Langstrecken-Laufschuh Neid auf Nikes Wunderschuh

Mit einem neuen Laufschuh von Nike fällt ein Weltrekord nach dem anderen. Zuletzt lief der Kenianer Eliud Kipchoge damit einen Marathon unter zwei Stunden. Sind die Wundertreter ein unerlaubtes Hilfsmittel?

Marathonläufer Kipchoge mit neuem Schuhmodell bei seinem Rekordlauf in Wien
Xinhua/ imago images

Marathonläufer Kipchoge mit neuem Schuhmodell bei seinem Rekordlauf in Wien

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Ende der Achtzigerjahre, kurz bevor der Basketballhype aus den USA den Rest der Welt erreichte, drehte der Sportschuhhersteller Nike ein paar Werbespots mit dem Starregisseur Spike Lee. Darin schaut Lee dem Jahrhundertbasketballer Michael Jordan beim Spielen zu. Die leicht ironische Message eines der Clips: Wenn ihr das Schuhmodell von Jordan kauft, dann könnt ihr vielleicht besser Basketball spielen. Aber niemand kann wie Michael Jordan spielen. It ain't the shoes.

Würde Nike heute einen ähnlichen Clip mit dem Jahrhundertläufer Eliud Kipchoge drehen, würde der Konzern aus Oregon sicher eine andere Botschaft wählen. Es ist der Schuh, der den Kenianer so schnell macht.

Kipchoge gehört zu den größten Läufern aller Zeiten. Er hat seit Jahren kein Rennen verloren. Vor einigen Tagen lief er einen Marathon in Wien als erster Mensch unter zwei Stunden, der Rekord wird allerdings nicht vom Internationalen Leichtathletikverband IAAF anerkannt. Denn es handelte sich nicht um ein offizielles Rennen, sondern gewissermaßen um ein Experiment, bei dem alles dafür unternommen wurde, um für Kipchoge perfekte Bedingungen zu schaffen. Während der 42,195 Kilometer rannte er beispielsweise permanent im Windschatten von sich abwechselnden Führungsläufern, die sich nach jeder Runde ausruhen konnten. Ein Laser warf zudem von einem Führungsfahrzeug ein Muster auf den Asphalt - es zeigte die Pace an.

Dennoch wurde Kipchoge im Ziel für seine Leistung bejubelt. Allerdings dürften vor allem Konkurrenten aus regulären Rennen mit Argwohn auf Kipchoges Füße geschaut haben. Dort leuchteten weiß-pinke Laufschuhe von Nike.

Über den Schuh und auch das Vorgängermodell wird nicht erst seit dem Rekordlauf unter Athleten und Sportwissenschaftlern heftig diskutiert. Nun hat die Technik-Kommission der IAAF eine Untersuchung angekündigt, weil sich Sportler mit Verträgen von anderen Ausrüstern beschwert hatten. Sie wittern einen Wettbewerbsvorteil für die Nike-Läufer.

Tatsächlich hat der Nike Vaporfly die Laufwelt beflügelt. Zuletzt wurden etliche Straßen-Langstreckenweltrekorde mit dem Schuh gebrochen. Kipchoge selbst hält den offiziellen Marathonrekord mit einer Zeit von 2:01:39 Stunden, aufgestellt in Berlin. Bei den Frauen unterbot die Kenianerin Brigid Kosgei dieses Jahr beim Chicago-Marathon mit jenen Schuhen an den Füßen die 16 Jahre alte Bestmarke von Paula Radcliffe. Und auch die Halbmarathonmarke fiel im September durch Geoffrey Kamworor - natürlich lief er in Nike-Schuhen.

Was ist das Geheimnis der Wundertreter?

Der Vaporfly und der nun von Kipchoge getragene Nachfolger alphaFly haben eine für Wettkampfschuhe merkwürdige Optik. Sie wirken mit ihrer voluminösen Sohle erst mal nicht wie ein schneller Schuh für Topleistungen. Dennoch sind sie mit deutlich unter 200 Gramm sehr leicht. Und unabhängige Studien und Untersuchungen attestierten der Technik des Vaporflys einen Vorteil.

Eine große Datenanalyse von Rennergebnissen auf der Trainingsplattform "Strava" kam zu dem Schluss: Wer Vaporfly trägt, läuft den Marathon zwischen drei und vier Prozent schneller als andere Sportler in vergleichbaren Leistungsklassen. Der Zusatz Vaporfly 4%, mit dem Nike das Modell vermarktet, scheint also zu stimmen. Läufer sparen durch den Schuh einige Prozent an Energie, die Laufökonomie wird verbessert.

Kipchoge mit Nike-Schuh: Bei dem Prototyp vom Rekordlauf ist noch ein Luftkissen eingearbeitet
NIKE

Kipchoge mit Nike-Schuh: Bei dem Prototyp vom Rekordlauf ist noch ein Luftkissen eingearbeitet

Das liegt zum einen an einer Zwischensohle aus Kohlefasern, die im Schuh unsichtbar eingearbeitet ist. Ihre Wirkung beruht auf folgendem Prinzip:

Bei der Abrollbewegung des Fußes wird das Zehengelenk von Läufern beansprucht, die Zehen werden etwas nach hinten verbogen. Fachleute sprechen von einer Dorsalflextion. Dieser Mechanismus trägt dazu bei, dass bei jedem Schritt eines Läufers in den Zehengelenken ein klein wenig Energie verloren geht. "Durch die Beugebewegung gehen einige Joule an Energie verloren", sagt der Biomechanik-Experte Gert-Peter Brüggemann. Die harte Sohle ist eine Strategie, die gegen diesen Mechanismus wirkt. Sie versteift das Zehengrundgelenk, die Zehen bewegen sich nicht mehr, bei jedem Schritt geht weniger Energie verloren.

Die Platte im Schuh hat aber einen Nachteil. Denn durch das steife Element in der Sohle verlängert sich der Hebel, die Achillessehne und die Wadenmuskulatur müssen mehr leisten. Hier kommen die biomechanischen und physiologischen Vorteile von ostafrikanischen Läufern ins Spiel: Sie haben genetisch bedingt nicht nur ein etwas längeres Fersenbein und dadurch günstigere Hebelverhältnisse. Auch ihre Achillessehne, die maßgeblich an der Abstoßbewegung beteiligt ist, ist dicker und länger. "Deshalb kommt ein Läufer wie Kipchoge mit so einem Schuh auch zurecht", sagt Brüggemann. Ein mitteleuropäischer Läufer müsste an dieser Stelle mehr Kraft aufbringen, er hat in der Regel eine etwas kürzere und oft auch dünnere Sehne.

Günstigere Hebelverhältnisse: Darstellung eines Fußes mit Fersenbeinknochen (l.) und Achillessehne
iStockphoto/ Getty Images

Günstigere Hebelverhältnisse: Darstellung eines Fußes mit Fersenbeinknochen (l.) und Achillessehne

Langfristig könnte so ein Schuh sogar individuell an den Läufer angepasst werden, indem man die Steifigkeit der Platte variiert. "Das ist dann im Grunde genommen eine Art Gangschaltung im Schuh", sagt der emeritierte Sportwissenschaftler von der Sporthochschule Köln.

Techniktrick nutzt Muskulatur effizienter

Ganz neu ist die Technik mit der steifen und leichten Karbonsohle nicht. Sie wurde bereits in Schuhen für Sprinter eingesetzt. "Auch Usain Bolt ist in Schuhen gelaufen, die das Zehengrundgelenk stark versteift haben", so Brüggemann. Nike hat die Technik jetzt auf die Langstrecke gebracht. Inzwischen verwendet auch der Hersteller Hoka One One Carbon für eines seiner Modelle. Und auch weitere Produzenten arbeiten an neuen Carbon-Entwicklungen.

Ein zweiter Faktor bei dem Schuh ist ein weiches und leichtes Material im Rück- und Mittelfuß. Dieser federnde Kunststoff ist sehr gut verformbar, wenn der Läufer auftritt. Anschließend gibt es große Teile dieser Verformungsenergie wieder an den Läufer zurück. "So kann pro Schritt etwas weniger Muskelaufwand, vor allem in den großen Streckmuskeln der Beine, betrieben werden, um den gleichen Vortrieb zu erzeugen", sagt Brüggemann.

Das sei wie beim Stabhochsprung, erläutert er. Der Athlet gibt in der ersten Phase des Sprungs Energie an den Stab ab, wenn sich dieser biegt. Wenn der Athlet dann in der Luft hängt, wird er etwas langsamer, seine Muskeln arbeiten nicht mehr so schnell. Aus Studien wissen Forscher, dass er dann in dieser Phase mehr Kraft aufbringen kann, um sich am Stab hochzuziehen. Am Ende des Bewegungsablaufs erhält er die Energie aus dem Stab zurück - der Sportler wird über die Latte katapultiert. "So wird durch einen technischen Trick die Muskulatur effizienter genutzt und die Laufökonomie verbessert", sagt Brüggemann.

Solche Technik steckt auch in anderen Schuhen. Aber offenbar gelang Nikes Team mit dem Entwickler Geng Luo, der sogar schon in einem "Science"-Artikel gewürdigt wurde, eine besonders günstige Kombination von Technik und Material. Auf der Langstrecke potenziert sich der Kampf um Sekunden. Ungefähr 500 Joule Energie verbrauchen solche Läufer pro Schritt. Da machen wenige Prozent Energieeinsparung gerade im Spitzenbereich von Marathons den Unterschied.

Dass Athleten, die bei anderen Schuhherstellern unter Vertrag sind und mit deren Schuhen laufen müssen, voller Neid auf die Nike-Läufer schauen, ist also nachzuvollziehen. Dieser Neid treibt teils merkwürdige Blüten: Beim Dubai-Marathon startete der Äthiopier Herpassa Negasa heimlich in Nike-Tretern, obwohl er bei Adidas unter Vertrag ist. Damit der Schwindel nicht aufflog, hatte er die Vaporfly ziemlich stümperhaft mit einer Adidas-Optik bemalt. Negasa wurde Zweiter und verbesserte seine Bestzeit um gleich mehrere Minuten. Seinem Sponsor dürfte das trotzdem nicht gefallen haben.

Solche Aktionen befeuern die Diskussion um Chancengleichheit im Laufsport und darüber, ob Hightech-Schuhe einen unerlaubten Vorsprung bieten. Laut den Regularien des Leichtathletikverbands muss ein Schuh für alle Athleten frei zugänglich sein und darf keinen unfairen Vorteil bieten. Allerdings kommt es oft vor, dass Profisportler in Prototypen unterwegs sind. So lief beispielsweise Jan Frodeno beim Ironman Hawaii den Marathon in Asics-Schuhen , die auch noch nicht im Laden stehen.

Dennoch forderten Sportwissenschaftler mehrfach eine Regulierung - bisher ohne Erfolg. In einem aktuellen Beitrag im "British Journal of Sports Medicine" schlugen die Sportwissenschaftler Geoffrey Burns und Nicholas Tam vor, die Dicke der Zwischensohlen zu regulieren - zumindest bei Wettkampfschuhen. Burns, der selbst Marathons deutlich unter zweieinhalb Stunden lief, argumentiert, dass so ein einheitlicher Standard geschaffen werden könnte.

Wie der Leichtathletikverband in dem Fall entscheiden wird, ist noch nicht abzusehen. Fest steht: Der Schuh ist ein passives Element, er erzeugt keine Energie. Laufen müssen Kipchoge und Co. immer noch selbst. Aber die Diskussion um technische Errungenschaften erinnert an Fälle aus anderen Sportarten, wo die zuständigen Verbände einschritten: Im Tischtennis wurden Kleber verboten, die Belägen mehr Spin und Geschwindigkeit geben. Schwimmer durften irgendwann nicht mehr in kraftsparenden Hightech-Ganzkörperanzügen an den Start gehen. Und im Straßenradsport darf kein Profirad unter 6,8 Kilogramm wiegen, obwohl das durch leichte Carbonteile spielend möglich wäre.

Nike freut sich über die Diskussion. Eine bessere Werbung für den Schuh dürfte es nicht geben. Günstig ist er allerdings nicht. Mit fast 280 Euro kostet er fast doppelt so viel wie ein durchschnittlicher Laufschuh.

Die allermeisten Hobbyläufer können sich das Geld trotzdem sparen. Ihnen wird der Schuh nichts nützen. Es ist ein reiner Wettkampfschuh, konzipiert für sehr leichte und schnelle Läufer und gerade Strecken. Für schwerere Durchschnittsläufer ist er völlig instabil.



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
nerdchen 27.10.2019
1. Danke für den letzten Satz
... einen (für mich Dickerchen) instabilen Schuh muss ich mir dann doch nicht kaufen. :-)
max_esser 27.10.2019
2. EIn Marathon
ist ein Lauf unter bestimmten Bedingungen. Kipchoges Lauf hat diese nicht erfüllt. Daher lief er auch keinen Marathon. Sondern er lief lediglich die Strecke.
ulisses 27.10.2019
3. Machen ist wie Wollen, nur krasser.
Man könnte in der Tat darüber nachdenken, einen einheitlichen Standard vorzuschreiben. Unabhängig davon halte ich Kipchoge zusammen mit Bekele für den besten Langstreckenläufer. Weiß jemand welchen Schuh Bekele dieses Jahr in Berlin gelaufen ist? Er ist ja auch bei Nike unter Vertrag und hat den Rekord von Kipchoge bei feuchten Bedingungen nur knapp verfehlt. Und an all die Nasenbären, die wieder am Wiener Rekord Lauf rummäkeln müssen. Es war ein Projekt, um zu sehen, was möglich ist. Als Inspiration, als Experiment, wie já auch der Artikel schon sagt. Das sollte man nicht kleinreden sondern würdigen. Und schließlich hält der gute Eliud auch unter echten Wettkampfbedingungen den offiziellen Rekord. Macht es doch einfach besser.
neutron76 27.10.2019
4. Trotzdem werden die Amateure zugreifen
Der letzte Satz setzt dem Einsatz des Schuhs Grenzen, aber es werden sich genug finden, die sich einen Vorteil davon versprechen. Der Preis spielt dabei keine Rolle. Bei Rennrädern sind die Sportler auch bereit Unsummen auszugeben, auch wenn sie die Vorteile kaum auf die Straße bringen können.
emil_erpel8 27.10.2019
5.
Zitat: "Es ist der Schuh, der den Kenianer so schnell macht." Quatsch.
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