Paläo-Eskimo Forscher lüften Geheimnis der Ur-Grönländer

Aus ein paar Haaren und Knochensplittern haben Forscher das Erbgut eines 4000 Jahre alten Arktisbewohners weitgehend entziffert. "Inuk" aus dem Eis hatte braune Augen, ein kleines Bäuchlein - und überraschenderweise Vorfahren im fernen Sibirien.


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Genanalyse: "Inuk" aus dem Eis
London - Viel wusste die Welt bisher nicht über die geheimnisvollen Saqqaq. Ein paar kulturelle Artefakte fanden sich von diesen längst ausgestorbenen Paläo-Eskimos in Grönland, mehr nicht. Aus den Fundstücken ließ sich nur ablesen, dass sich die Kultur von 2400 vor Christus an entwickelte - und dass sich ab dem Jahr 800 ihre Spur verlor.

Ein paar Haare und Knochensplitter eines Saqqaq-Mannes haben aber im westgrönländischen Qeqertasussuk die Jahrtausende im Permafrost überstanden, 1986 wurden sie gefunden. Jetzt hat ein Forscherteam um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen sie untersucht. "Inuk" nannten die Wissenschaftler den Mann, nach dem grönländischen Wort für "Mensch".

Die Analyse seiner Überreste wirft die bisherigen Theorien über die Besiedlung über die Eisinsel über den Haufen. Wie die Forscher im Fachmagazin "Nature" berichteten, stammen die Haare von einem Mann, der ein unmittelbarer Nachfahre von Menschen aus Sibirien war. Damit sei die These nicht mehr haltbar, dass Grönland als erstes von Eskimo-Volksgruppen oder nordamerikanischen Ureinwohnern besiedelt worden sei.

Fast 80 Prozent des Genoms des Frühmenschen haben die Forscher entziffert. Dabei sind sie auch auf DNA-Veränderungen gestoßen, die typisch für bestimmte Körpermerkmale sind: "Wir können sehen, dass der Mann höchst wahrscheinlich braune Augen und braune Haut hatte", sagt Willerslev. "Und wir können erkennen, dass er genetisch an das Leben in kalten Temperaturen angepasst war." Die Wissenschaftler haben noch weitere Informationen parat: Der Mann hatte offenbar Blutgruppe A+, "schaufelartige Vorzähne" und war etwas korpulent. Seine Eltern dürften, etwa als Cousin und Cousine, miteinander verwandt gewesen sein, sagen die Forscher.

Wie überbrückt man 2000 Kilometer in der Arktis?

Die eigentliche Überraschung kam aber, als die Forscher das Genom mit dem von heute lebenden Menschen verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann am stärksten mit Menschen aus Ostsibirien aus den Gruppen der Tschuktschen, Korjaken und Nganasanen verwandt ist.

Anthropologen vermuten schon lange, dass die ersten Siedler in Nordamerika aus Russland kamen, indem sie die Beringstraße überquerten. Sie wanderten dann nach Süden, und ihre Nachfahren erreichten rund tausend Jahre später die südliche Spitze Südamerikas. Bisher war die Meinung verbreitet, dass Grönland von Menschen besiedelt wurde, die schon lange in Nordamerika oder der Arktis lebten.

Die Entdeckung weise aber darauf hin, dass es vor 5500 Jahren "eine unabhängige Wanderungsbewegung" Richtung Grönland gegeben habe, sagt Willerslev. Warum es die Einwanderer ausgerechnet in diese kalte Gegend gezogen habe, sei aber unklar. Es könne sein, dass angenehmere Landstriche bereits von Rivalen besetzt gewesen seien oder dass diesen Menschen das arktische Klima einfach gelegen habe. "Darauf gibt es keine klare Antwort", sagte der Forscher. Auch wie Inuks Vorfahren die Distanz von mehr als 2000 Kilometer in der Arktis überbrückt haben, wissen die Forscher nicht.

Genom-Analysen von Jahrtausend alten Menschen bereiten häufig Probleme, schreiben die Wissenschaftler: Sind die DNA-Stränge nach dem Tod beschädigt worden, liefert die Sequenzierung falsche Ergebnisse. Außerdem bestehe die Gefahr, dass bei der Untersuchung oder auch schon beim Fund menschlicher Überreste die altertümliche DNA mit moderner vermischt werde.

Im Fall von Inuk sind die Genproben jedoch sehr gut erhalten: Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass weniger als ein Prozent der analysierten Gene fehlerhaft ist.

chs/AFP/dpa/ddp



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