Numerator Was Falschparken über Korruption verrät

Zeige mir, wo du parkst, und ich sage dir, wie korrupt dein Heimatland ist. Diese abstrus klingende These haben zwei US-Forscher mit aufwendiger Statistik bewiesen – bei Diplomaten in New York. Überraschend: Vertreter aus Deutschland ignorieren Knöllchen häufiger als ihre türkischen Kollegen.

Richtig Parken in den USA will gelernt sein. Abgesehen von "Don't even THINK about parking here" (Sie sollten nicht einmal darüber nachdenken, hier zu parken) gibt es kaum Verbotsschilder - stattdessen aber in verschiedenen Farben angemalte Bordsteinkanten. Rot steht für absolutes Halteverbot, weiß erlaubt nur kurzes Halten, gelb markiert Ladezonen.

Ärgerlich, wenn man sich als unerfahrener Tourist über die gelb markierten freien Parkplätze gefreut hat und hinterher ein Knöllchen am Auto findet. Diplomaten in New York brauchten sich über solche Parktickets lange Jahre nicht zu ärgern: Bezahlen mussten sie die Strafe nicht, denn ihre Immunität schützte sie davor. Nicht zuletzt deshalb galt die Diplomatenplakette am Auto als Lizenz zum Gratisparken in der Metropole.

Doch nicht jeder Diplomat machte davon gleichermaßen Gebrauch. Besonders häufig ignorierten Vertreter die Verkehrsregeln, wenn sie aus einem Land stammen, das als besonders korrupt gilt. Raymond Fisman von der Columbia Business School und Edward Miguel von der University of California - zwei Korruptionsexperten - haben dies in einer aufwendigen statistischen Untersuchung nachgewiesen.

Sie wühlten sich mit Computerhilfe durch rund 150.000 Parktickets aus dem Zeitraum November 1997 bis Oktober 2002. Dahinter stehen unbeglichene Rechungen in Höhe von insgesamt 18 Millionen US-Dollar - alles andere als eine Kleinigkeit, selbst für eine Stadt wie New York.

150.000 Knöllchen in fünf Jahren

"Die Daten haben wir direkt von der Stadt bekommen", sagte Miguel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es sei total einfach gewesen. "Die Leute waren sehr glücklich, dass sich jemand für das Thema interessiert hat."

Die Parksünder-Datei war sehr umfangreich: Sie enthielt Informationen zu jedem einzelnen Delikt, auch mit welchem Diplomatenkennzeichen es begangen wurde - eine wahre Fundgrube für Statistiker. Das mit Abstand häufigste Vergehen war mit 43 Prozent das unerlaubte Abstellen des Autos in einer Ladezone.

Dass Falschparken womöglich etwas mit Korruption zu tun haben könnte, vermuteten die Forscher schon vor ihrer Untersuchung: "Der Akt des Falschparkens passt genau zur Standarddefinition der Korruption, dem Missbrauch von anvertrauter Macht für private Zwecke", erklärten Miguel und Fisman. Das Parkverhalten eines Diplomaten müsse also die Korruptionskultur seines Heimatlandes widerspiegeln, so die These.

Und das tut es tatsächlich: Die dreistesten Parksünder stammen aus Ländern, in denen die Korruption besonders groß ist, etwa nach Statistiken von Transparency International und der Weltbank. In den Top Ten der Parksünder landeten neben Ägypten auch der Tschad, Sudan, Bulgarien, Mosambik, Albanien, Angola, Senegal und Pakistan. Eine "einfache" Formel beschreibt den Zusammenhang zwischen Korruptionsindex und Parkvergehen (siehe Kasten).

Deutsche gehören nicht zu den Besten

Deutsche Diplomaten haben übrigens ebenfalls Knöllchen bekommen und ignoriert: genau eins pro Jahr und Diplomaten. "Das sind nur sehr wenige Verstöße", erklärte Miguel, "aber die Deutschen sind damit noch nicht die besten".

Mit völlig weißer Weste - also ohne Verstöße - stehen unter anderem Norwegen, Schweden, Dänemark und Kanada da. Dass die disziplinierten Nordeuropäer nicht falsch parken, überrascht kaum. Umso erstaunlicher ist das Verhalten der Diplomaten aus Bahrein und der Türkei. Sie fielen zwar durch ähnlich viele Verstöße auf wie andere Vertreter aus dem Nahen Osten. Doch wurden ihre Strafzettel anstandslos bezahlt.

Der erstaunliche Zusammenhang zwischen Korruption und dem Ignorieren von Knöllchen besteht nicht nur in New York. "Wir haben ganz Ähnliches bei Parkverbotsverstößen in London festgestellt", sagte Miguel. Allerdings seien die vorliegenden Daten aus London nicht ganz so präzise: Verstöße würden nur pro Botschaft und nicht pro Fahrzeug erfasst. Laut Miguel kamen 2003 die fünf größten Parksünder mit diplomatischer Immunität aus Lybien, Saudi-Arabien, Nigeria, Georgien und China.

Korruption erwies sich jedoch nicht als einziger Faktor beim Falschparken. Auch das Durchschnittseinkommen im Heimtland und Sympathie oder Abneigung gegenüber den USA beeinflussen statistisch gesehen das Verhalten der Diplomaten: Wer die USA nicht mag, parkt häufiger falsch. "Abneigung gegen Amerika ist eine sehr einflussreiche Variable", erklärte Miguel. "Diese Diplomaten respektieren unsere Ordnung einfach nicht."

Image der USA beeinflusst Gesetzestreue

Auch dass Diplomaten schnell lernen, zeigt die Knöllchenstatistik. Je länger Vertreter sich in New York aufhalten, umso häufiger parken sie falsch. Durchschnittlich steigt die Quote pro Jahr um 8 bis 18 Prozent. "Wenn sie erst mal gemerkt haben, dass Verstöße keine Folgen haben, begehen sie sie öfter."

Ganz hilflos sind New Yorks Politessen den dreisten, aber über Immunität verfügenden Diplomaten jedoch nicht mehr ausgeliefert. Seit Ende 2002 macht die Stadt viel mehr Druck auf Parksünder. Entweder wurden Diplomatenkennzeichen eingezogen, manche Vertretung habe nur noch drei statt fünf der begehrten Nummernschilder bekommen, berichtet Miguel. Oder aber es wurde offen gedroht: Mit dem Abschleppen der Fahrzeuge oder mit Kürzungen bei der Entwicklungshilfe. Vor allem letzteres zeigte schnell Wirkung: Die Verstöße seit 2002 sind stark zurückgegangen. Das Problem gilt zwar nicht als gelöst, ist aber deutlich kleiner geworden - was zeigt, dass Korruption durchaus zurückgeht, wenn sie mit Restriktionen für die Betroffenen verbunden ist.

Weiter zur Tabelle mit dem vollständigen Diplomaten-Ranking

Erklärung zum Korruptionsindex:
Kleinere Werte bedeuten eine geringere Korruption

Unbezahlte Parktickets pro Diplomat und Jahr (11/97 - 11/02)

Position Land Verstöße je Diplomat Diplomaten je Land Korruptionsindex Weltbank 1998
1 KUWAIT 246.2 9 -1.07
2 EGYPT 139.6 24 0.25
3 CHAD 124.3 2 0.84
4 SUDAN 119.1 7 0.75
5 BULGARIA 117.5 6 0.50
6 MOZAMBIQUE 110.7 5 0.77
7 ALBANIA 84.5 3 0.92
8 ANGOLA 81.7 9 1.05
9 SENEGAL 79.2 11 0.45
10 PAKISTAN 69.4 13 0.76
11 IVORY COAST 67.1 10 0.35
12 ZAMBIA 60.4 9 0.56
13 MOROCCO 60.0 17 0.10
14 ETHIOPIA 59.7 10 0.25
15 NIGERIA 58.6 25 1.01
16 SYRIA 52.7 12 0.58
17 BENIN 49.8 8 0.76
18 ZIMBABWE 45.6 14 0.13
19 CAMEROON 43.6 8 1.11
20 MONTENEGRO SERBIA 38.0 6 0.97
21 BAHRAIN 37.7 7 -0.41
22 BURUNDI 37.7 3 0.80
23 MALI 37.4 5 0.58
24 INDONESIA 36.1 25 0.95
25 GUINEA 34.8 5 0.57
26 SOUTH AFRICA 34.0 19 -0.42
27 SAUDI ARABIA 33.8 12 -0.35
28 BANGLADESH 33.0 8 0.40
29 BRAZIL 29.9 33 -0.10
30 SIERRA LEONE 25.6 4 0.72
31 ALGERIA 25.2 13 0.70
32 THAILAND 24.5 13 0.26
33 KAZAKHSTAN 21.1 9 0.86
34 MAURITIUS 20.5 4 -0.20
35 NIGER 19.9 3 0.88
36 CZECH REPUBLIC 18.9 7 -0.35
37 LESOTHO 18.8 6 -0.03
38 BOTSWANA 18.5 8 -0.53
39 BHUTAN 18.4 5 -0.46
40 SRI LANKA 17.2 5 0.24
41 CHILE 16.5 14 -1.20
42 TUNISIA 16.5 11 -0.11
43 NEPAL 16.5 6 0.59
44 IRAN 15.7 20 0.63
45 FIJI 15.5 3 -0.20
46 ITALY 14.6 16 -1.00
47 LIBERIA 13.5 6 1.44
48 MALAWI 13.0 6 0.50
49 PARAGUAY 13.0 6 0.97
50 RWANDA 12.9 3 0.55
51 UKRAINE 12.9 14 0.89
52 SPAIN 12.7 15 -1.59
53 PHILIPPINES 11.5 20 0.26
54 GHANA 11.3 10 0.44
55 MAURITANIA 11.2 5 0.29
56 GUINEA BISSAU 10.8 10 0.82
57 ESTONIA 10.5 3 -0.49
58 MONGOLIA 10.2 5 0.28
59 ARMENIA 10.1 4 0.71
60 COSTA RICA 10.1 19 -0.71
61 COMOROS 9.9 3 0.80
62 TOGO 9.9 5 0.45
63 VIETNAM 9.8 15 0.60
64 GEORGIA 9.7 8 0.64
65 CHINA (PRC) 9.5 69 0.14
66 YEMEN 9.1 8 0.57
67 VENEZUELA 9.1 16 0.77
68 PORTUGAL 8.8 16 -1.56
69 UZBEKISTAN 8.8 5 0.98
70 MADAGASCAR 8.7 8 0.80
71 TANZANIA 8.3 8 0.95
72 LIBYA 8.2 9 0.91
73 KENYA 7.7 17 0.92
74 CONGO (BRAZZAVILLE) 7.7 6 0.99
75 CROATIA 6.5 9 0.33
76 DJIBOUTI 6.5 3 0.80
77 SLOVAK REPUBLIC 6.4 12 0.08
78 FRANCE 6.1 29 -1.75
79 INDIA 6.1 18 0.17
80 LAOS 6.1 9 0.70
81 TURKMENISTAN 5.8 4 1.13
82 PAPUA NEW GUINEA 5.5 3 0.70
83 HONDURAS 5.4 6 0.75
84 SLOVENIA 5.2 8 -0.83
85 KYRGYZSTAN 5.2 5 0.69
86 NICARAGUA 4.9 9 0.75
87 URUGUAY 4.4 11 -0.42
88 SWAZILAND 4.3 7 0.19
89 TAJIKISTAN 4.3 4 1.12
90 NAMIBIA 4.2 11 -0.24
91 MEXICO 4.0 19 0.39
92 ARGENTINA 3.9 19 0.22
93 SINGAPORE 3.5 6 -2.50
94 ROMANIA 3.5 10 0.38
95 UGANDA 3.5 7 0.62
96 HUNGARY 3.3 8 -0.69
97 MACEDONIA 3.3 4 0.30
98 BOLIVIA 3.1 9 0.41
99 PERU 3.1 9 0.17
100 HAITI 3.0 9 0.85
101 JORDAN 2.9 9 -0.21
102 BELARUS 2.7 8 0.60
103 BELGIUM 2.7 14 -1.23
104 CYPRUS 2.5 11 -1.38
105 GUYANA 2.3 5 0.26
106 AUSTRIA 2.2 21 -2.02
107 GABON 2.2 8 0.90
108 RUSSIA 2.0 86 0.69
109 LITHUANIA 2.0 7 -0.07
110 EL SALVADOR 1.7 10 0.27
111 POLAND 1.7 17 -0.49
112 GAMBIA 1.5 8 0.49
113 MALAYSIA 1.4 13 -0.73
114 TRINIDAD AND TOBAGO 1.4 6 -0.13
115 LEBANON 1.3 3 0.32
116 GERMANY 1.0 52 -2.21
117 ERITREA 0.8 3 -0.46
118 MOLDOVA 0.7 4 0.51
119 KOREA (SOUTH) 0.4 33 -0.11
120 DOMINICAN REPUBLIC 0.1 22 0.53
121 FINLAND 0.1 18 -2.55
122 GUATEMALA 0.1 9 0.63
123 NEW ZEALAND 0.1 8 -2.58
124 SWITZERLAND 0.1 10 -2.55
125 UNITED KINGDOM 0.0 31 -2.33
126 NETHERLANDS 0.0 17 -2.48
127 UNTED ARAB EMIRATES 0.0 3 -0.78
128 AUSTRALIA 0.0 12 -2.21
129 AZERBAIJAN 0.0 5 1.01
130 BURKINA FASO 0.0 5 0.51
131 CENTRAL AFRICAN REPUBLIC 0.0 3 0.55
132 CANADA 0.0 24 -2.51
133 COLOMBIA 0.0 16 0.61
134 DENMARK 0.0 17 -2.57
135 ECUADOR 0.0 9 0.74
136 GREECE 0.0 21 -0.85
137 IRELAND 0.0 10 -2.15
138 ISRAEL 0.0 15 -1.41
139 JAMAICA 0.0 9 0.26
140 JAPAN 0.0 47 -1.16
141 LATVIA 0.0 5 0.10
142 NORWAY 0.0 12 -2.35
143 OMAN 0.0 5 -0.89
144 PANAMA 0.0 8 0.28
145 SWEDEN 0.0 19 -2.55
146 TURKEY 0.0 25 0.01

Quelle: Raymond Fisman, Columbia Business School und Edward Miguel, University of California

Mehr lesen über