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23. Oktober 2005, 09:04 Uhr

Organspende

Nieren-Tausch soll Leben retten

Täglich sterben zwei Menschen in Deutschland, weil keine passende Spenderniere zur Verfügung steht. Mediziner wollen nun Paare zusammenbringen, die bereit sind, ihre Organe zu spenden. Aber der rechtliche Spielraum ist eng.

Es war ein Partnertausch der besonderen Art. Ende September trafen sich in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zwei Paare, um sich wechselseitig Nieren zu spenden. Die jeweiligen Ehepartner hatten unterschiedliche Blutgruppen oder Gewebemerkmale, so dass eine direkte Spende nicht in Frage kam. In rund 40 Prozent der Fälle besteht dieses Problem, normalerweise muss der kranke Partner jahrelang auf das Organ eines fremden Spenders warten. Über Kreuz waren die Biodaten der beiden Paare jedoch kompatibel.

Nierentransplanation: Spendertausch könnte mehr Menschen zu einem Ersatzorgan verhelfen
DPA

Nierentransplanation: Spendertausch könnte mehr Menschen zu einem Ersatzorgan verhelfen

Die beiden Spender überließen den jeweils fremden Empfängern ihre Niere. Es war das erste Mal, dass dieses Modell in Deutschland angewendet wurde, obwohl die Idee schon seit fast zwanzig Jahren diskutiert wird und Organe katastrophal knapp sind.

Der Mangel an Spendernieren kostet in Deutschland statistisch gesehen täglich zwei Menschen das Leben. Rund 10.000 Patienten warten auf eine Transplantation, aber nur etwa 2500 Nieren stehen im Jahr zur Verfügung. 500 dieser Organe stammen von lebenden Spendern - aus medizinischer Sicht die beste Lösung. Lebendnieren funktionieren sofort und etwa doppelt so lange wie die Organe von Toten, die eine gewisse Anlaufzeit benötigen.

Vor allem aus ethischen und rechtlichen Gründen hat es solange gedauert, bis das Modell zur Anwendung kam. Bereits 1999 hatte der damalige Leiter des Transplantationszentrums Freiburg, Günter Kirste, im Ausland eine Überkreuztransplantation durchgeführt. Die dann folgende Debatte und ein Gerichtsverfahren machten weitere Operationen dieser Art unmöglich, bis das Bundessozialgericht im Dezember 2004 eine Entscheidung fällte.

Die Überkreuzlebendnierenspende zwischen zwei Ehepaaren stelle "grundsätzlich keinen verbotenen Organhandel" dar, so die Richter. Die Grenze bildet die im Transplantationsgesetz geforderte "besondere persönliche Bindung". Damit schuf das Gericht einen gewissen Spielraum, den Mediziner wie Thomas Philipp, Leiter der Essener Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, nun ausschöpfen wollen.

Juristisch kommt es jetzt darauf an, dass Paare, die sich gegenseitig ihre Nieren spenden wollen, zuvor eine persönliche Nähe und Verbundenheit aufbauen. Was sich nach einer zweckgebundenen Scheinfreundschaft anhört, habe zumindest im ersten realisierten Fall "überraschend positive" Wirkung gezeigt, so Philipp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Freundschaft über die Nierendatenbank

Die beiden Paare, die im September ihre Nieren in Essen austauschten, lernten sich sechs Wochen vor der Operation kennen. Schon eineinhalb Jahre zuvor wurden sie unabhängig voneinander in die Vorbereitungen der Überkreuztransplantation einbezogen. Aber es habe lange gedauert, bis alle rechtlichen Voraussetzungen geklärt gewesen seien.

Während der Phase des Kennenlernens wurden die Paare von einem Arzt für Psychosomatik betreut. Aber sie hätten sich auch mindestens zehnmal privat getroffen, so Philipp. "Die Paare verbinden sich aufgrund ihres gemeinsamen Schicksals viel intensiver, als ich das aufgrund anderer Lebendspenden kenne." Schließlich sicherten sie ihre in die Zukunft gerichtete Verbindung notariell ab.

Auf der Basis dieses Modells arbeiten drei Transplantationszentren in Essen, Düsseldorf und Köln-Merheim unter Leitung von Philipp zusammen, um Regeln für eine gesetzeskonforme Praxis der Überkreuzspende zu entwickeln. Philipp: "Uns ist daran gelegen, dass die von uns erarbeitete Vorgehensweise für alle Beteiligten akzeptabel ist, auch für die überregionalen ärztlichen und politischen Kommissionen."

Zurzeit erstellen die Kooperationspartner eine regionale Liste für Nordrhein-Westfalen. 34 Paare haben sich schon bereit erklärt, an dem Überkreuz-Verfahren teilzunehmen. Vier passende Kombinationen sind dabei festgestellt worden. Philipp rechnet mit noch mindestens einer Operation in diesem Jahr.

Um die Kontakt-Datenbank auszuweiten, will er sämtliche Dialysezentren anschreiben und sie bitten, zu prüfen, ob Patienten Interesse an dem Programm hätten. "Das kann eine andere Dimension annehmen, als ich angenommen hatte", so Philipp. Auf absehbare Zeit soll die Liste aber auf NRW beschränkt bleiben, um sicherzustellen, dass die Paare tatsächlich eine persönliche Verbindung aufnehmen. Einem Viertel, vielleicht sogar der Hälfte der Patienten, die eine Lebendspende empfangen wollen, könnte laut Philipp so geholfen werden. Das wären in Deutschland etwa 100 Patienten pro Jahr.

In den Niederlanden wird anonym gekreuzt

In den Niederlanden wurde schon 2004 ein nationales Programm für die Überkreuzspende eingeführt. Anders als in Deutschland hat man sich dort für die anonyme Spende entschieden. Ein Spender gibt demnach eine Niere an den ersten passenden Patienten auf der Warteliste ab, im Gegenzug rückt der nierenkranke Partner des Spenders auf der Warteliste ganz nach oben. Allerdings kann er im Gegenzug auch das Organ eines bereits verstorbenen Spenders bekommen. Im ersten Jahr sind in den Niederlanden auf diese Weise sechzig Transplantationen durchgeführt worden.

Auch in den USA wird seit 2001 die anonyme Variante des Organtauschs am Johns Hopkins Hospital praktiziert. Die Überkreuz-Operationen finden dort gleichzeitig statt, um zu vermeiden, dass einer der Spender seine Einwilligung widerruft, nachdem der andere bereits gespendet hat. Insgesamt wurden so in drei Jahren 22 Patienten mit einem fremden Organ ausgestattet, einmal sogar per Dreiecks-Tausch.

Wie die nun veröffentlichte Auswertung zu diesem Thema zeigt, war das Programm medizinisch ein Erfolg. Nur in einem Fall versagte die fremde Niere, alle Patienten überlebten. "Die Kosteneinsparung und die Verringerung der Wartezeit, die bei einer breiteren Anwendung dieses Modells erzielt werden könnten, sind bedeutend", erklären Robert Montgomery und seine Kollegen im "Journal of the American Medical Association".

Der Transplantationsmediziner Günter Kirste, der schon 1999 eine Überkreuzverpflanzung vornahm, hält die Erwartungen allerdings für übertrieben. "Man muss fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich in das rechtlich schwierige und ethisch problematische Gebiet der Crossover-Transplantationen vorzuwagen", sagt Kirste im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Zahl der Patienten, denen geholfen werden könne, sei relativ niedrig. Und es gebe mittlerweile auch medizinische Alternativen. So sei es mittlerweile möglich, Transplantationen entgegen der Blutgruppenregeln durchzuführen. Aber welche Methode man letztlich anwende, sagt Kirste, "das müssen die Menschen entscheiden, nicht die Gerichte."

Thomas Mader

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