Organspende Schweigen soll als Zustimmung gelten

Die Zahl der Organspenden soll per Gesetz drastisch erhöht werden. Der Nationale Ethikrat hat vorgeschlagen, Ärzten generell die Organentnahme zu erlauben - es sei denn, es liegt eine ausdrückliche Weigerung des Verstorbenen oder seiner Angehörigen vor.


Berlin - Der Nationale Ethikrat hat eine grundlegende gesetzliche Neuregelung der Organspende vorgeschlagen: Mediziner sollen Verstorbenen im Zweifelsfall immer Organe entnehmen dürfen, um Schwerstkranken mit einer Transplantation das Leben zu retten. Der Spender oder seine Angehörigen müssen dies nach dem Vorschlag des Gremiums ausdrücklich ablehnen. Ansonsten gelte das Schweigen als Zustimmung, sagte Ratsmitglied Jochen Taupitz.

Die Bürger sollen den Plänen zufolge nach einer Aufklärungskampagne systematisch aufgefordert werden, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden, sagte Kristiane Weber-Hassemer, die Vorsitzende des Ethikrates. Diese Entscheidung könne jederzeit zurückgenommen und auf der Krankenkassenkarte oder dem Führerschein gespeichert werden. Äußert sich jemand nicht, sollen seine Organe im Todesfall entnommen werden können, sofern die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen.

Fehlender Widerspruch gilt als Zustimmung

Derzeit sterben in Deutschland jedes Jahr etwa 1000 Menschen, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt. Bislang wird die ausdrückliche Zustimmung des Verstorbenen, beispielsweise in Form eines Organspendeausweises, benötigt. Liegt sie nicht vor, treffen die Angehörigen die Entscheidung. Sie sollen sich am mutmaßlichen Willen des Toten orientieren.

Der Ethikrat, ein Beratergremium der Bundesregierung, schlägt nun eine Kombination aus Erklärungs- und Widerspruchsmodell vor. "Für die Fälle, wo jemand keine klare Antwort gibt, soll die Widerspruchsregelung gelten", forderte Taupitz. Das würde bedeuten, dass die Mediziner prinzipiell von einer Einwilligung ausgehen und nach der Feststellung des Hirntods Organe entnehmen können.

Die Hoffnung, das Transplantationsgesetz von 1997 würde zu mehr Spenden führen, habe sich nicht erfüllt, erklärte Weber-Hassemer. Noch immer seien weniger als 20 Prozent des Bedarfs an Spenderorganen gedeckt. So wurden 2005 beispielsweise rund 2100 Nieren verpflanzt, während gleichzeitig mehr als 2700 Patienten neu auf die Warteliste kamen, wie Ratsmitglied Wolfgang van den Daele erklärte. Insgesamt umfasste diese Warteliste rund 8800 Menschen.

"Skandal" in Kliniken

Ein weiteres Problem sieht der Ethikrat in den Kliniken: Bei weitem nicht alle würden sämtliche möglichen Organspender angeben. Taupitz nannte es einen Skandal, dass nur 45 Prozent der Kliniken mit Intensivmedizin potentielle Spender meldeten, selbst wenn diese einen Spenderausweis besäßen. Sie scheuten den Aufwand oder fürchteten, ihre Kosten nicht ausreichend erstattet zu bekommen.

Verfassungsrechtliche Bedenken hat der Ethikrat bei seinem Modell nicht. "Wir halten die Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts in diesem Fall für vertretbar", sagte Taupitz. Schließlich stünde ihr die Rettung von Menschenleben gegenüber.

mbe/dpa/AP



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