Berühmte Gletschermumie Moose verraten Ötzis letzte Route

Der Gletschermann Ötzi gilt als am besten untersuchte Leiche der Welt - und birgt trotzdem noch Rätsel. Anhand von Moosresten haben Forscher nun ein weiteres gelöst. Es geht um den letzten Weg des Steinzeitmannes.

Mikroskopaufnahme eines 5300 Jahre alten Mooses, das beim Gletschermann Ötzi gefunden wurde.
Uni Innsbruck/ Klaus Oeggl

Mikroskopaufnahme eines 5300 Jahre alten Mooses, das beim Gletschermann Ötzi gefunden wurde.


Erst ging es hinauf auf 2500 Meter Höhe in den Ötztaler Alpen, dann wieder hinab auf 1200. Anschließend stieg der verletzte und entkräftete Mittvierziger wieder stramm bergan, bis er sich in der dünnen Luft mehr als 3200 Meter über dem Meer wiederfand. Dort kam der Tod in Form eines hinterrücks auf ihn abgefeuerten Pfeils.

Die letzten Stunden des unter dem Namen Ötzi bekannten Steinzeitbewohners spielten sich vor 5300 Jahren in der heutigen Grenzregion zwischen Österreich und Italien ab - und sie waren äußerst turbulent. Viele Aspekte des Lebens und Sterbens von Ötzi haben Forscher seit seinem Fund im September 1991 analysiert. Und so weiß die Welt von seinen abgenutzte Zähnen, seinen Tattoos, seinen Bauchschmerzen durch Bakterienbefall und seinen verkalkten Arterien.

Doch wie der Mann, vermutlich ein Jäger, eigentlich an den Ort seines Todes gekommen war, darüber gab es bis jetzt mehrere Theorien. Nun glauben Forscher, die Route des Frühzeitalpinisten endgültig herausgefunden zu haben. Im Fachmagazin "PLoS One" berichtet ein Team um Klaus Oeggl von der Universität Innsbruck und Jim Dickson von der University of Glasgow, dass Ötzi wohl aus dem Süden über das Südtiroler Schnalstal nach Norden gewandert sein dürfte. Frühere Untersuchungen hatten das nahegelegt, unter anderem weil sich in Ötzis Darm Pollen der Hopfenbuche befanden, die im Schnalstal wächst.

Giftiger Farn gefunden

Nun kommt ein weiteres Puzzlestück für die Beweisführung hinzu. "In unserer aktuellen Arbeit haben wir uns mit den um, auf und in Ötzi gefundenen Pflanzenresten beschäftigt", erklärt Oeggl . "Dazu wurden aus den Sedimenten des Fundorts, aber auch aus der Kleidung und dem Magen-Darm-Inhalt der Gletschermumie Moose isoliert und analysiert."

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Ötzi: Der Werkzeugkoffer des Steinzeitmanns

Bekannt war unter anderem bereits, dass Ötzi Reste von giftigem Farn in seinem Darm hatte, wobei nicht klar ist, ob er diesen absichtlich - etwa als Arznei - oder unabsichtlich - also mit dem Essen - zu sich genommen hat.

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Insgesamt konnten die Wissenschaftler nun 75 verschiedene Moosarten identifizieren. Heute wachsen an der Fundstelle aber nur 21 davon. Interessant waren für die Wissenschaftler vor allem diejenigen Spezies, die eigentlich nur in niedriger gelegenen Bergregionen vorkommen. Die Idee: Ötzi dürfte einen Teil von ihnen an den Ort seines Todes mitgebracht haben. "Das kann auf seiner letzten Wanderung sowohl absichtlich als auch unabsichtlich passiert sein", so Oeggl.

Die Forscher können sich jedoch nicht ganz sicher sein, dass Ötzi selbst die Moose mit sich schleppte. Auch Schmelzwasser und Tiere wie Ziegen oder Steinböcke könnten die Pflanzenreste an die Fundstelle von Ötzis Leiche gebracht haben. Besonders spannend war für die Wissenschaftler deshalb der Nachweis des Glatten Neckermooses und einer speziellen Art der Torfmoose.

Letzteres fand sich in Ötzis Darm und konnten somit nur von ihm stammen. Die Pflanzen kommen - zumindest heute - am Fundort der Leiche nicht vor. Damals dürfte es sie aber im unteren Schnalstal zu Hauf gegeben haben, wo sich große Moorgebiete ausdehnten. Nördlich der Fundstelle der Gletschermumie, im Ventertal oder im Ötztal, gibt es das Neckermoos dagegen nicht.

Dorthin, so das Fazit der Forscher, dürfte Ötzi auf seinem letzten Weg von Vinschgau aus zunächst gezogen sein. Dann ging es durch eine steile Schlucht weiter. Bergan in den Tod. Der Weg durch die Schlucht sei gewiss beschwerlich gewesen, so die Forscher. Doch Ötzi war wahrscheinlich auf der Flucht und in der Umgebung gab es gute Verstecke. Hat er deshalb den beschwerlichen Weg auf sich genommen? Genutzt hat es dem Steinzeitmann zumindest nichts.

chs



insgesamt 2 Beiträge
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Annemarie1337 01.11.2019
1. Ötzie war Moossammler
Das its ja wirklich ganz spannend zu hören dass Ötzi so viele Moosarten dabei hatte. Ich schließe darauß, dass er sehr wahrscheinlich ein Moossammler war. Auch ich gehe nun seit mehreren Jahren dieser Leidenschaft nach und kann dieses Hobby nur jedem empfehlen. Es gibt eine enorme vielfalt von Moosen (nach aktuellen Schätzungen bis zu über 160000 Arten) sodass der Sammelspaß nie zu Ende geht. Auch die Biologie der Moose ist extram faszinierend. Wenn man dann auch noch andere Wissenschaften damit betreiben kann wie Ötziforschung um so besser.
Sissy.Voss 02.11.2019
2. Liebe Annemarie
Zitat von Annemarie1337Das its ja wirklich ganz spannend zu hören dass Ötzi so viele Moosarten dabei hatte. Ich schließe darauß, dass er sehr wahrscheinlich ein Moossammler war. Auch ich gehe nun seit mehreren Jahren dieser Leidenschaft nach und kann dieses Hobby nur jedem empfehlen. Es gibt eine enorme vielfalt von Moosen (nach aktuellen Schätzungen bis zu über 160000 Arten) sodass der Sammelspaß nie zu Ende geht. Auch die Biologie der Moose ist extram faszinierend. Wenn man dann auch noch andere Wissenschaften damit betreiben kann wie Ötziforschung um so besser.
Liebe Annemarie, da haben Sie sich in Ihrer Begeisterung für Moose zu einer voreiligen Schlussfolgerung verleiten lassen. Denn dass bei Ötzi angeblich 75 Moosarten gefunden wurden, heißt NICHT, dass er sie dabei hatte. Der Artikel in SPON ist eine recht lausige, sensationsheischende Wiedergabe des Berichts aus PLOS one. Denn dort heißt es: "By contrast 75 or more species (of mosses)… were recovered as subfossils frozen in, on and around the Iceman from before, at and after his time." Also wurden 75 Moose gefroren in, auf und um den Eismann herum gefunden und diese stammen aus seiner Zeit, aber auch aus der Zeit vor und nach ihm. Dass Tüpfelfarn in seinem Verdauungstrakt gefunden wurde ist a) nichts neues, sondern eine uralte Information und b) nicht besonders erstaunlich, weil der Farn (im Volksmund "Engelsüß" genannt) süßlich schmeckt und als Heilmittel gegen Wurmerkrankungen verwendet wurde. Der Mann vom Hauslab-Joch hatte einen Befall mit Peitschenwürmern. Das ist, ebenso wie die diagnostizierte Borreliose, eine Zooanthroponose, die durch das noch neue, enge Zusammenleben vom Menschen mit dem lieben Vieh herrührte.
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