Numerator Mädchen rechnen genauso gut wie Jungs

Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Mädchen und Mathematik passen nicht zusammen. Eine Studie mit sieben Millionen US-Schülern hat nun gezeigt, dass es bei Rechnen und Geometrie keine Geschlechterunterschiede gibt.

Von


Laut den gängigen Klischees stehen Frauen so ziemlich mit allem auf Kriegsfuß, was mit Technik oder dem dreidimensionalen Raum zu tun hat: Orientierung in fremden Städten, Einparken, Computer, Autos. Und natürlich zählt auch die Mathematik zu den Problemzonen des schwachen Geschlechts. Hat halt zu viel mit Logik zu tun - und weibliche Logik gibt es zwar, aber sie funktioniert völlig anders als die männliche.

Fünfjährige beim Spielen mit Taschenrechnern: "Stereotype sind gegen Veränderungen sehr resistent"
REUTERS

Fünfjährige beim Spielen mit Taschenrechnern: "Stereotype sind gegen Veränderungen sehr resistent"

Und so hält sich wacker das Vorurteil, dass Mädchen und Frauen Eins und Eins nicht zusammenzählen können. Es gibt sogar ältere Studien aus den siebziger und achtziger Jahren, die scheinbar belegen, dass das weibliche Geschlecht mathematisch gesehen dem männlichen unterlegen ist, insbesondere wenn es um das Lösen komplexer Aufgaben geht.

Jetzt zeigt allerdings eine neue US-Untersuchung, dass das Gerede von den mathematisch unbegabten Mädchen schlicht Unsinn ist. Fünf Forscherinnen haben sich die Mühe gemacht, die Prüfungsergebnisse von sieben Millionen US-Schülern der Klassenstufen zwei bis elf systematisch auszuwerten. Die Daten stammen aus der Bildungsinitiative "No Child Left Behind".

Die von Janet Hyde und ihren Kolleginnen erstellte Statistik hat eine eindeutige Botschaft: Die Geschlechter schneiden in Mathetests fast identisch ab. In manchen US-Bundesstaaten hatten die Mädchen eher die Nase vorn, in anderen dagegen die Jungen. Die Differenz war aber stets minimal. "Wenn man den Gesamtdurchschnitt nimmt, findet man praktisch keinen Unterschied", sagte Hyde, die als Psychologin an der University of Wisconsin arbeitet. "Eltern und Lehrer sollten ihr eigenes Urteil in dieser Sache überdenken."

Auch beim Lösen besonders kniffliger Probleme fanden die Forscherinnen keine Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Schülern. Hydes Team hatte nämlich auch die Streuung der Testergebnisse analysiert. Und siehe da: Der Anteil besonders leistungsstarker Schüler ist bei Mädchen und Jungen gleich, wie die Wissenschaftlerinnen im Magazin "Science" (Bd. 321, S. 494) berichten - auch wenn die Datengrundlage in diesem Bereich noch ausgebaut werden muss.

Die Ergebnisse des Teams um Hyde decken sich mit anderen Studien aus der jüngeren Vergangenheit. Erst vor wenigen Wochen hatte die Auswertung der Pisa-Ergebnisse von 276.000 15-Jährigen aus 40 Ländern ergeben, dass überall dort, wo sich im Laufe der Jahre eine Gleichberechtigung der Geschlechter entwickelt hat, keine Leistungsunterschiede mehr zwischen Jungen und Mädchen bestehen. In Staaten wie der Türkei sind Jungen hingegen nach wie vor besser.

Fazit: Wenn Mädchen schlechter rechnen, dann hat dies wohl vor allem kulturelle Gründe. Zu einem ähnlichen Ergebnis waren 2006 zwei Forscher der University of British Columbia in Vancouver (Kanada) gekommen. Ilan Dar Nimrod und Steven Heine hatten Frauen Matheaufgaben gestellt. Einer Hälfte der Probandinnen erklärten sie vor dem Test, Frauen seien aus genetischen Gründen mathematisch weniger begabt als Männer. Der anderen Hälfte verkündeten die Forscher, es gebe keine Geschlechterunterschiede. Im Test zeigte die zweite Gruppe die deutlich besseren Leistungen - für die Forscher ein Beleg dafür, dass Motivation und Selbstbewusstsein die Leistungen maßgeblich beeinflussen.

Um auch die letzten Zweifel an den weiblichen Rechenkünsten auszuräumen, müsste sich allerdings noch einiges im Wissenschaftsbetrieb ändern. Nach wie vor sind die meisten namhaften Mathematiker und Physiker Männer. Hinweise auf das angeblich fehlende Mathematiktalent bei Frauen seien für Kinder "unglaublich beeinflussend", warnte deshalb auch die Psychologin Hyde. "Wenn eine Mutter oder ein Lehrer glaubt, dass man nicht für Mathematik taugt, kann das großen Einfluss auf das Selbstbild haben."

Dass ihre Studie das alte Vorurteil begraben kann, beurteilt Hyde allerdings skeptisch: "Stereotype sind gegen Veränderungen sehr resistent."

Mit Material von AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.