Psychologie Warum ein Lied zum Ohrwurm wird

"Can't Get You Out Of My Head": Jeder Musikproduzent würde gerne einen Ohrwurm nach dem anderen veröffentlichen. Wie das klappen könnte, haben Forscher nun in einer Studie herausgefunden.
Kylie Minogue

Kylie Minogue

Foto: imago/ Future Image

Kennen Sie "Barbie Girl" von der skandinavischen Eurodancepop-Truppe Aqua? Ein wirklich schlimmer Song, schon fast an der Grenze zur Körperverletzung. Rhythmus, Melodie sind so unfassbar simpel, dass es schon fast weh tut - vom Text mal ganz zu schweigen.

Aber: Haben Sie den Song einmal gehört, bekommen Sie ihn nicht wieder aus dem Kopf. Selbst dann nicht - und dieser Umstand ist in diesem Zusammenhang wichtig - wenn Sie es wollen. Wohl aus diesem Grund werden solche Songs auch Ohrwürmer genannt. Die Klangviecher sind so flink und wendig im Gehörgang, dass man sie einfach nicht zu fassen kriegt, um sie rauszuziehen und in die Mülltonne zu schmeißen.

Aber was macht einen Ohrwurm aus? Damit haben sich bereits häufiger Wissenschaftler auseinandergesetzt. Forscher der britischen Durham University wollen nun gleich mehrere Charakteristika identifiziert haben, die einen Ohrwurm auszeichnen. Dazu gehören auch überraschende Sprünge in der Melodie, wie Kelly Jakubowski und ihre Kollegen im Fachmagazin "Psychology of Aesthetics, Creativity and the Arts"  berichten.

Die Psychologen um Kelly Jakubowski haben zunächst in Umfragen ermittelt, an welche Lieder sich Menschen am ehesten unwillkürlich erinnern. Diese Songs untersuchten sie dann auf Gemeinsamkeiten. Am häufigsten gaben die 3000 von den Forschern befragten Personen "Bad Romance" von Lady Gaga an.

Weitere Beispiele waren "Can't Get You Out Of My Head" von Kylie Minogue und der Rockklassiker "Don't Stop Believing" von Journey. Lady Gaga war außerdem mit den Liedern "Alejandro" und "Poker Face" unter den Top Ten. Die genannten Stücke untersuchten die Forscher dann auf ihre musikalische Struktur und verglichen sie mit Liedern, die nicht genannt wurden.

Tonhöhen wie aus Kinderliedern

Resultat der Analyse: Zunächst wenig überraschend folgen Ohrwürmer meist einer eher gewöhnlichen Grundmelodie, die für die jeweilige Musikrichtung üblich ist. Besonders eignen sich eingängige Melodien mit wechselnden Tonhöhen wie etwa aus Kinderliedern. Die Eingangsmelodie von "Moves Like Jagger" von Maroon 5, das auf Platz fünf der Ohrwurmliste landete, folgt etwa diesem Prinzip.

Eingängige Melodien sind ein Teil des Erfolgsrezepts. Dazu kämen dann, so die Forscher, meist ungewöhnliche Intervalle, überraschende Sprünge und Wiederholungen. Als Beispiel nennen sie "My Sharona" von The Knack oder "In the Mood" von Glenn Miller. Die Studie zeigte auch, dass schnellere Lieder eher zu Ohrwürmern werden.

"Bad Romance" von Lady Gaga eignet sich den Wissenschaftlern zufolge besonders gut, weil das Lied im Refrain Wiederholungen und ungewöhnliche Intervalle enthält. Demnach bleiben Wiederholungen, wie etwa das berühmte Gitarrenriff im Deep-Purple-Song "Smoke on the Water", eher im Kopf hängen.

Ohrwurm Nummer eins: "Bad Romance" von Lady Gaga

Ohrwurm Nummer eins: "Bad Romance" von Lady Gaga

Foto: Alessandro Di Meo/ dpa

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich ungefähr vorhersagen lässt, ob sich eine Melodie in den Köpfen der Menschen verfängt", sagt Psychologin Jakubowski. "Das könnte Songschreibern oder Werbern helfen, Jingles zu schreiben, an die sich jeder tage- und monatelang erinnern wird."

Die Wissenschaftler untersuchten außerdem, wann und wie lange die genannten Lieder in den britischen Charts standen. Lieder, die hier erfolgreich waren, hatten demnach eine höhere Chance, zum Ohrwurm zu werden, wohl, weil sie öfter gespielt wurden und damit den Menschen vertrauter waren.

Bereits in früheren Untersuchungen hatten Forscher Ohrwürmer untersucht. So konnten sie zeigen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ein Song auch nach 24 Stunden noch im Ohr sein kann, wenn er direkt nach dem ersten Hören noch präsent ist und nicht sofort vergessen wird. Zudem ist auch erforscht, warum ein Song immer und immer wieder zurückkehrt.

Das liegt am sogenannten Zeigarnik-Effekt. Dieser besagt, dass man sich an unterbrochene Gedanken und unvollendete Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene. Da bei der plötzlich auftretenden Erinnerung an einen Song, den man dann im Kopf hat, aber sicher selten der gesamte Song abläuft, ehe die Gedanken abgelenkt werden, ist es so wahrscheinlicher, dass er später noch einmal zurückkehrt.

Immerhin konnten Forscher auch einen anderen Effekt bei Ohrwürmern nachweisen: Man behält viel öfter Songs im Ohr, die man mag, als solche, die einen nerven. Für alle, die mit Eurodance und "Barbie Girl" ein Problem haben, ist das eine gute Nachricht. Und sollte es schon zu spät sein und der Song kommt doch zurück: Für diesen Fall empfehlen Forscher leichtes Sudoku. Dann wird der Kopf gefordert und ist von dem Song abgelenkt.

joe/dpa
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