Dieselkatastrophe von Norilsk Schwierige Aufräumaktion in der Tundra

In Sibirien versuchen Einsatzkräfte, die arktische Tundra von Tausenden Tonnen Diesel zu befreien. Die Folgen des Unglücks werden sich aber auch auf lange Sicht nur schwer beheben lassen.
Kampf gegen ausgelaufenen Diesel in der sibirischen Tundra

Kampf gegen ausgelaufenen Diesel in der sibirischen Tundra

Foto: IRINA YARINSKAYA/ AFP

In Norilsk wird man nicht alt. Es heißt, dass die Lebenserwartung in der sibirischen Stadt noch einmal zehn Jahre unter dem ohnehin schon eher niedrigen Wert im Rest von Russland  liegt. Gut 62 Jahre also. Schuld ist die extreme Umweltverschmutzung in der abgelegenen Region weit jenseits des Polarkreises, in der vor allem wertvolle Erze gewonnen und aufbereitet werden. Die Hüttenwerke blasen pro Jahr mehrere Millionen Tonnen  Schwefeldioxid in die Luft. Die Mengen sind so gigantisch, dass sie sogar aus dem All  festzustellen sind. Saurer Regen lässt die Bäume sterben, das Wasser ist durch gefährliche Schwermetalle belastet.

Industrieanlagen in Norilsk (Archivbild)

Industrieanlagen in Norilsk (Archivbild)

Foto: DENIS SINYAKOV/ REUTERS

Und nun haben auch noch rund 20.000 Tonnen Diesel die Gewässer der Gegend verseucht, darunter die Ambarnaja und ihre Nebenflüsse. Zur Einordnung: Beim Ölunglück der "Exxon Valdez" an der Küste von Alaska waren im März 1989 etwa 37.000 Tonnen Rohöl ausgelaufen und hatten damals mehr als 2000 Kilometer Küste verseucht. Bei der Dieselkatastrophe von Norilsk liegt die Menge des ausgetretenen Öls nun etwas niedriger, die Auswirkungen dürften aber ebenfalls dramatisch sein.

Der Treibstoff stammt aus einem kollabierten Tank des Wärmekraftwerks Nummer 3, wo er neben Kohle als Brennstoff eingesetzt wird. Betreiber ist die Firma NTEK, ein Tochterunternehmen des riesigen Bergwerkunternehmens Nornickel. Der Nornickel-Konzern war es auch, der die Meldung über das Unglück am 29. Mai offenbar tagelang verschleppte, worüber sich Russlands Präsident Wladimir Putin später öffentlichkeitswirksam beklagte.

Nun laufen die Aufräumarbeiten. Doch bisher sind laut russischen Behörden  erst 700 Tonnen Diesel und verschmutztes Wasser wieder eingesammelt. Und spricht man mit Experten, dann wird schnell klar: Die Folgen des wohl größten Unglücks dieser Art jenseits des Polarkreises werden sich auch auf lange Sicht nur schwer beheben lassen. "Das ist ein extrem schwieriges Umfeld für eine Aufräumaktion", sagt Guido Grosse vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Zwei Drittel von Russlands Staatsgebiet bestehen aus Permafrost - und der taut

Grosse ist Experte für Permafrost. So nennt man den dauerhaft gefrorenen Boden, der weite Teile der Arktis bedeckt. In Russland sind es rund 66 Prozent des gesamten Staatsgebiets. In Norilsk zum Beispiel ist der Permafrost zwischen 20 und 400 Meter dick, doch an seiner Oberseite taut er immer stärker. In Extremfällen bestehen 70 bis 80 Prozent von Permafrostböden aus Eis. Wenn es taut, sackt der Untergrund einfach weg.

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Das AWI erforscht das Phänomen unter anderem mit russischen Partnern auf einer Station  im Lena-Delta. Und der Permafrost ist wohl der entscheidende Faktor, wenn man über den Dieselunfall von Norilsk spricht. Zum einen, weil er infolge des Klimawandels langsam verschwindet und deshalb die Katastrophe verursacht haben soll. Zum anderen, weil sein zeitweises Auftauen im Sommer die Aufräumarbeiten massiv erschwert.

Nornickel hat erklärt, tauender Boden sei verantwortlich dafür, dass der Dieseltank kollabierte. Dadurch sei der Untergrund abgesackt, mit fatalen Folgen. "Man muss sehr vorsichtig sein mit der Argumentation des Betreibers", sagt Grosse. Der Permafrost könne durchaus eine Rolle spielen, "Art und Alter der Konstruktion aber auch". In russischen Medienberichten ist davon die Rede, dass die Anlagen massive Rostprobleme hatten.

Defekter Dieseltank am Heizktraftwerk von Norilsk

Defekter Dieseltank am Heizktraftwerk von Norilsk

Foto: IRINA YARINSKAYA/ AFP

In den vergangenen Tagen und Wochen war es in der russischen Arktis besonders heiß, massive Waldbrände waren wie im vergangenen Jahr die Folge. Dass Extremwetter aber auch Schuld am Kollaps des Tanks hat, ist nicht gesagt. Auf jeden Fall dürften die langfristigen Veränderungen des Untergrundes in der Arktis für die Leute von Nornickel nicht überraschend kommen, so erklärt auch Grosses AWI-Kollege Moritz Langer.

Tatsächlich habe sich die Bodentemperatur in der Region über die Jahre um mehrere Grad erhöht, so der Forscher. "Die Winter werden immer wärmer, der Boden friert nicht mehr so weit wie früher zurück." Dadurch bildeten sich Wasserlinsen im Boden, sogenannte Taliks. Diese könnten dann tatsächlich dafür sorgen, dass der Boden absacke. Nur, sagt Langer, sei das eben lange bekannt. Zuletzt hätten Forscher vor drei Jahren in einem Fachartikel im Magazin "Polar Geography"  gezeigt, wie stark die Klimaerwärmung gerade die Infrastrukturen in und um die Stadt Norilsk betrifft. "Die Verantwortung wegen externer Einflüsse von sich wegzuschieben, das kann man eigentlich nicht machen", sagt Langer.

Nornickel kannte die langfristige Gefahr demnach also sehr wohl, tat aber offenbar nicht genug dagegen. Ähnlich hatten sich zuvor auch russische Umweltschützer geäußert.

"Das Gelände würde total zerfurcht und zerwühlt aussehen"

Wohnblöcke in Städten wie Norilsk werden traditionell auf Stelzen gebaut, damit sich die Häuser durch ihre Abwärme nicht in den gefrorenen Boden schmelzen. Tanks wie der beim Kraftwerk werden mit dicken Lagen Kies vom Tundraboden abgeschirmt. Außerdem, so Forscher Langer, hätte man Auffangbecken um die Tanks herum errichten müssen, für den Fall eines Lecks. Zwar sehe man auf einem Handyvideo des kollabierenden Treibstoffspeichers tatsächlich Gräben, die wohl diesen Zweck hatten. Diese seien aber schnell überspült worden. Also waren sie wohl viel zu klein.

Das Aufräumen nach dem Unglück dürfte nun eine extrem langwierige und im wahrsten Sinne des Wortes schmutzige Angelegenheit werden. "Schweres Gerät kann dabei nicht eingesetzt werden", sagt AWI-Forscher Grosse. "Da macht man mehr kaputt als man nützt." In der Tundra gibt es keine Straßen. Und der eisige Grund taut in diesen Tagen an seiner Oberfläche eben gerade auf, so wie er es jeden Sommer tut.

Aufräumarbeiten schädigen den Boden der Tundra

Aufräumarbeiten schädigen den Boden der Tundra

Foto: YURI KADOBNOV/ AFP

Wer jetzt mit Planierraupen und Lkw in der Gegend herumfährt, schädigt die oberste Bodenschicht massiv. "Das Gelände würde total zerfurcht und zerwühlt aussehen, wenn man das macht", warnt der Forscher. Mit fortschreitendem Sommer wird das Problem immer stärker, erst ab Oktober friert der Boden wieder. Ist der Untergrund erst einmal durch Fahrzeugspuren geschädigt, sind diese Wunden teils jahrzehntelang zu sehen. Das weiß man von früheren, kleineren Ölunfällen in Russlands Norden. Außerdem taut der Permafrost in den Folgejahren besonders gut an den Stellen, wo einst die Autos entlangkurvten. In den Fahrspuren bilden sich mit Wasser gefüllte Rillen und kleine Seen.

"Die niedrigen Temperaturen verlangsamen den Abbau durch Bakterien"

Für eine Bekämpfung der Umweltverschmutzung vom Wasser aus sind wiederum die sibirischen Flussläufe zu flach, heißt es bei den russischen Behörden. Von Einsatzkräften eingesammeltes Öl soll nach Möglichkeit bis zum Winter in abgeschlossenen Behältern gesammelt werden , dann sollen die Oberflächen der Flüsse als Straßen zum Abtransport genutzt werden.

Provisorische Auffangbecken mit verschmutztem Wasser

Provisorische Auffangbecken mit verschmutztem Wasser

Foto: Marine Rescue Service/EPA-EFE/Shutterstock

Am Ende wird wohl ein guter Teil des Diesels auch in den arktischen Ökosystemen bleiben. Dort wird er nach und nach von winzigen Organismen abgebaut - doch das dauert: "Die niedrigen Temperaturen verlangsamen den Abbau durch Bakterien", sagt der Geochemiker Hinz Wilkes von der Universität Oldenburg. Schwierig werde es vor allem, wenn der Diesel in tiefere Bodenschichten gelange. Die dort lebenden Organismen seien nicht sehr effektiv beim Umwandeln der Dieselverbindungen. "Auch nach zehn Jahren und deutlich darüber hinaus wird man da wohl noch Rückstände nachweisen können."

In den vergangenen Jahren haben Öl- und Gaskonzerne immer wieder ihren Blick auf die Vorkommen in der Arktis gerichtet. Umweltschützer haben immer wieder gewarnt, dass mögliche Verschmutzungen nicht zu säubern wären. Es gibt zwar Forschung dazu, wie sich Öl aus Wasser und Eis bekommen lässt, entsprechende Arbeiten für den Bereich der Tundra sind deutlich seltener.

"Seit vielen Jahren hat man befürchtet, dass so etwas passieren könnte", sagt Permafrostforscher Grosse über das Unglück. Nun ist es also geschehen.

Der Kreml hat unterdessen angekündigt, das Unglück beeinflusse die weiteren Pläne Russlands zur Entwicklung der Arktis nicht .

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