Odyssee durch Nordamerika Nackt und verloren in der Wildnis

Sie kamen als Eroberer und gingen als Geläuterte: Acht unglaublich harte Jahre irrte der spanische Konquistador Álvar Núñez Cabeza de Vaca durch Nordamerika. Hunderte seiner Männer starben, nur vier überlebten - dank der Eingeborenen, die sie unterwerfen sollten.
Von Udo Zindel

Eine baumlose Hochebene in den Chisos Mountains von Texas: spärliches Buschwerk, dürres Gras und ein paar Palmlilien, die mannshoch in den wolkenlosen Himmel ragten. Fast grenzenlos schien der Blick von hier oben, in der trockenen, staubfreien Luft. Doch man sah nichts als graubraune Steppe ringsum. Und man hörte nichts als das schrille Singen der Zikaden.

Im Herbst des Jahres 1535, Jahrhunderte vor der Besiedlung durch Europäer, tauchten irgendwo da draußen vier bärtige Gestalten auf, barfuß, nackt und abgemagert: drei Spanier und ein dunkelhäutiger Nordafrikaner – raschen Schrittes unterwegs nach Westen. Die vier waren die letzten Überlebenden einer Expedition der Conquista, die die Terra incognita nördlich des Golfs von Mexiko für die spanische Krone erobern sollte. Und sie waren die ersten Menschen aus der Alten Welt, die – auf der Suche nach Rettung – den ganzen Subkontinent durchquerten, rund neuntausend Kilometer weit, vom heutigen Florida bis an die Pazifikküste Mexikos. Der Bericht ihrer achtjährigen Odyssee ist eine der haarsträubendsten Reisebeschreibungen der Menschheitsgeschichte. Und er ist das früheste europäische Dokument über Nordamerika und seine Indianer, vor dem Völkermord der Weißen.

Als die Teilnehmer der glücklosen Expedition Ende April 1528 zum ersten Mal die nordamerikanische Küste sichteten, war ihre Streitmacht schon bedenklich angeschlagen. Nach der dreimonatigen Überfahrt von Spanien waren auf der Karibikinsel Hispaniola 140 der sechshundert Mann desertiert. Beim Versuch, auf Kuba Vorräte zu kaufen, sanken zwei von sechs Schiffen mit weiteren sechzig Mann in einem Hurrikan. Und während des letzten Teils der Seereise – von Kuba an die Westküste des heutigen US-Bundesstaats Florida – saß die geschwundene Flotte zwei Wochen lang auf Riffen fest. Die Soldaten mussten zusehen, wie die Hälfte der achtzig Pferde ihrer stolzen Reiterei jämmerlich verendete.

Der Kommandeur der Expedition, Pánfilo de Narváez (1470–1528), ließ schließlich in einer Bucht südlich der heutigen Hafenstadt Tampa ankern, in der Nähe indianischer Dörfer. Am nächsten Tag pflanzte er die Standarte Kaiser Karls V. in den Sand und nahm das Land, von dessen gewaltigen Ausmaßen er kaum eine Ahnung haben konnte, im Namen des Heiligen Römischen Reichs in Besitz.

Zwei Pfund Zwieback und ein halbes Pfund Speck

Vom ersten Tag an traten die Spanier mit der Arroganz und Härte von Konquistadoren auf. Sie vertrieben die Einwohner aus ihren Dörfern, nahmen einige gefangen und meinten ihrer Zeichensprache zu entnehmen, dass im Landesinneren eine an Gold reiche Provinz namens Apalachen liege. Daraufhin beschloss Pánfilo de Narváez – in den Worten eines Historikers ein »elender Stümper« –, sich mit seiner Streitmacht ins Innere des Kontinentes zu wagen und die Schiffe samt Besatzung zurückzulassen.

Sein Schatzmeister und stellvertretender Kommandeur, Álvar Núñez Cabeza de Vaca, hielt das für verhängnisvoll: "Ich gab zur Antwort, dass wir uns unter keinen Umständen von den Schiffen trennen sollten, bevor sie nicht in einem sicheren Hafen lagen, den wir kontrollierten", schrieb der Caballero in seinem Bericht an den Kaiser, "dass die Lotsen zudem untereinander zerstritten seien und nicht einmal wüssten, wo genau wir seien; und dass es uns an Vorräten fehlte, um einen Marsch mit unbekanntem Ziel zu wagen – wir hatten nicht mehr als zwei Pfund Schiffszwieback und ein halbes Pfund Speck pro Mann."

Cabeza de Vacas 1542 veröffentlichter Bericht "La Relación" wurde Jahrhunderte später für Historiker, Ethnologen und Geografen zur wichtigsten Quelle über Nordamerika vor der europäischen Landnahme. Eine Quelle, die man freilich vor dem Hintergrund ihrer Zeit verstehen muss, meint Rolena Adorno, Dekanin der Fakultät für Spanisch und Portugiesisch an der renommierten Yale University. Sie hat, mit ihrem Kollegen Patrick Charles Pautz zusammen, die umfangreichste Forschungsarbeit zur Odyssee Cabeza de Vacas und seiner Gefährten verfasst: "Wie verlässlich seine Beschreibungen sind, ist relativ", sagt die Wissenschaftlerin. "Man sollte bedenken, dass er Amerika mit den Augen eines Europäers betrachtete, der dort noch nie zuvor gewesen war." Und man sollte auch nicht vergessen, rät Professorin Adorno, dass er seinen Bericht erst nach der erfolgreichen Heimkehr nach Spanien verfasste: "Er versuchte sicher, die bestmögliche Beschreibung zu liefern, aber er tat das durch den Filter kultureller Unterschiede und aus der Erinnerung heraus."

An jenem Schicksalstag im Frühjahr 1528 konnte sich Cabeza de Vaca mit seinen Bedenken nicht durchsetzen. Wie befohlen brachen die Spanier in die weglose Wildnis Floridas auf: dreihundert Soldaten, darunter fünf Franziskaner und vierzig Reiter – auf Pferden, die diese nach der langen Seereise kaum noch zu tragen vermochten. Die Schiffe sollten der Expedition nahe der Küste folgen. Fatalerweise waren die Seelotsen, auf deren Ratschlag die Entscheidung auch beruhte, ihre Heuer nicht wert: Von hier bis zur nächstgelegenen Siedlung Neuspaniens, wie Mexiko zur Kolonialzeit genannt wurde, seien es nicht mehr als siebzig Kilometer, schätzten sie. Tatsächlich waren es knapp dreitausend Kilometer.

Zwei Monate lang quälte sich die Landstreitmacht durch die fast menschenleeren Sümpfe und Wälder Floridas. Mühsam überquerten die Soldaten zahllose Flüsse und Seen. Vom ständigen Scheuern ihrer eisernen Brustpanzer und schweren Waffen litten viele Männer an offenen Wunden, heißt es in "La Relacíon". Doch der Bericht ist mehr als das Tagebuch einer Katastrophe: "Cabeza de Vaca hatte seine Erzählung scheinbar als Chronik physischer Entbehrungen verfasst", schreibt der texanische Literaturwissenschaftler William Pilkington, "aber viele Leser, die nach der tieferen Bedeutung des Textes forschten, entdeckten darin auch eine Odyssee der Seele."

Die sagenhaft reiche Provinz Apalachen stellte sich als ein bescheidenes, indianisches Dorf heraus. Seine Krieger griffen zu den Waffen und attackierten die Spanier. Es war der erste Überfall seit ihrer Landung. Von nun an waren sie immer wieder Hinterhalten der Indianer ausgesetzt, die Männer und Pferde aus dem Schutz des Unterholzes heraus mit Pfeilen verwundeten. Cabeza de Vaca schilderte ebenso erstaunt wie entsetzt, dass selbst ihre geschmiedeten Brustpanzer sie nicht vor der Wucht der Pfeile zu schützen vermochten. Die Bogenschützen, berichtete er, "traten uns groß und nackt und unheimlich vor Augen – und wirkten aus der Entfernung wie Riesen. Ihre Bogen waren so dick wie Arme, an die zwei Meter lang, und sie trafen damit auf zweihundert Schritt Entfernung".

Die Spanier begriffen, dass in dieser Wildnis weder Gold noch sonstige Reichtümer zu finden waren. Sie wurden von Jägern zu Gejagten und schlugen sich unter unsäglichen Mühen zum Golf von Mexiko durch, in der Hoffnung, dort auf ihre Schiffe zu stoßen.

Heulen wie die Tiere

Doch als sie endlich die Küste erreichten, nahe der Grenze zum heutigen Alabama, war ein Drittel ihrer Streitmacht malariakrank. Kaum jemand hatte noch die Kraft, Wache zu stehen. Die Schiffe waren nirgendwo in Sicht. Der ratlose Kommandant bat alle Offiziere um ihre Meinung. Gemeinsam beschlossen sie den Versuch, mit Booten entlang der Küste zu entkommen. "Das schien unmöglich, weil keiner von uns wusste, wie man Schiffe baute", erzählte Cabeza de Vaca, "und weil wir keine Werkzeuge hatten, kein Eisen, keine Schmiede, kein Werg, kein Harz, kein Tauwerk oder andere, unabdingbar wichtige Dinge, und weil uns niemand Bootsbau lehren konnte. Und was noch schlimmer war: Wir hatten keine Nahrung, um die Arbeiter bei Kräften zu halten."

Zu ihrem Glück stellte sich heraus, dass einer der Soldaten handwerklich geschickt war, und sie begannen, eiserne Steigbügel, Sporen und Waffen zu Sägen, Äxten und Nägeln zu schmieden. Sie nähten ihre Hemden zu Segeln zusammen, flochten Tauwerk aus den Mähnen und Schwanzhaaren ihrer Pferde. Jeden dritten Tag waren die Hungernden gezwungen, eines ihrer Tiere zu schlachten.

Als sie viele Wochen später endlich fünf Flöße fertig gestellt hatten, war von der einst stolzen Kavallerie noch ein einziges Pferd am Leben. Und dann ruderte und segelte die gefährlich überladene Flottille im Schneckentempo Richtung Mexiko. "So groß war die Not", schrieb Cabeza, "dass wir uns einer aufgewühlten See aussetzten, obwohl keiner von uns die geringste Ahnung von Seefahrt hatte." Zwei Monate lang schlugen sich die gescheiterten Eroberer hungernd und frierend entlang der Küste durch, an den heutigen Staaten Alabama, Mississippi und Louisiana vorbei. Ihre ledernen Wasserflaschen verfaulten und auf See litten sie mörderischen Durst. Viele Tage hatten sie nur eine halbe Hand voll rohen Mais pro Mann zu essen, beklagte Cabeza de Vaca.

Die reißende Strömung des Mississippi, den sie als erste Weiße zu Gesicht bekamen, trieb sie bedrohlich weit aufs Meer hinaus. Auf dem Rückweg zum Land verloren sich die Männer aus den Augen. Keines der Flöße erreichte Mexiko. Auch Pánfilo de Narváez tauchte nie wieder auf.

Cabeza de Vacas Nussschale kenterte schließlich in der Brandung vor Galveston Island, im Osten des heutigen Texas. Drei Mann ertranken, nur fünf der erschöpften Überlebenden hatten noch die Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Indianern wäre es ein Leichtes gewesen, die unbewaffneten, dem Tode nahen Schiffbrüchigen zu töten. Stattdessen brachten sie ihnen Nahrung – und weinten mit ihnen um ihr Schicksal: "Sie begriffen das ganze Ausmaß unserer Not, setzten sich nieder und klagten eine halbe Stunde lang so laut, dass man sie von Weitem hätte hören können. Es war erstaunlich, diese unzivilisierten, ungebildeten Wilden wie Tiere heulen zu hören – aus Mitgefühl."

Schließlich geleiteten die Indianer die Fremden behutsam in ihr Dorf und wärmten sie unterwegs an großen Feuern. Trotz der Großzügigkeit ihrer Gastgeber überlebten nur 15 der erschöpften Gestrandeten. Bald darauf starb auch die Hälfte der Indianer – vermutlich an der von den Spaniern eingeschleppten Ruhr.

Händler im Dienst der Indianer

Auch Cabeza de Vaca wurde sterbenskrank; und so ließen ihn seine Kameraden, als sie schließlich Richtung Mexiko weiterwanderten, bei den Indianern zurück. Nach seiner Genesung verbrachte er viereinhalb Jahre allein beim Volk der Capoque im Osten von Texas – und überlebte: "Ich denke, er war ein Mensch, der unter härtesten Bedingungen durchzuhalten verstand", erzählt Rolena Adorno. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie er diese viereinhalb Jahre ohne jeden Kontakt mit Europäern überlebt haben sollte, ohne in seiner Persönlichkeit absolut gefestigt gewesen zu sein. Der Spanier verlor nicht den Verstand", sagt die Wissenschaftlerin nicht ohne gehörige Bewunderung, "er wurde nicht verrückt, wie es ein Spielfilm über ihn aus dem Jahr 1991 andeutet. Und ich denke, er war ein Mensch, der sich wechselnden Lebensumständen jederzeit anpassen konnte."

Weil die Capoque mit Nachbarstämmen verfeindet waren, gab es zwischen ihnen kaum Tauschhandel. Und so wurde Cabeza de Vaca zum fliegenden Händler, der in wochenlangen Wanderungen von Volk zu Volk reiste: "Meine wichtigsten Handelsgüter waren die Häuser von Meerschnecken, Muscheln, die die Indianer zum Schneiden benutzen, Perlen und eine bohnenartige Baumfrucht, die sie als Medizin verwenden und aus der sie ein rituelles Getränk brauen."

Sein Leben als Händler war ihm angenehm, er konnte reisen, wohin er wollte, und galt nicht als Sklave: "Wohin ich kam, behandelten die Indianer mich ehrenvoll und gaben mir zu essen, weil sie meine Waren schätzten. Ich wurde bekannt, wer mich nicht persönlich kannte, hatte von mir gehört und suchte meine Bekanntschaft. Das diente meinem Hauptzweck, der in all der Zeit immer war, einen Weg nach Mexiko zu finden."

Schließlich erfuhr Cabeza de Vaca, dass drei seiner Kameraden noch am Leben waren – als Gefangene eines benachbarten Volks: zwei Spanier und ihr dunkelhäutiger, maurischer Sklave. Es gelang ihm, sich zu ihnen durchzuschlagen – ihr Wiedersehen erschien den vieren wie ein Wunder. Alle anderen der vierhundert Männer, die einst in Nordamerika gelandet waren, waren an Krankheiten, Erschöpfung oder Unterkühlung gestorben, ertrunken, verhungert, verdurstet oder von Indianern getötet worden.

Was die vier rettete, war ihre Fähigkeit, sich an die indianischen Gebräuche anzupassen. "Das verlangte, wenn ich darüber spekulieren darf, höchst geschärfte Sinne und eine äußerst wache Beobachtungsgabe", meint Adorno, "denn ihr Überleben hing ganz und gar davon ab, ob sie die Erwartungen ihrer indianischen Scouts, Anführer und Herren zu lesen verstanden."

Trotz ihrer enormen Anpassungsfähigkeit erfuhren Cabeza de Vaca und seine Gefährten am eigenen Leib und über viele Jahre hinweg die unerbittliche Härte und Unwägbarkeit des Lebens steinzeitlicher Jäger und Sammler. Und es waren vor allem die kalten Winter und der ständige Hunger, die ihnen – und den Indianern – zu schaffen machten: "Zwei oder drei Arten von Wurzeln sind ihre Grundnahrungsmittel. Nach ihnen zu graben ist harte Arbeit. Doch die Not ist so groß, dass diese Menschen das Jahr ohne die Wurzeln nicht überstehen würden, obwohl sie kaum zum Essen taugen und Bauchweh bereiten. Man muss sie zwei Tage lang rösten, und danach schmecken manche immer noch bitter."

Ein geläuterter Konquistador

Manchmal erlegten die Indianer Antilopen oder fingen Fisch, berichtete Cabeza, "aber es ist so wenig und der Hunger so groß, dass sie auch Spinnen und Ameiseneier essen, Würmer, Eidechsen, Salamander, Schlangen und giftige Vipern, auch Erdboden und Holz – alles eigentlich, selbst Hirschdung und anderes, das ich besser nicht erwähne. Ich glaube allen Ernstes, dass sie auch Steine essen würden, wenn es die hier gäbe." Dutzende Historiker, Geografen und Ethnologen haben sich an der schwierigen Aufgabe versucht, die Wanderroute der vier Überlebenden durch Nordamerika zu rekonstruieren. Neben ihrem wissenschaftlichen Interesse hat viele Forscher auch die Persönlichkeit Cabeza de Vacas fasziniert. Er musste während der achtjährigen Odyssee eine tiefe Wandlung durchgemacht haben: "Das Wissen um menschliches Leiden scheint seine Sicht des Lebens verändert zu haben", vermutet der texanische Literaturwissenschaftler William Pilkington. "Es hat ihn gemäßigt, lehrte ihn Bescheidenheit und stärkte mit jedem Schritt sein spirituelles Bewusstsein."

Doch die spirituelle Wandlung wird kaum bis zur Abwendung vom christlichen Glauben oder gar der Hinwendung zu indianischen Religionen gereicht haben. Das wäre in der damaligen Zeit ein Tabu gewesen, das zu brechen der Spanier nie offiziell hätte bekennen können. "Persönliche Wandlung dagegen: ja!", meint Rolena Adorno. Cabeza de Vaca begann die Reise als Konquistador, der auszog, um Territorien und menschliche Seelen für die christliche Zivilisation zu gewinnen, mit welchen Mitteln auch immer.

"Und nachdem er all diese Jahre unbewaffnet überlebt hatte und er der Gnade und den Launen der nordamerikanischen Indianer ausgeliefert gewesen war, glaube ich, dass er begriff, dass es eine andere Art geben musste, diese Menschen zu überzeugen, als mit Waffengewalt. Und er stellt das am Ende seines Berichts mit großem Nachdruck heraus."

Im Sommer 1535 mussten die vier Überlebenden nur noch rund 250 Kilometer vom Hafen Santisteban del Puerto am Golf von Mexiko entfernt gewesen sein. Es ist eines der großen Rätsel ihrer Reise, warum sie, statt der Küste weiter nach Süden zu folgen, sich plötzlich nach Nordwesten, ins Landesinnere, wandten – was ihnen einen Umweg von etwa viertausend Kilometern bescherte.

Utopisches Nachdenken

Rolena Adorno hat über die Frage lange nachgedacht: Sie glaubt – und der Bericht untermauert diese Ansicht –, dass die Wanderer von einem indianischen Stamm zum nächsten geführt wurden. Und so erklärt sich der auffällige Zickzackkurs durch Südwesttexas und Mexiko. "Es gab niemanden, der sie direkt von der Atlantikküste bis zur Pazifikküste Mexikos hätte bringen können. Sie waren entlang der Pfade unterwegs, auf denen die Indianer, die sie führten, normalerweise reisten, wanderten und sich begegneten."

Im Frühjahr 1536, nach acht Jahren und rund neuntausend Kilometern, erreichten die vier schließlich die Pazifikküste Neu-Galiziens, wie das nordwestliche Mexiko damals genannt wurde. Doch ihre Freude über die nahe Rettung wurde getrübt vom Entsetzen darüber, wie ihre Christenbrüder hier die Indianer malträtierten: "Wir eilten durch ein riesiges Gebiet, das wir verlassen fanden – die Bewohner waren aus Angst vor den Christen in die Berge geflohen. Mit Trauer im Herzen sahen wir das großzügig bewässerte, fruchtbare und schöne Land brachliegend und verbrannt, und seine Bewohner abgemagert und sich aus Angst verbergend."

Weil die Indianer wegen der dauernden Übergriffe nichts pflanzen konnten, waren sie gezwungen Wurzeln und Baumrinde zu essen – die vier Spanier hungerten, über Monate hinweg, mit ihnen. Die Ureinwohner berichteten, "wie die Christen ihre Dörfer geschleift und die Hälfte der Männer und alle Frauen und Jungen verschleppten hatten. Wer ihnen entkommen war, schlug sich als Flüchtling durch".

Schließlich stieß Cabeza de Vaca auf vier spanische Sklavenjäger: "Sie waren wie vom Donner gerührt, als sie mich sahen: seltsam unbekleidet und in der Gesellschaft von Indianern. Lange Zeit standen sie nur da und starrten und dachten nicht daran, mich zu begrüßen. Schließlich verlangte ich: 'Bringt mich zu eurem Hauptmann!'"

Ein Vierteljahr später, Ende Juli 1536, erreichten die vier endlich Mexiko-Stadt, das aztekische Tenochtitlán, das erst 13 Jahre zuvor erobert worden war. Dort wurden die Überlebenden vom spanischen Vizekönig und dem Konquistador Hernán Cortés glanzvoll empfangen. Sie erfuhren, dass die Schiffe ihrer Flotte ein Jahr lang an der Küste des Golfes von Mexiko auf- und abgesegelt waren, auf der Suche nach den Verschollenen – ohne Erfolg. Und sie hörten mit Staunen von der spanischen Invasion ins Inkareich im heutigen Peru, die während ihrer Abwesenheit stattgefunden hatte.

Nach seiner Rückkehr nach Spanien machte sich Cabeza de Vaca daran, seinen offiziellen Bericht an Kaiser Karl V. zu verfassen, erzählt Rolena Adorno. Und er hatte ein klares politisches Interesse dabei: "Sein Ziel war, sich erneut als Expeditionsleiter zu bewerben – für die nächste Erkundungsreise in die riesige Golfküstenregion Nordamerikas, die man damals La Florída nannte." Nach seiner Rückkehr erfuhr er aber, dass Hernando de Soto diesen Auftrag bereits erhalten hatte. Und so war er gezwungen, auf die nächste Gelegenheit zu warten. "Während dieser Zeit schrieb er seinen ausführlichen Bericht, den wir heute als eine Art Lebenslauf für seine Bewerbung betrachten würden. Und er dachte, dass er sich mit seinen Diensten während der ersten Reise nach La Florída am ehesten als erfahrener, kenntnisreicher Mann darstellen könnte."

In dem nach Neuland gierenden Spanien des 16. Jahrhunderts verlor Cabeza de Vacas "La Relación" allerdings bald an Bedeutung. Aus der Erinnerung eines buchstäblich nackten Wanderers geschrieben, blieb sein Bericht geografisch gezwungenermaßen ungenau – und galt bald als überholt. Aber was er schrieb, hat seine Bedeutung in ganz anderer Sache bis heute behalten: als Dokument der seelischen Wandlung eines Konquistadors.

Am Ende seines Berichts an den Kaiser kam Cabeza de Vaca zu einer damals höchst erstaunlichen Schlussfolgerung über die Indianer: "Um all diese Menschen zum Christentum zu bekehren und Eurer Kaiserlichen Majestät zu unterwerfen, muss man sie eindeutig mit Freundlichkeit gewinnen, das ist der einzig verlässliche Weg."

Sein engagierter Bericht beeinflusste Missionare, die an einer spirituellen Conquista mit friedlichen Mitteln statt mit Waffengewalt interessiert waren. Der geistige Vordenker solcher Initiativen war Fray Bartolomé de Las Casas – ein Dominikanermönch, der von Kaiser Karl V. gehört wurde. "Aus den Schriften von Las Casas wissen wir, dass Cabeza de Vacas Haltung bei Hofe oft vorgetragen wurde", erzählt Rolena Adorno. Durchsetzen konnte sie sich im Alltag der Conquista aber nicht. "Gewaltsame Eroberungen wurden noch viele Jahre danach betrieben. In letzter Konsequenz spielte Cabeza vor allem als utopischer Vordenker für ein friedliches Zusammenleben mit den nordamerikanischen Indianern eine Rolle."

Álvar Núñez Cabeza de Vaca starb etwa 1559 in seiner Heimatstadt Jérez de la Frontera, einen kurzen Ritt von dem Hafen entfernt, in dem er gut zwanzig Jahre zuvor nach Florida aufgebrochen war. Ein Mann, der im Lauf einer der unglaublichsten Expeditionen der Geschichte vom Eroberer zum Fürsprecher der Indianer wurde, wie William Pilkington meint: "Die große Ironie", schreibt der texanische Literaturwissenschaftler, "ist, mit welcher Brutalität später gegen seine Einsicht verstoßen wurde."


Udo Zindel studierte Geografie, Neuere Geschichte und Politische Wissenschaften. Er arbeitet seit zwanzig Jahren als freier Autor und Redakteur beim Südwestrundfunk in Stuttgart.