: als britischer Regierungsberater zur Aufklärungsarbeit in Germany, ausgerechnet in Sachen Umweltschutz.

War Deutschland nicht jenes Land, dem der Feldhamsterschutz mehr bedeutet als der Bau von Gewerbegebieten? Wo eine Legislaturperiode lang mit endzeitlichem Ernst über die Umsetzung der Dosenpfand-Verordnung gestritten wurde? Wo ein ganzes Volk mit heiligem Eifer Aludeckelchen von Joghurtbechern knibbelt, um beide saubergeschleckt in unterschiedlichen Wertstoffbehältern zu entsorgen? Deutschland, das dem angelsächsischen Sprachraum das Wort Waldsterben geschenkt hat, bekommt Nachhilfe aus Großbritannien. Braucht Deutschland das?

Von Gleneagles in die Wilhelmstraße

"Nein, wir sprechen einfach miteinander", sagt Stern zu SPIEGEL ONLINE. "Es ist ja nicht so, als hätte das Vereinigte Königreich einen Masterplan und würde den jetzt durchdrücken." Dafür aber hat Großbritannien klare Absichten. Mit der G8-Initiative von Gleneagles hat der scheidende Premierminister Tony Blair den Klimawandel auf einen Spitzenplatz der weltpolitischen Themenliste gehoben - auch wenn das manchem Regierungschef nicht geschmeckt haben dürfte. Kurz vor dem Uno-Klimagipfel von Nairobi hat die britische Regierung den Stern-Report veröffentlicht, Sir Nicholas' Metastudie über die Kosten des Klimawandels. Ein Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts würde es demnach kosten, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf ein erträgliches Maß abzumildern. Geschieht nichts, drohe eine Weltwirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren. Nicholas Stern ist seitdem so etwas wie der Motivationstrainer der Klimapolitik.

Stern, Leiter des Government Economic Service und Berater der britischen Regierung zur Ökonomie von Klimawandel und -entwicklung, trägt einen anthrazitfarbenen Anzug, eine dunkelrote Krawatte, ein weißes Hemd und eine runde Brille. Das grau melierte Haar ist kurz geschnitten. Stern war einmal der oberste Ökonom der Weltbank. "Hello, my name is Nick Stern", stellt er sich vor. "Sir Nicholas" sagt der britische Botschafter in Berlin, Sir Peter Torry.

Deutschland soll nächsten Gipfel zum Erfolg machen

"Wir haben in Nairobi nur bescheidene Fortschritte gemacht", sagt Stern. "Darum ist das kommende Jahr entscheidend." Im November 2007 findet in Indonesien die nächste Klimakonferenz statt - und dann hat Deutschland die G8-Präsidentschaft und den EU-Ratsvorsitz. Was er von der Bundesregierung dann erwartet, sagt Stern auch: Die Sorte von Fortschritten, die nur Finanz- und Wirtschaftsminister sowie Regierungschefs erreichen könnten.

Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel wird das gerne hören: Nach dem Weltklimagipfel in Nairobi hat er mit leicht frustriertem Unterton erklärt, dass wirkliche Fortschritte wohl nur im kleinen Kreis der G8-Regierungschefs erreicht werden könnten, nicht aber auf einer Tagung mit den Vertretern von 180 Ländern. Leise, aber bestimmt sagt Stern: "Ein weiteres Jahr mir nur bescheidenen Fortschritten können wir uns nicht mehr leisten."

Der Stern-Report sei das wichtigste Dokument, das er in seiner Amtszeit vorgelegt bekommen habe, sagte Tony Blair Ende Oktober. Könnte sich ein Expertenname auch im Vokabular der deutschen Klimapolitik festsetzen? Und wäre das wünschenswert angesichts der Parallelen, namentlich Rürup-Kommission, Riester-Rente oder Hartz IV?

Zumindest findet der britische Verkünder des Auswegs aus dem planetaren Hitzekollaps in Berlin ein prominentes Publikum. Da sitzen etwa die Merkel-Vertraute Katherina Reiche (CDU) und der SPD-Energiepolitiker Marco Bülow - beide jung, beide mit umweltpolitischem Profil. Die Grünen sind unter anderem mit Reinhard Loske, Bärbel Höhn und Parteichef Reinhard Bütikofer vertreten. In der anschließenden Diskussion war tatsächlich die Rede von einer "pre-Stern"- und einer "post-Stern"-Zeit.

Britische Sicht: Die Chancen sehen

"Viele nehmen den Klimaschutz hier immer noch als Gutmenschen-Diskussion wahr", sagte Gabriel Anfang November im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Wir sind nicht auf Ballhöhe." Das war, bevor er zum Uno-Klimagipfel in Nairobi flog. 14 Tage später kehrte Gabriel enttäuscht zurück. Das Resultat sei nicht genug, sagte der Minister. Dringendes Handeln sei notwendig. Für die am gestrigen Freitag angekündigte zusätzliche Senkung der CO2-Emissionen erntete Gabriel verhaltenes Lob. Gleichzeitig flammte aber die Frage auf, wann Deutschland endlich die Verschmutzungsrechte versteigern statt wie bisher verschenken werde. "Wir sind stark durch die verarbeitende Industrie geprägt", meinte Gabriel. "Die Unternehmen sagen: Macht uns bloß nicht so viele Auflagen für den Klimaschutz, das kostet uns nur Geld."

In Großbritannien ist das anders: London ist Heimat der stärksten Finanzindustrie des Kontinents. Investition und Spekulation, Versicherung und Rückversicherung – hier findet das Szenario einer zweiten Weltwirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren Beachtung, hier wird ein großer Teil des globalen Reichtums verwaltet. Nicholas Stern, langjähriger Professor an der London School of Economics, wurde hier sozialisiert.

"Lassen Sie uns über Möglichkeiten reden", sagt Stern in Berlin. "Deutschland ist die Heimat von Hochtechnologie. Da gibt es große Potentiale." Den Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre unter 550 Teile pro Million (ppm) zu halten, werde etwa ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten. "Es gibt dramatische Währungsschwankungen zwischen Euro und Dollar", so Stern. In Niedriglohnländern betrage das Lohnniveau ein Viertel, ein Fünftel oder gar nur ein Zehntel des EU-Durchschnitts. "Da fällt es wirklich schwer, mir vorzustellen, dass eine Kostensteigerung um ein Prozent das Wachstum abwürgen soll."



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