Durchseuchung mit der Omikron-Variante Warum der Schutz vor dem Virus immer noch wichtig ist

Wenn Omikron für mildere Verläufe sorgt – warum sollte man eine Infektion mit dem Coronavirus dann noch vermeiden? Das fragen sich derzeit manche. Doch Experten warnen vor einer solchen Strategie.
Schnelltest an einer Corona-Teststelle in Hessen

Schnelltest an einer Corona-Teststelle in Hessen

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Das Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken, war nie größer als jetzt. Die Omikron-Variante hat für ihren Eroberungszug gerade mal rund zwei Monate benötigt – einbezogen sind hier die ersten, bekannten Fälle Anfang November in Afrika bis zu dem Zeitpunkt, ab dem die Mutante nach offiziellen Angaben die vorherrschende Variante in Deutschland war. Das lässt in etwa erahnen, wie potent Omikron als Erreger ist.

Ein Entkommen scheint angesichts dieser Infektiosität unmöglich. Weil die Krankheitsverläufe bei der Omikron-Variante in der Regel aber milder verlaufen, erscheint eine Infektion weniger gefährlich. Warum sollte man sie also unbedingt verhindern? Schließlich steigern immer mehr Menschen, die das Virus hinter sich haben, die Immunität in der Bevölkerung. Können wir also auf die Schutzmaßnahmen verzichten?

Ganz so einfach ist es nicht.

Omikron sollte nicht mit einem harmlosen Schnupfen verglichen werden – auch wenn die erwarteten Verläufe für viele Menschen milder sein könnten als bei der Delta-Variante. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gefordert, dass die Omikron-Variante ernst genommen werden muss. Der Vergleich mit einer normalen Erkältung stimme nicht, so WHO-Corona-Expertin Maria Van Kerkhove. Eine Infektion kann so ablaufen, muss sie aber nicht.

Zwar zeigt eine Studie, dass das Risiko, mit Omikron ins Krankenhaus zu müssen, im Vergleich zu Delta in allen Altersgruppen wohl um mehr als die Hälfte reduziert ist. Zudem müssen Patienten mit Omikron seltener beatmet werden, liegen seltener auf der Intensivstation und verbringen im Schnitt drei oder vier Tage weniger im Krankenhaus. Als schwere Covid-Verläufe gelten nach allgemeiner Einschätzung solche, bei denen die Patienten ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Zudem dürfen die Betroffenen nicht unter Atemnot leiden und die Sauerstoffsättigung im Blut muss über einem bestimmten Wert liegen, so der Leiter der Virologie der Uniklinik Köln, Florian Klein.

Zwar gilt das persönliche Risiko von jungen, gesunden, geboosterten Menschen für schwere Verläufe als sehr gering. Trotzdem sprechen einige Punkte dagegen, die Omikron-Welle ungebremst durch die Bevölkerung laufen zu lassen:

  • Unter Fachleuten besteht Unsicherheit bei der Einschätzung von Langzeitfolgen des Virus. Die Datenlage sei undurchsichtig, insbesondere für Omikron, so die Infektiologin Jana Schroeder von der Stiftung Mathias-Spital in Rheine. Das Risiko für Long Covid ist sehr schwer einzuschätzen und es besteht die Gefahr, dass am Ende vermehrt mit Covid-Folgeschäden zu rechnen ist.

  • Die eigene Infektion mag glimpflich verlaufen, doch in der Summe kann eine Explosion der Infektionszahlen das Gesundheitssystem und andere Bereiche der kritischen Infrastruktur massiv belasten. Corona im Griff zu haben bedeute auch, Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen adäquat betreuen zu können, sagt Schroeder. »Bei sehr hohen Fallzahlen sind viele Menschen gleichzeitig krank. Darunter natürlich auch Personen, die zur kritischen Infrastruktur gehören«, ergänzt Klein. Kliniken oder auch Betriebe der Energie- und Wasserwirtschaft können dadurch in Schwierigkeiten kommen.

  • Schützt man sich selbst vor einer Infektion, hilft das indirekt auch Menschen, die sich (bislang) nicht selbst ausreichend durch eine Impfung schützen können. Virologe Klein nennt hier zuvorderst Kinder und Menschen, deren Immunabwehr unterdrückt ist. Aber auch Ältere, die bislang noch ungeimpft sind.

Auch der Münchner Virologe Oliver Keppler warnte in einem Gespräch mit der ARD davor, die Welle durchlaufen zu lassen. »Omikron ist kein milder Erreger«, so Keppler mit Verweis auf Daten aus den USA oder Großbritannien. Gerade in den USA seien die Neuaufnahmen in den Krankenhäusern aufgrund der Omikron-Welle »hoch wie nie in der Pandemie«. Dort werden rund 2000 Patientinnen und Patienten täglich auf Intensivstationen verlegt.

Einen guten Schutz bietet aber nach wie vor die Impfung. Denn sie liefert die Art von Immunität, die das geringste Risiko für die Gesamtbevölkerung verspricht. So sieht es auch Klein. »Die Impfung ist das wichtigste Instrument. Es ist ein großes Glück, dass wir sie haben«, sagt er. Zwar könne man Infektionen derzeit nicht komplett vermeiden, so der Virologe. Aber es gelte, Zeit zu gewinnen. Je flacher die Omikron-Welle bleibt, desto besser kommt das Gesundheitssystem damit zurecht. Zudem haben dadurch mehr Menschen Zeit, sich impfen und boostern zu lassen.

Und die altbekannten Maßnahmen wirken auch gegen Omikron: Kontakte reduzieren und in Räumen FFP2-Maske tragen. So sei es sehr wahrscheinlich, dass die bisher geringere Dynamik der Omikron-Welle in Deutschland im Vergleich mit etwa Großbritannien oder Dänemark auch auf eben diese Maßnahmen hierzulande zurückzuführen sei, sagt er.

Schlimmere Virusvarianten nicht ausgeschlossen

Auf einen weiteren Faktor macht der Virologe Christian Drosten aufmerksam. Demnach sei es keineswegs sicher, dass das Virus weiterhin für überwiegend milde Verläufe sorgt. Denn es verändert sich weiterhin und möglicherweise nicht zum Guten. Bei Veränderungen von Sars-CoV-2 könne auch eine Variante entstehen, die eine Rekombination aus Omikron und Delta sei, so der Experte von der Berliner Charité im Deutschlandfunk.

Eine Variante, die das Spike-Protein des Omikron-Virus, das den Immunschutz der Bevölkerung teilweise umgehen kann, besitzt und bei dem der restliche Bauplan das Genom des Delta-Virus darstellt, könnte die stärksten Eigenschaften des Virus kombinieren. »Man muss im Moment befürchten, dass so etwas passieren könnte«, so Drosten. Denn bei der Rekombination von Viren kann sowohl eine schwächere als auch eine Variante entstehen, die verheerendere Krankheitswirkungen mit sich bringt.

Deshalb sei die Strategie einer kontrollierten Durchseuchung, nach deren Abschluss die meisten Menschen immun sind, ein riskantes Spiel. Wenn ein krankmachenderes Virus auftaucht, kann es erneut innerhalb von einigen Wochen zur vorherrschenden Variante werden.

joe/dpa