Christian Stöcker

Österliche Nächstenliebe Fröhliches Foltern!

Die Ostergeschichte ist eine Horrorgeschichte, und sie lässt Gott in einem sehr seltsamen Licht erscheinen. Die Kernbotschaft des Folteropfers Jesus dagegen ist toll - schade, dass Horst Seehofer sie offenbar vergessen hat.

Hach, Ostern. Schokolade, Eierfärben, Peitschenhiebe, Lammbraten, fröhliche Kinder, Dornenkrone, lustige Häschen, Nägel durch die Handflächen, Eichkätzchen, Andacht, langsames Ersticken. Auferstehung, ewiges Leben. Das höchste kirchliche Fest hat alles, aber wirklich alles zu bieten, was das Christentum seit Jahrtausenden so populär macht.

Andererseits bietet es auch alles, wirklich alles, was einen angesichts dieser Religion ratlos zurücklässt.

Wenn man, so wie ich, in einem typisch westdeutschen Gewohnheitschristenumfeld aufgewachsen ist, mit Religionsunterricht in der Schule und Konfirmation, mit Schulgottesdienst und Bibelbildermalen im Kindergarten, dann fällt einem das als Erwachsener kaum noch auf. Aber es lohnt sich schon, sich das Ganze noch mal bewusst zu machen: Die Ostergeschichte handelt davon, dass Gott angeblich einen Sohn in Menschengestalt erzeugt hat, um den dann nach etwa 30 Lebensjahren publikumswirksam, langsam und entsetzlich qualvoll zu Tode foltern zu lassen. Um die Menschen "von ihren Sünden zu erlösen".

Die einzige Weltreligion mit einem Hinrichtungswerkzeug im Logo

Gott bastelt sich gewissermaßen selbst ein Opfertier - denn natürlich bezieht sich die ganze "Lamm Gottes"-Geschichte primär auf die Opferriten, die zuvor jahrtausendelang die absoluten Bestseller der organisierten Religion waren. Genauer: Gott bastelt sich einen Opfermenschen, lässt ihn eine neue - wirklich innovative! - religiöse Ideologie predigen und opfert ihn dann sich selbst. Uns allen zuliebe. Auf brutalstmögliche Weise. Das Christentum, auch das verliert man leicht aus dem Blick, ist die einzige Weltreligion mit einem grausigen Hinrichtungswerkzeug als zentralem Symbol.

Die Auferstehung wirkt da fast ein bisschen wie eine etwas arg spät kommende Entschuldigung. Und sie ist gleichzeitig das Merkmal der Geschichte, das sie für viele wissenschaftlich denkende Menschen, mich eingeschlossen, ad absurdum führt. Nächstenliebe predigen, ok, dafür in einem von wenig Liebe geprägten Umfeld schließlich mit dem Leben bezahlen, auch ok, beides historisch plausibel. Aber anschließend dann einmaliges Außerkraftsetzen aller Naturgesetze, zwar einerseits aus Show-Gründen, aber anderseits ohne Publikum? Überzeugt mich nicht.

Erstmal ein Seminar für Mitarbeiterführung für den HERRN

Ich persönlich finde heute, dass ein Gott, der das wirklich durchzieht, ein ganz schön widerlicher Sadist sein müsste. Oder zumindest jemand mit enormen psychischen Problemen. Dreifaltigkeit, Sie wissen schon. Ich persönlich würde einem Gott, der so etwas macht, um den Menschen zu zeigen, dass man doch auch mal nett zueinander sein könnte, erstmal in ein Seminar für Mitarbeiterführung schicken. Und ihm ganz bestimmt nicht meine Kinder anvertrauen, auch nicht, um nachmittags nur mal kurz auf sie aufzupassen. Wer weiß, auf was für Ideen er dabei kommt.

Bei Jesus ist das natürlich etwas anderes. Aber wenn man sich die Ostergeschichte mal ansieht, hat man nicht das Gefühl, dass er in dieser Vater-Sohn-Beziehung wirklich der Boss ist, oder?

Trotzdem, und das wird Sie an dieser Stelle vielleicht überraschen: Die eigentliche Kernidee des Christentums halte ich für großartig. Schlicht, auf den Punkt, die leider nur theoretische Lösung für fast alle menschengemachten Probleme: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Foltere ihn nicht zu Tode, zum Beispiel.

Worauf man als Christ stolz sein könnte - worauf aber nicht

Ich glaube auch, trotz aller entsetzlichen Verbrechen der organisierten Religion, dass die Idee der Nächstenliebe wirklich dazu beigetragen hat, dass die Welt heute besser ist als vor 2000 Jahren. Dass Solidarsysteme, Wohlfahrtsorganisationen, Entwicklungshilfe und so weiter davon profitiert haben, dass diese radikale, wenn auch leider mit dem aktuellen Personal noch nicht so hundertprozentig umsetzbare Gesellschaftsidee schon so lange existiert. Sie ist das Gute am Christentum. Neben christlich inspirierter und finanzierter Architektur, Kunst und Musik das einzige, auf das man als Christ aus meiner Sicht heute noch stolz sein kann. Unglücklicherweise sehen das nicht alle so, im Gegenteil.

Es gibt unter jenen, die gerne die ganz weit rechte Wählerbasis der AfD ansprechen möchten, gerade diesen sehr unglücklichen Trend: Das Christentum zum zentralen Identitätsmerkmal westlicher Gesellschaften zu erklären nämlich, zu einem Faktor, der angeblich Überlegenheit bedingen soll. Der tief in die Abgründe seines eigenen Egos gestürzte ehemalige SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek hat neulich bei irgendeiner rechten Versammlung sogar mal so getan, als seien vor allem Europas Christen große Erfinder, Muslime dagegen Hinterwäldler und Idioten. Obwohl ich den Verdacht habe, dass sogar Matussek zumindest ahnt, wo das Wort "Algebra" herkommt, oder unsere Zahlen. Oder wer die Grundsteine der modernen Medizin gelegt hat. Tipp: Christen hatten damit eher nichts zu tun.

Oder dass es Wissenschaft und Aufklärung hier drüben in Westeuropa weniger wegen, sondern trotz des organisierten Christentums gibt. Stichwort Galileo Galilei, Stichwort Sektionsverbot - Kirchenvater Augustinus zum Beispiel fand es "inhuman, in humanem Fleisch zu wühlen" - und so weiter.

Das Neue Testament: Ein Anti-Ausgrenzungs-Pamphlet

Die ganze These, das Christentum und damit auch die Christen seien besser als, sagen wir mal, all die Muslime, vor denen sich Matussek und andere so fürchten, widerspricht dem guten Grundgedanken dieses Christentums. Schließlich ist das Neue Testament nicht zuletzt ein Anti-Ausgrenzungs-Pamphlet, man denke nur an Zachäus den Zöllner, Maria Magdalena und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Was meinen Sie: Gäbe es heute einen Jesus, auf wessen Seite würde er bei der aktuellen Popanzdiskussion um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, stehen: auf der von Horst Seehofer und seinen treuen Nachplapperern, oder doch auf der Seite all jener, die die Abwertung ganzer Bevölkerungsgruppen eher nicht so gut finden? Wenn Sie da Schwierigkeiten haben, lesen Sie die Samaritergeschichte noch mal.

Ostern erinnert an die Wurzeln des Christentums in all ihrer grotesken Schaurigkeit, aber auch an seine uneingeschränkt gute Kernbotschaft. Es ist sehr schade, dass ausgerechnet die öffentlich auftretenden Vertreter der Partei, die sich christlich-soziale Union nennt, diese Kernbotschaft augenscheinlich vergessen haben.