Ostseewracks neu datiert Berühmte Schiffe sind offenbar jünger als vermutet

Bisher galt die sogenannte Poeler Kogge als Prachtstück aus der Hansezeit. Doch eine Neudatierung macht das Ostseewrack nun schlagartig jünger. Es stammt anscheinend nicht aus dem 14. Jahrhundert, sondern ist nur gut 200 Jahre alt. Bei einem zweiten Wrack stehen die Dinge wohl ähnlich.

Stapellauf einer nachgebauten Hansekogge: Auf Basis mehrerer Schiffswracks konstruiert
dapd

Stapellauf einer nachgebauten Hansekogge: Auf Basis mehrerer Schiffswracks konstruiert


Schwerin - Eine Neudatierung hat es ans Licht gebracht: Zwei bekannte Schiffswracks, die Archäologen vor Jahren in der Ostsee entdeckt haben, sind offenbar längst nicht so alt wie bisher vermutet. Eine vor der Insel Poel bei Wismar gefundene Kogge sei mindestens 400 Jahre jünger als angenommen, berichtet der Archäologe Mike Belasus. Sie stamme aus dem Jahr 1773 - und nicht aus dem 14. Jahrhundert. Und genau so alt ist offenbar auch das im Jahr 1997 aus dem Meer vor Hiddensee geborgene Gellen-Wrack. Es war bisher auf ein Alter von 650 Jahren geschätzt worden.

Belasus hatte die Schiffswracks für seine Doktorarbeit untersucht, die er am Deutschen Archäologischen Institut und dem Landesdenkmalamt Mecklenburg-Vorpommern schreibt. Ein neues Verfahren bei der Altersbestimmung von Holz hat seinen Angaben zufolge die Neudatierung ermöglicht. Außerdem sprächen beim Gellen-Wrack gefundene Zinnlöffel dafür, dass auch dieses Schiff etwa um 1800 herum gebaut wurde.

Für seine Arbeiten zu Wracks im Nordosten Deutschlands holte sich Belasus unter anderem Rat bei einer dänischen Holzexpertin. Sie fanden zudem heraus, dass sowohl die Poeler Kogge als auch das Gellen-Schiff in Finnland gebaut wurden.

Nachdem Teile der Poeler Kogge 1999 ausgegraben wurden, gingen Archäologen zunächst von einem Bau um das Jahr 1354 aus. Der Fund der angeblich aus der Hansezeit stammenden Kogge wurde in Wismar gefeiert. Ein Förderverein baute mit der "Wissemara" eine Kogge nach. Sie hatte vor fünf Jahren ihre Jungfernfahrt und holt unter anderem regelmäßig Wein aus Lübeck ab, um an den historischen Handel zwischen Wismar und Lübeck zu erinnern.

Der Büroleiter des Fördervereins, Joachim Müller, sagte, er sei von den Ergebnissen überrascht. Nach dem Ausbuddeln des Wracks seien sich Wissenschaftler ganz sicher gewesen, eine Hansekogge aus dem 14. Jahrhundert gefunden zu haben. "Mit Fug und Recht" könne der Verein aber weiter behaupten, mit der "Wissemara" eine hanseatische Kogge erschaffen zu haben. Sie sei auch auf Basis von anderen Schiffswracks konstruiert worden, die ganz sicher aus dem Mittelalter stammen, sagte Müller.

Belasus sagt, an der Geschichtsschreibung zur Hansezeit änderten die Ergebnisse zunächst nichts. Es seien bereits andere Holzschiffe gefunden worden, die sicher aus jener Ära stammten. Hanseschiffe hätten demnach so ausgesehen, wie man sie sich heute vorstelle und nachbaue.

wbr/dapd

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.