Numerator Die todsichere Fußballwette

Mit hundertprozentiger Sicherheit gewinnt bei einer Sportwette nur der Wettanbieter. Eine Berliner Mathematikerin kennt eine Option, die immerhin todsichere Gewinne verspricht, solange nur wenige davon wissen.

Eigentlich dürfte ich nicht darüber schreiben. Ich sollte für mich behalten, dass ich an der Technischen Universität in Berlin war und dort eine Mathematikerin getroffen habe, die mir das eigentlich Unmögliche versprochen hat: eine Wette, bei der man nicht verlieren kann, sondern nur gewinnen.

Das Ambiente passt zu dem, was Wiebke Wittmüß erzählt. Die Diplom-Mathematikerin sitzt in einem heruntergekommenen Betonklotz an der Straße des 17. Juni in Berlin und berichtet von der todsicheren Sportwette. Derartiges hat man schon oft gehört: die Geldanlage mit utopisch hoher Rendite ohne jegliches Risiko - meist angeboten von zwielichtigen Typen in düsteren Hinterzimmern.

Sportwetten mit Gewinngarantie haben in dieser Stadt schon eine gewisse Tradition. Ein paar Kilometer weiter in einem Charlottenburger Café heckten vor nicht einmal zwei Jahren dunkle Mafiosi Spielergebnisse aus, die der Bundesliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer dann mit Pfeifen, Augen zudrücken und Karten zücken umsetzen musste. Hoyzer bekam für seine Dienste einen Plasma-Fernseher und wurde später verurteilt.

Die 28-jährige Wittmüß muss dergleichen nicht befürchten. Sie braucht keinen Hoyzer und keinen bestechlichen Torwart - ihr genügt der mathematische Scharfsinn. Ein Freund brachte sie auf die Idee der hundertprozentigen Sportwette. "Es ging um einen Boxkampf zwischen einem Deutschen und einem Australier", erklärt sie.

Ihr Freund verfolgte die Wettquoten bei Betandwin und bei einem australischen Online-Wettbüro. Und siehe da: In Deutschland wettete die Mehrheit auf einen Sieg des deutschen Boxers, in Australien setzte die Mehrheit auf den Australier. Entsprechend unterschiedlich waren die Wettquoten. Sure Bets oder auch Arbitrage heißt das Verfahren unter Insidern.

Selbst nachgeprüft hat Wittmüß die Sache nicht im Netz. Bei Stichproben in verschiedenen Online-Wettbüros bin auch ich auf keinen solchen Fall gestoßen. Die Quoten unterschieden sich nur minimal. Aber egal, das ist zu viel Praxis. Mathematikern geht es um etwas anderes.

175 Prozent Rendite!

Dieser Effekt, von dem ihr Freund berichtet hatte, dachte sich Wittmüß, müsste sich doch wunderbar ausnutzen lassen. "Man setzt gleichzeitig in Deutschland auf den Sieg des Australiers und in Australien auf den Triumph des Deutschen." Wie der Fight auch immer ausgeht, gewonnen wird immer, die Wette läuft wie eine Gelddruckmaschine.

Ein Zahlenbeispiel: Angenommen, beim deutschen Wettbüro stehen die Quoten 4 zu 1,1 für den Australier und in Australien 3,5 zu 1,25 für den Deutschen. Man setzt dann einen Euro in Deutschland auf den Australier und in Australien einen auf den Deutschen. Das kostet genau zwei Euro. Gewonnen werden entweder 3,5 oder 4 Euro - macht eine Rendite von 175 beziehungsweise 200 Prozent.

Börsianer, die so etwas versprechen, gelten als windig. Wittmüß wirkt alles andere als windig. Mit Finanzmathematik kennt sie sich bestens aus, genauso wie mit robuster Optimierung.

Isolierte Wettgemeinschaften

Der Wetttrick funktioniert natürlich nur, erklärt Wittmüß, weil parallel in zwei voneinander isolierten Gemeinschaften gespielt wird. In Deutschland ist der Australier eher ein Nobody, Down under kennt den Deutschen kaum jemand. "Wenn alle Leute sich gut informieren, gibt es keinen sicheren Gewinn mehr." In der Tat würden Hunderte Boxfans, die plötzlich auf die Niederlage des eigenen Mannes setzen, die Quoten drücken - der sichere Gewinn wäre passé.

Das Prinzip des sicheren Gewinns lässt sich auch auf Fußballwetten übertragen - allerdings mit der Besonderheit, dass Kicker mitunter auch dazu neigen, sich nicht entscheiden zu können und mit einem Remis auseinandergehen. Das ist mathematisch gesehen eher unschön.

"Ich könnte zum Beispiel beim Spiel Deutschland gegen Polen gleichzeitig in einem deutschen Sportverein und in einem polnischen wetten", sagt Wittmüß. Die jeweiligen Präferenzen sollten für unterschiedliche Wettquoten sorgen, die der wissende Wettlaie dann eiskalt ausnutzt.

Von kleinen Quotendifferenzen profitieren

In der Tat wären interne Wetten von Vereinen besonders gut für die todsichere Sportwette geeignet, weil sie eher nicht so eng an die Internetquoten gekoppelt sind. Für eine sichere Rendite reichen übrigens auch leicht differierende Quoten - sie müssen nicht gegensätzlich sein wie bei den beiden Boxern.

Ein Beispiel: Bei einem Wettbüro beträgt die Quote 4,0 zu 1,2 dafür, dass Mannschaft A die Mannschaft B besiegt. Bei einem anderen Anbieter, oder im eigenen Sportverein, sind die Leute weniger optimistisch - die Quote ist etwas kleiner, zum Beispiel 2,5 zu 1,5. In beiden Fällen wetten Mehrheiten auf einen Sieg von A - allerdings mit unterschiedlichen Quoten.

Das reicht erstaunlicherweise für eine sichere Wette: Man setzt einfach beim ersten Anbieter 1,5 Euro auf Mannschaft B und beim zweiten 4,0 Euro auf Mannschaft A. Was auch passiert, die Auszahlung wird genau 1,5 * 4,0 = 6,0 Euro betragen, der Einsatz liegt bei 4,0 + 1,5 = 5,5 Euro. Macht immerhin 50 Cent Gewinn - mit Sicherheit.

Wer es lieber als Formel mag: Der Gewinn in Höhe von a * b muss größer sein als der Einsatz von a + b. Das kann natürlich nur in zwei verschiedenen, voneinander isolierten Wettsystemen auftreten, weil sonst der Wettanbieter Verluste machen würde. Wer solche isolierten Systeme findet, sollte also besser nicht viel Aufhebens darum machen, etwas Geld setzen und still und heimlich auf den sicheren Gewinn warten.

Die Berliner Mathematikerin Wittmüß hat anderes im Sinn. "Ich habe noch nie gewettet, da bin ich viel zu faul."

Dem kann ich mich als Numerator nur anschließen. Anstatt stundenlang in Dutzenden Wettbüros Quoten zu vergleichen, spiele ich lieber Volleyball oder gehe Joggen. Dabei immer hoffend auf den sicheren (Gewichts-)Verlust.

Korrektur: In der ersten Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, Wiebke Wittmüß habe den Trick der sicheren Wette entdeckt. Das stimmt nicht, es handelte sich um ein Missverständnis. Sure Bets oder Arbitrage sind schon länger bekannt. Spezielle Webseiten beobachten die Unterschiede im Wettverhalten und bieten sichere Wetten an.

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