Psychologie Warum früher alles besser war

Blumige Erzählungen und Fotos aus der Vergangenheit können Erinnerungen in unser Gedächtnis zaubern, die gar nicht stimmen. Psychologin Julia Shaw erklärt, wie die Verklärung der Vergangenheit funktioniert.

In den letzten Wochen und Monaten hat uns die internationale Politik einige Sorgen bereitet. Erst stimmen die Briten für den Brexit, dann wählen die Amerikaner Trump zum Präsidenten. Als eher zu vernachlässigender Aspekt dieser Entwicklungen erscheint die Rhetorik der Rechten: ihr Hang zur Nostalgie, zur Verklärung der Vergangenheit. Ob "Brexiteers", Trump-Unterstützter oder AfD-Mitglieder, sie alle erzählen immer und immer wieder, dass früher alles besser war.

Das passiert aber nicht nur in politischen Kreisen, den Trend kennt man in der Mode oder der Musik schon lange. So wird man in Berlin und London momentan von Retro-Plattenspielern fast erschlagen, in der Fashionwelt werden die Neunzigerjahre wiederentdeckt, und in Designerkreisen blüht weiterhin die Ostalgie, auch bekannt als Ampelmännchen-Industrie. Die Geschäftswelt profitiert jeden Tag von unserer Sehnsucht nach dem Gestern.

Aber warum sehnen wir uns nach der Vergangenheit? Es gibt zwei psychologische Phänomene, die uns hier in die Irre führen.

Rosige Rückschau

Die meisten Menschen leiden unter einer "Rosige-Vergangenheit"-Verzerrung. Das heißt ganz einfach, dass wir im Nachhinein gern meinen, unsere Erlebnisse seien interessanter gewesen, als sie es tatsächlich waren.

In einer Serie von Studien von Terence Mitchell und Kollegen  in den USA wurde schon Ende des letzten Jahrhunderts gezeigt, dass Menschen überschätzen, wie sehr sie sich bei ihrer Europareise, ihrem Drei-Wochen-Fahrradtrip durch Kalifornien oder beim Feiern des Erntedankfestes vergnügt hatten.

Die Forscher dokumentierten nämlich, dass die Probanden während der gemachten Erfahrungen oft negative Emotionen hatten - weil sie abgelenkt, enttäuscht oder von Selbstzweifeln geplagt waren. Nur wenige Tage später waren diese unguten Gefühle jedoch vollends vergessen.

Gehackte Erinnerungen

Wenn wir aber das Schlechte vergessen, das Gute hingegen in bester Erinnerung behalten, folgt daraus nahezu logisch die Sehnsucht nach der vermeintlich großartigen Vergangenheit. Eine Sehnsucht, die von Politikern und Marketingprofis ausgenutzt wird.

Nostalgische Erinnerung an den ersten Fernseher

Nostalgische Erinnerung an den ersten Fernseher

Foto: Telefunken/ picture-alliance/ dpa

Mit Nostalgie spielende Werbespots und Wahlkampfslogans, die eine Rückkehr zur "guten alten Zeit" versprechen, verstärken noch unseren Hang nach Vergangenheitsverklärung. Erinnerungen werden dadurch regelrecht "gehackt" - und dies hat auch direkte Auswirkungen auf unser Verhalten. Darauf, wie und wer gewählt wird und wie und wofür wir Geld ausgeben.

Verblasste Erinnerungen

Wenn Sie über 40 sind, müssen Sie noch vorsichtiger sein mit Nostalgie-Effekten. Laut den Forschern Jonathan Koppel und David Rubin ist der sogenannte Reminiszenz Bump "eines der robustesten Ergebnisse in der autobiografischen Gedächtnisforschung". Er bezeichnet die Tatsache, dass die allermeisten Menschen über 40 mehr Erinnerungen von ihrer Jugend und ihrem frühen Erwachsenalter haben als für die Zeit danach.

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Shaw, Julia

Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 304
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Aber, warum ist das so? Eine Vermutung besagt schlicht, dass diese Lebensjahre zwischen 15 und 25 besonders prägend sind. Laut Wissenschaftlern wie Clare Rathbone und ihren Kollegen aus England kann es sein, dass wir uns deshalb deutlich besser an diese Zeit erinnern, weil wir in diesem Alter unsere Identität als Erwachsene entwickelt und etabliert haben.

Fehlerhaftes emotionales Gedächtnis

Wir erlebten vieles zum ersten Mal, das später zum Erwachsensein dazugehört: den ersten Job, den ersten Kuss, die erste Wahl. Diese prägenden Ereignisse sind tiefer im Gehirn verankert.

Das bedeutet auch, dass die Affinität für Nostalgie und damit falsche Erinnerungen an die Vergangenheit mit dem Alter zunimmt. Verzerrungen und Verklärungen werden immer wahrscheinlicher. Dabei merken wir meist nicht, wie fehlerhaft unser emotionales Gedächtnis arbeitet und haben deswegen ein übermäßiges Selbstvertrauen in die Zuverlässigkeit unserer Erinnerungen.

Wir meinen zu wissen, wie großartig die Vergangenheit war und meckern über das, was die junge Generation heute so anstellt. Und wenn junge Menschen zum Beispiel auf Statistiken verweisen, die klar zeigen, dass es der Menschheit heute besser geht als je zuvor, kriegen sie von den Nostalgikern zu hören: "Wart Ihr denn dabei?!"

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