Nikotinsucht Hirnschaden schaltet Rauchlust ab

Positive Folgen einer tragischen Erkrankung: Hirnverletzungen einer bestimmten Region können Raucher auf einen Schlag zu Nichtrauchern machen. Dieses Phänomen versuchen US-Forscher zu enträtseln, denn bislang galt das Hirnareal als Steuerzentrale für die Körperwahrnehmung.

Eigentlich hatte Herr N. immer Lust auf Zigaretten: morgens beim Aufwachen, bei der Arbeit, nach dem Essen, zum Kaffee, zum Bier. Selbst wenn er krank im Bett lag, ließ der Drang nicht nach. Seitdem N. 14 Jahre alt war, rauchte er und kam auf mehr als 40 filterlose Zigaretten pro Tag.

Die letzte rauchte der 38-Jährige am Abend vor seinem Schlaganfall. Danach wollte er nicht mehr. Er fand den Qualm abstoßend. Weil sein Zimmernachbar im Krankenhaus regelmäßig rauchte, verlangte er einen anderen Raum. Er träumte von Zigaretten und ekelte sich. Das Aufhören fiel ihm zu keinem Zeitpunkt schwer: "Mein Körper hat offensichtlich den Drang zum Rauchen vergessen", sagte N. auf Nachfrage seiner Ärzte. Er habe vielmehr das Gefühl, dass der Schlaganfall ein Gebiet in seinem Gehirn zerstört habe, das ihn zuvor abhängig gemacht habe.

Über den Fall N. stolperten US-Neurologen um Hanna Damasio von der University of Iowa. Sie haben daraufhin weitere Menschen gesucht, denen es ähnlich ging wie N. Zwölf haben sie gefunden. Ihnen allen gemeinsam ist eine Läsion in der sogenannten Inselregion, einem tief im Inneren der Hirnrinde verborgenen Areal. Dieses Gebiet ist in beiden Hirnhälften jeweils so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Bislang gilt es als Schaltzentrale für die Körperwahrnehmung, hier werden Gefühle zu bewussten Empfindungen verarbeitet.

Standhaft und ohne Verlangen

Scheinbar beteiligt sich die Insel aber auch an der Steuerung von Nikotinsucht. Das legen zumindest die Analysen der Mediziner nahe. Wie sie in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Science"  berichten, untersuchten sie insgesamt 69 Patienten, die vor einer Hirnverletzung geraucht hatten. 19 von ihnen litten unter einer Läsion in der Insula, bei den übrigen 50 war dieses Areal nicht betroffen.

32 der 69 Patienten hörten sofort nach der Schädigung auf zu rauchen. Nur 16 von ihnen waren allerdings auch vollständig von der Sucht befreit. Der Rest hatte Schwierigkeiten, Zigaretten dauerhaft zu widerstehen oder verspürte einen heftigen Drang nach Nikotin. Das machten die Ärzte an vier Abhängigkeitskriterien wie etwa Standhaftigkeit und Verlangen fest. Anhand dieser Merkmale fanden die Mediziner auch heraus, ob ein Betroffener aufhörte zu rauchen, weil er nach der Erkrankung gesünder leben wollte, oder weil er keine Lust mehr auf Zigaretten hatte.

Die Wissenschaftler verglichen die 16 suchtfreien mit den übrigen Patienten. Ihre Ergebnisse: Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Hirnverletzung völlig von einer Nikotinabhängigkeit befreit zu sein, war deutlich größer, wenn diese Läsion im Bereich der Insula lag. Zwölf der 16 suchtfreien Betroffenen hatten eine Verletzung in diesem Bereich und waren anschließend von der Lust auf Zigaretten befreit.

Drang nach mehr Rauch ausschalten

"Eines der schwierigsten Probleme bei jeder Form der Sucht ist, den Drang nach mehr Rauch, mehr Drogen oder mehr Essen abzuschalten", sagte Antoine Bechera, einer der Autoren der Studie. "Jetzt haben wir ein neues Zielgebiet im Gehirn gefunden, das an dieser Steuerung beteiligt ist."

Da Hirnverletzungen nur selten so kleine Gebiete wie die Inselregion treffen, fragten sich die Forscher, ob das für den plötzlichen Rauchstopp verantwortliche Areal nicht auch in einer anderen Nervenstruktur liegen könnte. Daher bestimmten sie mit einem Computermodell, wie groß die statistische Wahrscheinlichkeit für jede einzelne Hirnregionen ist, dass sie allein für die Suchtbefreiung verantwortlich ist. Ihre Berechnungen ergaben, dass die Wahrscheinlichkeit am größten war, wenn die Läsion in der Insula lag.

Die Forscher hoffen, aufgrund ihrer Ergebnisse neue Therapieansätze zum Rauchstopp zu liefern. "Behandlungen, die die Funktion der Insula verändern, könnten hilfreich sein für Raucher, die aufhören wollen", schreiben die Autoren in "Science".

Sie glauben, dass das Areal die körperlichen Symptome einer Nikotinabhängigkeit verarbeitet. Dazu zählen ein schneller Herzschlag, ein erhöhter Blutdruck, aber auch Veränderungen im Hormonhaushalt. Ist das System gestört, könnten diese Symptome nicht mehr wie vorher in ein subjektives Gefühl übersetzt werden - ähnlich wie bei N., bei dem es nach seiner Empfindung nicht die Psyche, sondern der Körper war, der den Drang zu rauchen vergessen habe.

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