Fossile Energien Norwegens neuer Ölrausch

Vor Norwegens Küste hat ein riesiges Ölfeld die Produktion aufgenommen. Es soll 50 Jahre lang fossilen Brennstoff liefern. Trotzdem sieht sich das Land als Klimavorreiter. Wie passt das zusammen?
Eine Analyse von Christoph Seidler
Sverdrup-Feld in der Nordsee: Hier soll 50 Jahre lang Öl und Gas gefördert werden

Sverdrup-Feld in der Nordsee: Hier soll 50 Jahre lang Öl und Gas gefördert werden

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CARINA JOHANSEN/ AFP

Der Schatz liegt knapp zwei Kilometer unter dem Ozeanboden, etwa 160 Kilometer westlich von Stavanger. Rund 2,7 Milliarden Barrel Öl fasst das neue Johan-Sverdrup-Ölfeld vor Norwegens Küste nach Schätzungen von Experten. Nicht der komplette Inhalt wird sich fördern lassen. Doch der Betreiber Equinor will etwa 70 Prozent  des Öls per Pipeline an Land bringen, Erdgas ebenso.

Es ist für Norwegen das drittgrößte Ölfeld aller Zeiten und hat einen Marktwert von vielen Milliarden Euro. Im Detail hängt das vom jeweiligen Marktpreis ab. In der zweiten Januarwoche hat Ministerpräsidentin Erna Solberg - inzwischen leitet sie nach dem Ausstieg der rechtspopulistischen Fortschrittspartei eine Minderheitsregierung - das Feld offiziell eröffnet. "Die Erdölindustrie wird für die nächsten Jahrzehnte bestehen bleiben", erklärte die Regierungschefin in ihrer Rede , für die sie extra per Helikopter zur Anlage gekommen war. Die Welt brauche mehr Energie, es werde also weiterhin eine Nachfrage nach norwegischem Öl und Gas geben. "Lässt sich das mit unserem Ziel verbinden, auch die Klimaziele zu erreichen? Ich glaube schon", so Solbergs Fazit.

Umweltschützer sehen das anders. Aktivistin Greta Thunberg kritisierte die Förderung am Sverdrup-Feld auf Twitter.

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Die norwegische Umweltpartei Die Grünen (Miljøpartiet De Grønne) beklagte  ebenfalls: "Die Regierung schließt die Augen vor ihren Versprechen an die Welt". Die Oppositionspartei ist im norwegischen Parlament, dem Storting, allerdings nur mit einer einzigen Abgeordneten  vertreten.

"Die meisten Politiker sind dafür, das Ölzeitalter fortzusetzen", sagt Lars Gulbrandsen vom Fridtjof-Nansen- Institut im norwegischen Lysaker im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Das wird aber moralisch immer schwieriger zu vertreten." Allerdings sei die Ölindustrie noch immer sehr wichtig und mächtig. Tatsächlich ist Equinor, ehemals Statoil, Norwegens mit Abstand größte Firma .

Bisher kaum Erfolge bei der CO2-Reduktion

Öl und Gas machen die Hälfte aller norwegischen Exporte aus, auch Deutschland ist Kunde. Im Jahr 2018 hatten sie einen Gesamtwert von rund 45 Milliarden Euro . Das Land nutzt nur einen verschwindend geringen Teil seiner Vorkommen selbst, auch weil es 95 Prozent des Stroms aus Wasserkraft  erzeugt.

Norwegen hat sich das Ziel gesetzt, seine CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu verringern. Bis 2050 will man eine "low emission society " werden, also mindestens 80 bis 95 Prozent weniger CO2 ausstoßen. Die EU-Staaten haben sogar angekündigt, bis zur Mitte des Jahrhunderts komplett klimaneutral zu werden. Das bedeutet: Alle CO2-Emissionen müssen komplett ausgeglichen werden. Wenn sie - etwa im Luftverkehr - unvermeidlich sind, muss Kohlendioxid an anderer Stelle aus der Luft geholt werden. Das kann beispielsweise durch spezielle technische Anlagen passieren, aber auch durch großflächige Aufforstung.

Die Förderung am Sverdrup-Feld soll nach jetziger Planung aber bis etwa 2070 laufen.

Norwegen gilt als engagiert in den internationalen Klimaverhandlungen und hat in den vergangenen Jahren große Summen in den Waldschutz  in Ländern wie Indonesien investiert. Doch wie glaubwürdig ist das, wenn man gleichzeitig daheim klimaschädliche Energieträger fördert? Ist es ethisch zu verantworten, noch jahrzehntelang weiter Öl zu exportieren? Schließlich werden 55 Prozent  davon woanders für den Betrieb von Autos und Flugzeugen verbrannt, weitere 13 Prozent für die Heizung von Gebäuden und die Stromerzeugung.

Ob in Norwegen, Deutschland oder China - für das Klima ist es egal, an welchem Ort CO2 ausgestoßen wird. Einmal in der Atmosphäre, heizt es die Erde für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte auf.

Wasserkraftwerke erzeugen Strom für die Förderung

Die norwegische Regierung und die Betreiberfirma Equinor argumentieren, dass am Sverdrup-Feld im internationalen Vergleich extrem klimaschonend gefördert wird. Der für die Anlagen nötige Strom kommt nämlich zum großen Teil von Wasserkraftwerken an Land und nicht – wie sonst – von Dieselgeneratoren und Gasturbinen auf den Förderplattformen. Das sorge für einen CO2-Ausstoß von rund 0,7 Kilogramm pro Barrel, so Ölministerin Sylvi Listhaug . International läge der Wert dagegen bei 18 Kilogramm pro Barrel.

Niemand fördert so umweltschonend wie Norwegen . So sieht man es jedenfalls in Norwegen. Und womöglich ist da auch etwas dran. Die Frage ist, ob man das Argument gelten lässt, das im Übrigen so weitergeht: Wenn man Öl und Gas nicht aus dem Boden holen würde, dann fände sich gewiss jemand anders, der es täte – mit größeren Belastungen für die Umwelt. Und überhaupt produziere Norwegen ja nur zwei Prozent des Öls  und drei Prozent des Erdgases weltweit.

Der wohl entscheidendere Punkt aber ist: Norwegen ist, so zumindest die Wahrnehmung im Land, weiterhin auf die kräftig sprudelnden Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas angewiesen. Der Geldsegen hat das einst vergleichsweise arme Land von Fischern und Bauern innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der wohlhabendsten Staaten der Erde gemacht. Und das Sverdrup-Feld, so rechnet die Regierung vor, bringe der Staatskasse zusammengerechnet weitere 90 Milliarden Euro .

Pensionsfonds ist 1000 Milliarden Euro wert

Das Geld aus dem Öl- und Gasgeschäft wandert zu einem guten Teil in einen Staatsfonds („Staten pensjonsfond Utland“), der in mehr als 9000 Unternehmen aus 73 Ländern investiert und aktuell rund 1000 Milliarden Euro  wert ist. Das Parlament hat entschieden, dass der Fonds kein Geld mehr in Firmen steckt, die mit Öl, Gas oder Kohle ihr Geld verdienen.

Das allerdings hat die norwegische Regierung nicht davon abgehalten, gerade knapp 70 neue Explorationslizenzen  für die eigene Öl- und Gasindustrie im Land zu erteilen. Man hofft auf den nächsten großen Fund.

Die Diskussion über Norwegens Treibhausgasemissionen habe vor allem die Emissionen im Land selbst im Blick, sagt Forscher Gulbrandsen. Um die Ziele zu erreichen, bekommen Bürger unter anderem großzügige Subventionen für Elektroautos. Jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug in Norwegen ist inzwischen mit Strom betrieben. Auch Fähren werden elektrifiziert . Trotzdem liegt der Gesamtausstoß des Landes an Treibhausgasen aktuell noch über dem Niveau des Jahres 1990 . Das ist eine unter Europas Ländern extrem ungewöhnliche Entwicklung . Das liegt vor allem am Ausbau der Öl- und Gasindustrie, die für etwa ein Viertel aller norwegischen Emissionen verantwortlich ist.

Equinor hat versprochen, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 40 Prozent zu senken und bis 2050 sogar klimaneutral zu werden . Dafür investiere man mehr als fünf Milliarden Euro, so Firmenchef Eldar Saetre. Die Ankündigung kam einen Tag vor der Eröffnung des Sverdrup-Feldes. "Niemand glaubt, dass das Zufall war", sagt Forscher Gulbrandsen.

Norwegen ist der siebtgrößte CO2-Exporteur weltweit

"Ein Ölkonzern mit Zielvorgaben für seine eigenen Emissionen und nicht für seine Produkte ist wie ein Zigarettenhersteller, der verspricht, dass alle Mitarbeiter mit dem Rauchen aufhören und gleichzeitig die Zigarettenproduktion erhöht", kritisiert  Mark van Baal von der Organisation Follow This, in der sich gut 5000 kritische Aktionäre von Öl- und Gasunternehmen zusammengeschlossen haben.

Die Umweltorganisation Oil Change International hat vorgerechnet , dass Norwegen der siebtgrößte CO2-Exporteur weltweit ist. Das Land exportiere zehn Mal so viel Kohlendioxid in Form von Öl und Gas, wie es zu Hause ausstößt.

Die Debatte, wer für welche CO2-Emissionen verantwortlich gemacht werden kann, ist allerdings sehr kompliziert. Das ist auch einer der Gründe, warum die internationalen Klimaverhandlungen nur langsam vorankommen. Die Verträge betrachten immer nur die Menge an CO2 und anderen Gasen, die auf dem Gebiet eines bestimmten Staats ausgestoßen werden. China zum Beispiel hat aber immer wieder argumentiert, dass seine Fabriken extrem viel für den Export produzieren.

Wird zum Beispiel ein Fernseher für den deutschen Markt im Shenzhen hergestellt, tauchen die Emissionen der Fabrik in der chinesischen Statistik auf. Obwohl das TV-Gerät nach der Produktion ja nach Europa geschickt wird. Würde es dagegen in Oberfranken hergestellt, dann schlüge der CO2-Ausstoß in Deutschland zu Buche, wo der Fernseher ja auch genutzt wird.

Ein guter Teil der chinesischen Emissionen entsteht damit sozusagen im Auftrag westlicher Staaten. Und nur wer bereit ist, sich auf dieses Argument einzulassen, darf eigentlich Norwegen für seinen Export von CO2-Emissionen in Form von Öl und Gas kritisieren.

Die Skandinavier haben übrigens bereits in der Vergangenheit angeboten, CO2, das aus der Verbrennung fossiler Energieträger entstanden ist, wieder zurückzunehmen . Es soll in früheren Erdgaslagerstätten unter dem Meeresboden gespeichert werden und daher die Atmosphäre nicht mehr aufheizen. In kleinerem Umfang wird die Technologie am Sleipner-Gasfeld bereits seit 1996 genutzt .

Auf diese Weise lässt sich mit dem Klimagas dann auch gleich noch einmal ein Geschäft machen.