Numerator Geheimcode-Suche in Bachs Sonaten

Hat Johann Sebastian Bach mathematische Geheimbotschaften in seinen Werken versteckt? Eine Musikwissenschaftlerin glaubt, in den Sonaten des Komponisten religiöse Hinweise entdeckt zu haben. Was war Absicht, was ist Zufall?

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Der Mensch sucht ständig nach Mustern, um das Unbekannte zu enträtseln. Ein uraltes Programm läuft ab, wenn wir das scheinbar Chaotische ordnen, um Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge zu erkennen. Es war überlebenswichtig zu wissen, wie sich ein schweres Unwetter ankündigt - oder ein gefährliches Raubtier.

Mitunter schießt unser Gehirn auch über das Ziel hinaus: Da entdecken beispielsweise Fußballexperten in den Jahreszahlen der WM-Titelgewinne der Deutschen ein Muster, das den Sieg für 2006 prophezeien sollte. Wie das Turnier ausging, ist bekannt.

Die Düsseldorfer Musikwissenschaftlerin Helga Thoene sucht ebenfalls nach auffälligen Zahlenmustern - und will in Sonaten Johann Sebastian Bachs komplexe Botschaften entdeckt haben. Der Komponist habe Bezüge zu religiösen Texten verschlüsselt in seine Werke eingebaut, schreibt sie in ihrem Buch "Sonata A-Moll. Eine wortlose Passion." Thoene spricht von "nicht hörbar werdenden kompositorischen Bestandteilen".

Bei den von ihr untersuchten Stücken handelt es sich um wortlose Instrumentalwerke. Doch Thoene bringt die klingenden Noten zum Sprechen, indem sie zur sogenannten Gematrie greift, einem Verfahren, bei dem Buchstaben in Zahlen umgewandelt werden. Die Methode ist nicht neu: Schon seit Hunderten von Jahren versuchen Menschen auf diese Weise, versteckte Bedeutungen in Wörtern oder Sätzen aufzuspüren.

Cabbala Paragrammatica

Die Gematrie beruht unter anderem auf der Kabbalistik, einer mystischen Tradition im Judentum. Dahinter steht der Glaube an mehrfache Bedeutungsschichten innerhalb der Erscheinungen - äußerst beliebt auch bei Verschwörungstheoretikern, die aus Zahlen rund und dem 11. September gewagte Zusammenhänge konstruieren.

Die Musikwissenschaftlerin Thoene ordnet jeder Note, etwa einem A oder einem C, die diesem Buchstaben entsprechende Zahl aus dem lateinischen Zahlenalphabet zu - auf Basis einer Abhandlung namens "De Cabbala Paragrammatica". Der erste Buchstabe A steht darin für die Eins, B für die Zwei, C für die Drei und so weiter - bis zum Z für 24. Das J und das U fehlen in dem Alphabet, werden aber mit I und V gleichgesetzt. Halbtöne bekommen den Wert der Buchstaben, aus denen sie zusammengesetzt sind. So erhält etwa das Fis den Wert 33 (F = 6, I = 9, S = 18). Anschließend werden die Zahlenwerte des untersuchten Taktes oder Musikstücks addiert.

Die Notenfolge B A C H, zugleich Name des Komponisten, ergibt beispielsweise 2 + 1 + 3 + 8 = 14. Neben den Noten lassen sich natürlich auch Texte in Zahlen umwandeln - das eigentliche Beschäftigungsfeld der Gematrie.

Der gematrische Wert des Namens Johann Sebastian Bach beträgt 58 + 86 + 14 = 158. Und genau diese Zahl 158 findet Thoene in den 15 Tönen des Schlusstaktes der Fuge in G-Moll wieder, wenn sie deren Zahlenwerte addiert. "Mit diesem Zahlen-Äquivalent setzt Bach eine verschlüsselte 'Signatur' unter das erste Satzpaar", schreibt Thoene.

Bewusste Handlungen Bachs?

Die Musikwissenschaftlerin sieht aber noch viel mehr: In der Sonate A-Moll beispielsweise den numerischen Wert für Christus (112 - zugleich eine wichtige Telefonnummer). Füge man den gematrischen Wert des Schlusstaktes hinzu, erklärt Thoene, ergebe sich 242 - der gematrische Wert des Taufbekenntnisses "Confiteor Unum Baptisma" ("Ich bekenne die eine Taufe").

Und so geht es munter weiter. Vollständige Glaubenssätze sollen in den Sonaten stecken. Thoene hält diese Zahlenspiele für bewusste Handlungen Bachs und ist damit bei weitem nicht die einzige. Wilhelm Werker beschäftigte sich Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Zahlenverhältnissen in Bachs Matthäuspassion. Martin Jansen berichtete 1937 von Bibelversen, die seiner Meinung nach in Bach-Werken verschlüsselt sind. 1950 folgte Fiedrich Smend mit seinem Aufsatz "Bach beim Namen gerufen", in dem es um die besondere Rolle der Zahl 14 im Leben des Komponisten geht.

"Die Zahl 14 hat Bach womöglich bewusst in esoterische Kompositionen eingebaut, etwa in Kanons", glaubt Martin Geck, Musikwissenschaftler an der Universität Dortmund. 14 sei insofern die Bach-Zahl, weil B-A-C-H nach dem Zahlenalphabet genau 14 ergebe. "Es ist interessant, dass Bach ausgerechnet als vierzehnter in die Mizlersche Sozietät gelehrter Musiker eingetreten ist."

Trotzdem will Geck den Thesen seiner Kollegin Thoene nicht folgen: "Zu vermuten, dass Bach in seinen normalen Kompositionen beständig irgendwelche Wörter oder Sätze mit Hilfe des Zahlenalphabets verschlüsselt hätte, erscheint mir eine abwegige Spekulationen."

Beliebige Zahlen in beliebigen Werken finden

Noch härter geht Matthias Wendt mit zahlensymbolischen Deutungen von Musik ins Gericht: "Es gibt wahnsinnig viele Veröffentlichungen dazu. Und viele enthalten Rechenfehler - kein Wunder bei den vielen Zahlen", sagt der Musikwissenschaftler von der Robert-Schumann-Forschungsstelle Düsseldorf im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

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Wendt verfügt über einschlägiges Know-how: Er hat Werke Bachs Anfang der neunziger Jahre mit einem selbst geschriebenen Programm untersucht und ist dabei auf eine Reihe von Rechenfehlern der Numerologen gestoßen. Außerdem parodierte er die Studien zur Zahl 14 regelrecht, als er zum Spaß mit seinem Programm nach der Zahl 13 in Bach-Musik fahndete - und häufig fündig wurde. "Sie brauchen da gar nicht groß suchen: Sie können in beliebigen Bach-Werken beliebige Zahlen finden."

Die heilige Dreifaltigkeit, die gern immer wieder in die Musik diverser Komponisten interpretiert werde, hält Wendt eher für "heilige Einfalt". Dreiergruppierungen gebe es bei jedem Komponisten zuhauf, in jedem Walzer wimmle es davon. "Es gibt keine Belege dafür, dass Bach die Zahlenalphabete gekannt hat. Aber sie können das niemandem ausreden."

Trotz aller Zweifel findet zumindest der Dortmunder Musikexperte Geck versöhnliche Worte für die Zahlendeuter: "Menschen, denen die reine Schönheit dieser Musik nicht genügt, die vielmehr nach weiterem und tieferem Sinn suchen, mag das ein fantastisches Betätigungsfeld bieten." Er respektiere deshalb solche Anstrengungen - im Gegensatz zum Mainstream der Forschung, der eher von Spinnern spreche. "Immerhin könnten sie ja, wie Umberto Eco einmal sagte, demonstrieren, dass im Kosmos alles mit allem zusammenhängt. Wissenschaft ist das jedoch nicht."

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