Christian Stöcker

Diktaturshow Die perversen Spiele von Peking

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Chinas Olympische Winterspiele betrachten selbst die Sportler kritisch, die daran teilnehmen. Die Diktaturshow entlarvt aber nur, was für den sogenannten Profisport generell gilt: Er passt nicht in die Zeit.
Foto:

Marco Alpozzi / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Das interessanteste Interview zu den Olympischen Spielen in China, das ich bislang gesehen habe, hat der Ex-Skiprofi Felix Neureuther mit dem Bobfahrer Johannes Lochner im Rahmen einer insgesamt sehr sehenswerten ARD-Doku  geführt. Beide stehen dabei im staubigen Rohbau eines Hauses. Lochner bohrt Löcher, um einen Verteilerkasten an der Wand zu befestigen. Der mehrmalige Bobweltmeister, der trotzdem immer nur die Nummer zwei hinter Francesco Friedrich bleibt, arbeitet nämlich im Elektroinstallationsbetrieb seiner Eltern.

Lochner muss das, denn vom Bobfahren kann er nicht leben. Und er muss zu Olympia, denn das ist das einzige Ereignis, das ihm eine Chance auf so viele Sponsorengelder einbringt, dass er mit dem immens teuren Sport Bobfahren halbwegs über die Runden kommt. Wenn er mit seinen Anschiebern ins Trainingslager fährt, zahlt Lochner für die ganze Mannschaft selbst, und er entlohnt sein Team auch persönlich.

Tiger Woods vs. Hansi Lochner

Eigentlich ist Lochner also kein »Profi«, denn etwas »professionell« zu tun, das bedeutet ja, dass jemand von seiner Tätigkeit leben kann. Das kann der Bobfahrer Lochner nicht. Und wenn er eine Abfahrt versaut, sagt er im Gespräch mit Neureuther, dann rechnet sein Kopf automatisch aus, was ihn das jetzt kostet.

Lochners Los ist symptomatisch für den sogenannten Profisport als Ganzes. »Profi«, das kann nur jemand sein, dessen Sport genügend oder ausreichend zahlungskräftige Aufmerksamkeit hervorruft, möglichst kontinuierlich. Fußball ist deswegen ein toller »Profi«-Sport, Basketball auch, in den USA Football oder Baseball. Golf hat ein viel kleineres Publikum, das aber hat dafür jede Menge Geld.

Der Profisport ist eine Werbebranche

Man kann die Golf-Aufmerksamkeit deshalb höherwertig monetarisieren, mit Werbung für Luxusprodukte. Tiger Woods erlöst somit in einem einzigen Jahr um Größenordnungen mehr als Johannes Lochner in seinem ganzen Sportlerleben. Ob Woods und Lochner das »verdienen«, was sie erwirtschaften, steht auf einem anderen Blatt.

In jedem Fall gilt: Nur wenn man mit der Aufmerksamkeit, die jemand mit seinem Tun erzeugt, Dinge verkaufen kann, lohnt sich sportliche Leistung auch finanziell. Der gesamte Profisport ist eine Werbebranche, sein ultimativer Zweck ist, aus Sicht derer, die ihn organisieren, den Konsum von Waren anzukurbeln. Völlig egal, welche Form oder Farbe der Ball hat. Der Sport ist also ein bedeutsamer Teil des extraktiven »Immer mehr, immer noch mehr«-Wirtschaftssystems, das die Welt gerade mit Schwung auf einen Abgrund zuträgt.

Politisch neutral = nur dem Geld verpflichtet

Olympische Spiele und, in etwas kleinerem Rahmen, manche Weltmeisterschaften, machen die ökonomische Logik von echten Profi-Sportarten vorübergehend auch anderen zugänglich, von Bobfahren bis Curling. Die meisten der echten Amateure, die bei solchen Wettkämpfen teilnehmen, werden deshalb natürlich trotzdem nicht reich, nicht einmal, wenn sie Medaillen gewinnen. Aber sie sind einen Augenblick lang einmal in der Situation derer, deren Gesicht man das ganze Jahr über gegen Geld vermieten kann.

Das Olympische Komitee ist deshalb ein bisschen wie Facebook: eine Unternehmung, in der es um die Erzeugung von möglichst viel Aufmerksamkeitszeit geht, die man dann an Werbekunden verscherbeln kann. Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das Milliarden umsetzt, stellt das natürlich weiterhin anders dar: Es ist immer von Frieden, Völkerverständigung und der Fiktion des »Unpolitischen« die Rede. Das ist mittlerweile so offenkundige Heuchelei, dass es fast unfreiwillig komisch wirkt.

Das ist die zweite Gemeinsamkeit mit Facebook: Fromme Worte über Wünschenswertes wie »Teilen« und »Gemeinschaft« reichen längst nicht mehr aus, um zu verdecken, dass es ausschließlich um Umsatz geht. Und, dass dafür gewaltige Kollateralschäden und faule Kompromisse stets billigend in Kauf genommen werden. Das IOC sei »politisch neutral«, sagt dessen Präsident Thomas Bach gern. »Politisch neutral«, das heißt in Wahrheit immer: nur dem Geld verpflichtet.

Olympia ist gut fürs nationale Ego

Und so finden jetzt ein weiteres Mal Olympische Spiele in einer Diktatur statt, die Menschen wegen ihrer Religion in Lager sperrt, eine gewaltige Überwachungsmaschinerie betreibt, Proteste gewaltsam niederschlägt und reihenweise Leute einsperrt, die nicht als Kriminelle, sondern im Journalismus oder der Wissenschaft tätig sind.

Es hat seinen Grund, dass die Großsportveranstaltungen der Gegenwart mittlerweile so oft in autokratisch geprägten Weltgegenden abgehalten werden, oft trotz erkennbarer inhaltlicher Absurdität: China, Russland, Katar. Die Münchner wollten diese Winterspiele nicht haben, und ganz generell scheinen demokratische Öffentlichkeiten weniger und weniger gewillt, sich von den Geschäftemachern des IOC über den Tisch ziehen zu lassen. Ihr habt die Kosten und die Aufmerksamkeit, wir machen die Gewinne – das scheint mittlerweile vor allem für Staaten ein attraktives Angebot zu sein, die am eigenen Status, gewissermaßen am nationalen Ego arbeiten.

Perverse Spiele, perverse Bilder

Die perversen Spiele von Peking machen all das nur besonders sichtbar, und sie liefern reichlich zur Illustration geeignete Bilder:

  • Die braun-grünen Hänge des Nationalparks Yanqing Songshan, in die man mit Kunstschnee ein paar dünne weiße Linien gemalt hat, auf denen die Skiwettbewerbe stattfinden. In der Region schneit es im Normalfall etwa fünf Zentimeter – pro Jahr.

  • Die überdimensionierte, Milliarden Euro teure , bald wieder obsolete, auf einen schneefreien Hang gepflanzte Bobbahn, die von oben aussieht wie eine langgezogene Parkhausauffahrt.

  • Die Big-Air-Schanze auf dem Gelände eines aufgelassenen Stahlwerks, dessen graue Kühltürme jetzt mit den olympischen Ringen dekoriert sind.

  • Die Spaliere aus vollständig in Schutzkleidung gehüllten Freiwilligen, die alle Gäste, ob sportliche oder journalistische, vom Rest der Bevölkerung fernhalten, covidbedingt.

  • Die behandschuhten, uniformierten Soldaten, die bei jeder Siegerehrung militärisch-zackig die Nationalflaggen hissen und ihnen anschließend synchron einen kleinen Schubs geben, damit sie kurz flattern.

Chinesischer Staatszirkus, notdürftig abgepuffert mit pummeligen Panda-Maskottchen.

Die Aufmerksamkeitsmaschinerie Olympia ist in Peking und den angeschlossenen Sportstätten endlich ganz bei sich selbst: Es gibt keinerlei Bezug zum Land und den Leuten, nur zu den Fernsehkameras. Und das Winterwunderland endet stets am Rand der Piste.

»Übertrieben, überdimensional, Protz«

Das IOC wirbt derweil mit dem Argument, dass in China ja dann demnächst 300 Millionen Menschen auch Skischuhe, -hosen und -handschuhe brauchen werden, dass europäische Hersteller von Pistenraupen oder Liftanlagen dort neue Märkte erschließen könnten. Dem olympischen Geldgeist sei Dank.

Die derzeitigen Einnahmequellen der Wintersportbranche schrumpfen gemeinsam mit den Gletschern, wandern gemeinsam mit der Schneegrenze immer weiter weg. Wenn es mit der Erhitzung so weitergeht, dann wird Wintersport bald vielerorts nur noch so aussehen wie jetzt in Yanqing Songshan – künstlich erzeugte weiße Streifen auf braun-grünen Hängen. Dass das weder sinnvoll noch nachhaltig ist, sondern eine unfassbare Verschwendung von Energie, Natur und Wasser, versteht sich von selbst.

Der Rodler Felix Loch, noch so einer, der Olympische Spiele eigentlich unbedingt braucht, hat schon vergangenes Jahr über die chinesische Olympia-Architektur gesagt , das sei »alles übertrieben, überdimensional, es ist Protz«. Er schob nach: »Aber es passt einfach nicht mehr in die Welt, die sich ja gerade über Nachhaltigkeit Gedanken macht.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.