Optische Täuschung Bienen leiden unter Tunnelblick

In engen Röhren haben Bienen offenbar den Eindruck, schneller zu fliegen. Ein so getäuschtes Tier kann Dutzende Artgenossen in die Irre leiten, haben Biologen herausgefunden.


Biene auf einer Blüte: Fehlinformation beim Schwänzeltanz
DPA

Biene auf einer Blüte: Fehlinformation beim Schwänzeltanz

Honigbienen, die von einem Flug zum Stock zurückkehren, berichten ihren Artgenossen mit dem so genannten Schwänzeltanz über entdeckte Futterquellen. Wie eine in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" veröffentlichte Studie zeigt, lassen sich die Erkundungsbienen jedoch leicht täuschen - und mit ihnen auch die nachfolgenden Sammler, die sich mit falschen Informationen auf die Suche nach der Nektarquelle machen.

Ein internationales Team um den Biologen Jürgen Tautz von der Universität Würzburg hatte mehrere Bienen darauf trainiert, eine Nahrungsquelle am Ende eines sechs Meter langen Tunnels anzufliegen. Seitenwände und Boden der nur acht Zentimeter breiten Passage waren von innen mit nach Zufallsprinzip gemustertem Papier verkleidet, so dass den Insekten eine Orientierung an der Landschaft unmöglich war.

Die Tänze der zurückgekehrten Bienen zeichneten die Wissenschaftler mit einer Videokamera auf. Dadurch ließ sich die exakte Dauer der Wackelbewegung bestimmen, die auf die Entfernung zur Futterquelle hindeutet. Die Analyse offenbarte, dass die Erkundungsbienen nach dem Tunnelflug eine viel zu große Weglänge mitteilten: Obwohl sie nur 11 Meter zur Futterstelle zurückgelegt hatten, signalisierten sie mit ihrem Tanz eine Flugstrecke von durchschnittlich 72 Metern.

In einer weiteren Testreihe untersuchten die Biologen, ob die anderen Bienen auf die Fehlinformation hereinfielen. Dazu errichteten die Forscher Kontrollpunkte in verschiedener Entfernung zum Stock. Nachdem die Tunnelbienen ihren Tanz vollführt hatten, steuerten ihre Artgenossen tatsächlich in großen Scharen ein 70 Meter entferntes Ziel an. Bei einem leicht veränderten Versuchsaufbau ließen sich die Insekten sogar zu Flügen von weit über hundert Meter verleiten.

Zusammen mit Kollegen hatte Tautz bereits in einer früheren Studie nachgewiesen, dass Bienen Entfernungen nicht, wie früher angenommen, an Hand ihres Energieverbrauchs bestimmen. Stattdessen beruht ihre Schätzung auf dem so genannten optischen Fluss - der scheinbaren Bewegung von Blumen und anderen Objekten im Vorbeiflug. Im engen Tunnel vermitteln die aus Sicht der Tiere schnell vorbeiziehenden Muster deshalb den Eindruck einer längeren Wegstrecke. Ein ähnlicher Effekt tritt zum Beispiel beim Blick aus einem Zugabteil auf: Nahe liegende Bäume lassen die Fahrt rasanter erscheinen als ein weit entferntes Panorama.

Martin Paetsch



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.