Mutiger im Internet Beim Onlinedating suchen Singles nach attraktiveren Partnern

Optische Reize oder Erfolg im Leben: Bei der Partnerwahl bevorzugen Suchende meist Menschen mit ähnlichen Attributen, heißt es oft. Doch im Internet scheint das nicht zu gelten.
Partnersuche im Internet

Partnersuche im Internet

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Alle elf Minuten verliebt sich auf einer bekannten Onlinedating-Seite ein Single, das behauptet zumindest die Werbung. Glaubt man einer aktuellen Studie, ist der potenzielle neue Partner dabei oft attraktiver als der Single selbst.

Beim Onlinedating schauen demnach die meisten nach Partnern, die offensichtlich besser aussehen oder gar erfolgreicher oder sportlicher sind als sie, schreiben Forscher im Fachblatt "Science Advances".  Das Profil eines Singles, der besonders perfekt erscheint, entmutigt die meisten Menschen also nicht.

Die Bilanz der Untersuchung: Männer und Frauen schreiben bei der Onlinepartnersuche Menschen an, die im Durchschnitt um 25 Prozent attraktiver sind als sie selbst.

Die Soziologin Elizabeth Bruch und der Physiker Mark Newman von der Universität Michigan, hatten für die Studie untersucht, welche Strategien heterosexuelle Menschen beim Onlinedating anwenden. Dafür stuften sie die Attraktivität von Tausenden Nutzern eines Onlinenetzwerks aus New York, Boston, Chicago und Seattle nach einem bestimmten Bewertungsmechanismus ein. Grundlage war die Anzahl von Nachrichten, die ein Mensch auf eine Anzeige erhielt.

Im Ergebnis erhielten die Forscher eine Attraktivitätshierarchie der Nutzer, die überwiegend Anfang 30 waren. "Anstatt uns auf Schätzungen zu verlassen, um herauszufinden, was Menschen anziehend finden, erlaubt uns dieser Ansatz, Attraktivität danach zu messen, wer die meiste Aufmerksamkeit von wem bekommt", erklärt Physiker Newman.

Zurückweisung ist beim Onlinedating weniger kränkend

Diese Vorgehensweise sei die erste ihrer Art, betonen die Autoren - eine Einschätzung, die die Psychologin Christiane Eichenberg von der Sigmund Freud Privatuniversität Wien teilt.

Für Eichenberg hängt die Wahl eines attraktiveren Partners beim Onlinedating mit den Vorteilen des Internets zusammen: "Anscheinend haben die Suchenden weniger Scheu, da die Kränkung einer potenziellen Ablehnung online weniger drastisch ist, als sie es in einer Situation von Angesicht zu Angesicht wäre."

Im schlimmsten Fall bekomme man im Internet einfach keine Antwort. Onlinedating vermittele das Gefühl, ständig neue Kontakte anbahnen zu können, so Eichenberg: "Wieso sollte man es dann nicht mit dem Besten versuchen, gerade wenn die Kosten etwa in Form des Kränkungspotenzials so gering sind?"

Da beziehungswillige Menschen im Netz der Studie zufolge viele und längere Nachrichten an Menschen "außerhalb ihrer Liga" schreiben, bleiben die Nachrichten oft unbeantwortet. Alle Nachrichten zu beantworten, wäre in Extremfällen auch kaum zu leisten gewesen: Der beliebteste Single in der Studie, eine 30 Jahre alte Frau aus New York, bekam pro Monat im Schnitt alle 30 Minuten eine Nachricht.

"Beharrlichkeit zahlt sich also aus"

"Unbeantwortete Nachrichten sind eine häufige Beschwerde der Nutzer von Onlinedating-Seiten", so Soziologin Bruch. "Doch obwohl die Rücklaufquote niedrig ist, zeigt unsere Analyse, dass 21 Prozent der Menschen, die ein derartig ehrgeiziges Verhalten an den Tag legen, eine Antwort von jemandem bekommen, der attraktiver ist. Beharrlichkeit zahlt sich also aus."

Offen bleibt allerdings, ob daraus dann tatsächlich Partnerschaften werden. Die Studie der Universität Michigan ergab nur, dass längere Nachrichten - mit Ausnahme von Nutzern in Seattle - nicht häufiger mit einer Antwort belohnt würden. Der weitere Verlauf der Paaranbahnung wurde nicht verfolgt.

Im Video: Wie funktioniert Partnersuche mit Dating-Apps?

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"Es gibt eine große Heterogenität bei der Frage, wer für wen attraktiv ist", betont Bruch. "Unsere Werte spiegeln allgemeine Attraktivitätsskalen wider auf Grundlage der Vorlieben der Nutzer." Es könne allerdings durchaus Nischen geben, in denen diese Rangfolgen nicht gelten würden und in denen Menschen, die auf einer solchen Skala nicht weit oben stünden, dennoch ein "großartiges und erfülltes Dating-Leben" hätten.

Hinzu kommt: Das in der Studie errechnete Attraktivitätslevel sei nur in der ersten Phase der Partnerwerbung bedeutend, glauben Forscher. Andere Studien hätten gezeigt, dass einzigartige Charakterzüge im weiteren Verlauf immer wichtiger würden.

Beim Onlinedating finde das Kennenlernen von innen nach außen statt - passe das erste Foto, würden Äußerlichkeiten erst mal zurückgestellt und viel kommuniziert, sagt Psychologin Eichenberg: "Doch spätestens beim ersten Treffen fallen diese Äußerlichkeiten wieder ins Gewicht und dann ist die Frage, ob die online aufgebaute Beziehung bis dahin schon so eine Intensität hat, dass die optische Attraktivität nicht mehr so wichtig ist."

Zudem seien die Vorstellungen von Partnerschaften stark kulturabhängig. So müsste etwa überprüft werden, ob die Ergebnisse von Bruch und Newman beispielsweise auf Deutschland übertragbar wären, oder auf Menschen, die auf dem Land lebten, und ob diese unter Umständen in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich ausfielen.

joe/dpa
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