Rekonstruktion der Brandnacht Notre-Dame war dem Einsturz näher als bekannt

Eine neue Rekonstruktion zeigt, wie knapp die Pariser Kathedrale Notre-Dame beim Brand Mitte April am Einsturz vorbeigeschrammt ist. Nur der mutige Einsatz einiger Feuerwehrleute hat wohl das Schlimmste verhindert.

Aktuell schützen zwei riesige Planen das Innere von Notre-Dame vor den Elementen
REUTERS / Philippe Wojazer

Aktuell schützen zwei riesige Planen das Innere von Notre-Dame vor den Elementen


Fünf Jahre soll es dauern, die bei einem Brand schwer beschädigte Kathedrale Notre-Dame in Paris wiederaufzubauen - auch wenn die versprochenen Spenden nur zögerlich fließen. Gerade hat das französische Parlament das Gesetz für die Rekonstruktion gebilligt. Nun belegt ein Medienbericht, wie nahe die Kirche beim Feuer am 15. April dem Zusammenbruch tatsächlich war. Die "New York Times" hat die Vorgänge an dem betreffenden Abend aufwendig rekonstruiert. Zu erkennen ist eine unglückliche Verkettung menschlicher und technischer Unzulänglichkeiten, die wertvolle Zeit bei der Brandbekämpfung gekostet hat.

Der für die Überwachung der hochkomplexen Brandmeldeanlage zuständige Mitarbeiter des Sicherheitsunternehmens Elytis habe an diesem Tag eine Doppelschicht machen müssen, weil seine geplante Ablösung nicht verfügbar gewesen sei. Er sei seit 7 Uhr morgens im Dienst gewesen, das Feuer brach um kurz nach 18 Uhr aus. Außerdem sei der Mann erst seit drei Tagen in dem Job gewesen, so die Zeitung.

Nachdem das Warnsystem eine nur schwer zu interpretierende Meldung, eine längere Kombination aus Zahlen und Buchstaben, produziert habe, sei ein im Kirchinneren stationierter Wachmann zum Nachsehen geschickt worden - allerdings in die Sakristei und damit den falschen Gebäudeteil. Der Brand breitete sich währenddessen im Holzgebälk des Dachs im Hauptschiff aus. Sprinkler oder Brandmauern gab es hier aus Denkmalschutzgründen nicht.

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Statt die Feuerwehr zu benachrichtigen, habe der für das Warnsystem zuständige Mitarbeiter seinen Chef angerufen, diesen zunächst aber nicht erreicht, heißt es weiter in dem Bericht. Nach einem Rückruf habe der Vorgesetzte den Brandort dann richtig lokalisieren können. Der Wachmann sei daraufhin wieder losgeschickt worden und habe das Feuer entdeckt.

Die Flammen hätten zu diesem Zeitpunkt aber bereits 30 Minuten gewütet - der Zeitverzug sei für die Feuerwehr nicht mehr aufzuholen gewesen. Die angerückten Brandbekämpfer hätten sich 300 enge Stufen nach oben vorgekämpft, seien aber angesichts des Ausmaßes des Feuers schnell wieder zum Rückzug gezwungen gewesen. Schließlich habe man aber doch eine kleine Gruppe von Feuerwehrleuten direkt in die Flammen geschickt.

Eine fatale Kettenreaktion drohte

Die Hauptangst der Verantwortlichen, nachdem sich der Brand ausgebreitet hatte: Der Nordturm der Kirche könnte einstürzen. Er lag wegen der Windrichtung in der Ausbreitungsrichtung der Flammen. Es drohte eine fatale Kettenreaktion: Die acht riesigen Glocken des Turmes sind an einer Holzkonstruktion aufgehängt. Hätten die Flammen diese zum Einsturz gebracht, wären die Glocken auf dem Weg nach unten wie Abrissbirnen durchs Mauerwerk gepflügt - und hätten so zunächst den Nord- und wegen der daraus resultierenden Instabilität auch den Südturm zum Einsturz bringen können.

In einem waghalsigen Manöver sei es der Feuerwehr jedoch gelungen, auf den Südturm zu kommen. Dabei hätten sie Schläuche nach oben gebracht, durch die dann Löschwasser auf den Nordturm gespritzt worden sei. Eine erste Gruppe von Brandbekämpfern habe den Einsatz wegen fehlender Fluchtmöglichkeiten abgelehnt, ein zweites Team habe den Aufstieg jedoch gewagt. Es habe mit Löschwasser auch dafür sorgen müssen, dass der Boden unter der Mannschaft nicht zusammenbricht.

Von einer Plattform zwischen beiden Türmen aus seien Mitglieder der Gruppe schließlich auch in den bereits brennenden Nordturm vorgedrungen. Nur durch diesen Einsatz sei es gelungen, die Kathedrale zu retten. Allerdings hat Frankreichs Chefarchitekt für historische Bauwerke, Philippe Villeneuve, gewarnt, dass das Gewölbe von Notre-Dame weiterhin jederzeit einstürzen könnte.

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, was zum Brand am 15. April geführt hat. Die "New York Times" zitiert einen nicht namentlich genannten Ermittlungsbeamten mit der Aussage, dass kein Szenario ausgeschlossen werde, man aber wisse, dass es sich nicht um eine kriminelle Tat gehandelt habe. In der Diskussion ist unter anderem, ob Bauarbeiter auf einem Gerüst an der Kirche für den Brand verantwortlich sein können. Klar ist, dass diese ein eigentlich geltendes Rauchverbot missachtet haben.

chs



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