Numerator Spart euch die Oscar-Gala!

Bei der Oscar-Verleihung am Sonntagabend rechnen Filmfans mit Überraschungen, Mathematiker hingegen mit Statistiken. Demnach sind die begehrten Trophäen so gut wie vergeben – mit mehr als 90-prozentiger Sicherheit. Wird die Rechnung aufgehen?

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Mein Kollege aus der Kulturredaktion hat seine Oscar-Gewinner längst gewählt. Als mit allen (Feuer-)Wassern gewaschener Feuilletonist verfügt er über seine ganz eigene Technik zur Gewinnprognose: Intuition ("Die schwulen Cowboys machen's") gepaart mit Rationalität ("Der Schauspieler ist lange überfällig") und ein Schuss Konformismus ("Hat ja auch schon bei den Golden Globes abgeräumt").

Oscar-Preisverleihung: Statistisch längst gelaufen
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Oscar-Preisverleihung: Statistisch längst gelaufen

Für naturwissenschaftlich geprägte Zeitgenossen wie mich ist das natürlich unbefriedigend - man könnte sogar sagen - Pardon, Kollegen vom Feuilleton -, hanebüchen. Zugegeben, mit Bauchgefühl liegt man oft richtig. Aber für die Prognose der Oscar-Preisträger hätte ich schon gern etwas richtig Handfestes. Was zum Ausrechnen, also am liebsten etwas von einem Mathematiker.

Iain Pardoe, ein Entscheidungstheoretiker von der University of Oregon, hat mich erhört und ein komplexes mathematisches Modell für die Oscar-Verleihung entwickelt. Und wie es sich für gute Modelle gehört, erzielt es erstaunliche Trefferquoten. Im Schnitt liegt es in 81 Prozent der Fälle richtig - gemessen in den letzten 30 Jahren.

In der Kategorie "Bester Regisseur" erreicht es sogar 93 Prozent Genauigkeit, in den Rubriken "Bester Film", "Bester Schauspieler" und "Beste Schauspielerin" sind es immerhin noch jeweils 77 Prozent (Zeitraum 1975 bis 2004).

Obwohl eine ganze Branche jedes Jahr aufs Neue über den Award orakelt und spekuliert, ist die Verleihung mathematisches Neuland, worüber sich auch Pardoe wundert. "Nur sehr wenige Forscher haben überhaupt eine formale statistische Analyse durchgeführt", schreibt er im Fachblatt "Chance".

Für Pardoe ist die diesjährige Preisverleihung in Hollywood so gut wie gelaufen - zumindest statistisch. Der Ausgang der Verleihung scheint sogar eine so klare Sache zu sein - siehe unten stehender Kasten, - dass man die Gala getrost absagen könnte. Niemand müsste mehr zu spätnächtlicher Stunde vor der Glotze hocken und mit ansehen, wer über den roten Teppich stolpert und wem wann warum das Mikrofon abgedreht wird.


Nach den Berechnungen Pardoes kommen die mutmaßlichen Gewinner in den ersten drei Kategorien sämtlich auf über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit. Nur Reese Witherspoon, die Filmgattin von Johnny Cash in "Walk the Line", muss sich mit 75,9 Prozent begnügen. Die Zweitplatzierte Felicity Huffman ("Transamerica") hat immerhin noch Gewinnchancen von 15,3 Prozent.

Das Oscar-Gewinner-Modell nutzt ähnlich wie Spamfilter das sogenannte Bayes-Verfahren. Anhand der bisherigen Oscar-Verleihungen wird der Einfluss verschiedener Parameter statistisch bestimmt. Ein mit Daten gefütterter Computer erstellt ein Modell, das dann die Prognosen liefert.

Pardoe verfolgt einen umfassenden Ansatz und hat das Modell mit einer Vielzahl von Parametern gefüttert:

  • Gesamtzahl der Oscarnominierungen eines Films in einem Jahr
  • Gleichzeitige Nominierung als "bester Film" und "bester Regisseur"
  • Gewinn des Golden Globe Awards im gleichen Jahr
  • Gewinn des Screen Actor's Guild Awards
  • Oscar-Nominierungen von Schauspielern in den Vorjahren
  • Oscar-Preise in den Vorjahren (bei Schauspielern)
Bei der Suche nach Parametern hat der Forscher einige Überraschungen erlebt. So erlaubt das Alter einer Schauspielerin heutzutage kaum noch Rückschlüsse auf ihre Oscar-Chancen.

In den dreißiger und vierziger Jahren war das noch anders: Die "Beste Hauptdarstellerin" war durchschnittlich 29. Die ihr unterlegenen, ebenfalls Nominierten waren im Mittel 33 Jahre alt. Jugend war damals also von Vorteil - das gilt heute nur noch eingeschränkt. Weil das Alter als Parameter die Prognose nicht verbessert, taucht es in dem Modell erst gar nicht auf - übrigens auch nicht bei den männlichen Darstellern.


Manche Parameter erschweren sogar tendenziell die Prognose - etwa in der Kategorie "Beste Regie" die Zahl der Oscars, die ein Regisseur in den Vorjahren bereits gewonnen hat. Offenbar gibt es keine statistische Korrelation - weshalb die Zahl der Oscar-Trophäen ins Modell nicht einfließt. Man muss das nicht unbedingt verstehen - es ist halt Statistik.

Anders ist die Situation bei der Zahl der Nominierungen als "bester Regisseur" in den Vorjahren. Dieser Parameter erleichtert die Prognose des nächsten Regie-Preisträgers. Eine mögliche Erklärung dafür: Wer schon einen Oscar hatte, wird nicht bevorzugt behandelt, wer schon öfter leer ausgegangen ist schon eher.

Von 1938 bis 2004 erreicht Pardoes Modell in den vier Hauptkategorien eine Trefferquote von 69 Prozent. Von 1975 bis heute sind es sogar 81 Prozent. Die Entscheidungen der Oscar-Jury sind im Laufe der Jahre also immer vorhersehbarer geworden - auch weil, wie der Autor erklärt, immer mehr Daten im Vorfeld der Verleihung verfügbar sind.

Besonders drastisch zeigt sich diese Entwicklung bei den Hauptdarstellerinnen. Eine Vorhersage sei bis in die siebziger Jahre hinein sehr schwierig gewesen, schreibt Pardoe, inzwischen ist sie machbar.

Unfehlbar ist das Modell freilich nicht. In den letzten drei Jahren holten zwei Mal vermeintliche Außenseiter den Preis: 2002 wurde Nicole Kidman beste Hauptdarstellerin, obwohl sie laut Modell nur eine achtprozentige Siegchance hatte. Die unterlegene Favoritin Renee Zellweger lag bei 90 Prozent.

Im Jahr 2004 gewann "Million Dollar Babe" in der Kategorie bester Film, obwohl "The Aviator" mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit den Sieg quasi schon in der Tasche hatte.

Was lernen wir daraus? Auch 97 Prozent sind nicht 100 Prozent. Und, was viel wichtiger ist, das Leben eignet sich hervorragend für statistische Analysen - selbst dann, wenn es um eher flatterhafte Filmstars geht.

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UlliK 03.03.2006
1. Faszination
Die Mathematik fasziniert mich, wie mich vieles in den Bann zieht, was ich nicht so recht verstehe! In der Schule ohne Probleme, bin ich vor 30 Jahren mit meinem Physik-Studium gescheitert, weil ich mit den mathematischen Anforderungen nicht klar kam. Das sich Tummeln in n-dimensionalen Vektorräumen war nicht mein Ding! Aber diese Wissenschaft als solche hat keinerlei Reiz verloren. Ich habe z.B. letztens erst das Buch 'Fermats letzter Satz' von Simon Sing gelesen - hervorragend. Oder die Autobiographie von Betrand Russel - was man dort über Mathematik / mathematisch-logisches Denken lernen kann - mehr als beeindruckend! Ich finde es allerdings mehr als traurig, wenn immer noch Menschen mit ihrem gestörten Verhältnis zur Mathematik kokketieren und dann auch noch Verständnis ernten. Das hat Mathe nicht verdient!
ferion, 03.03.2006
2. Mathematik ist die letzte Magie
Mithilfe der Mathematik lassen sich so ziemlich alle Umstände beschreiben die in der reellen Welt vorkommen. Alleine dieser Umstand ist faszinierend. Es gibt keine Überraschungen und auch keine Besonderheiten, sondern nur Ereigniswahrscheinlichkeiten. Ein Raum voller Zahlen und Symbole die, je nach Betrachtungswinkel, eine eigene Aussage bilden. Jede der anderen Naturwissenschaften baut auf die Mathematik, inclusive der Sprachen und der Psychologen. Modelle lehren uns Verstehen und das Verstehen der Modelle lehrt das Lernen. Philosophisch kompliziert geschrieben von einem der den Glauben an die Magie noch nicht verloren hat
arte de la comedia, 03.03.2006
3.
---Zitat von ferion--- Philosophisch kompliziert geschrieben von einem der den Glauben an die Magie noch nicht verloren hat ---Zitatende--- Noch so einer, der die Welt in Symmetrien aufteilen will. Werden Sie Quantenchromodynamiker....
134, 03.03.2006
4.
Für mich als rationalen Menschen bildet die Mathematik in dieser Welt der Unzurechenbarkeit die letzte Bastillion der Berechenbarkeit. Es hilft mir selber immer wieder die Chancen und Risiken einer Aktion in meinem Kopf mit Wahrscheinlchkeiten zu belegen. Leider kann man sich nicht immer auf diese Wahrscheinlichkeiten verlassen. Dies kann zu vernichtenden Rüchschlägen führen.
rwise, 03.03.2006
5. Schönheit der Mathematik
Mathematik ist etwas wunderbares, selbst wenn man kein Mathematiker ist. Wer die Schönheit eines künstlerischen Werks, sei es ein Gemälde oder eine Statue, erkennen und bewundern kann, auch wenn er selbst nicht malen oder bildhauern kann, der sollte auch die Schönheit der Mathematik bewundern können. Die Kettenbrüche von Shrinivasa Ramanujan (http://mathworld.wolfram.com/RamanujanContinuedFractions.html) z. B. zeugen von den anmutigsten Zusammenhängen der Natur, die für mich durchaus mit altmeisterlicher Pracht vergleichbar ist. Statistik ist zudem das einzige sachlich richtige Verfahren die Zukunft relative verläßlich vorauszusehen.
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