Paläoanthropologie Sind Neandertaler doch nicht unsere nächsten Verwandten?

Der Neandertaler gilt als der nächste ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen. Doch Forscher stellen das nun infrage, sie verweisen auf den Schädel des sogenannten Drachenmenschen aus China.
Künstlerische Darstellung eines Neandertalers

Künstlerische Darstellung eines Neandertalers

Foto: Chuang Zhao

Die Erfolgsgeschichte des Menschen geht in etwa so: Irgendwann wanderte Homo sapiens von Afrika über den Nahen Osten nach Europa. Dort traf er auf Artgenossen, die Neandertaler, in Eurasien lebte der sogenannte Denisova-Mensch. Man lebte eine Zeit lang teils nebeneinander, teils miteinander. Doch am Ende war es Homo sapiens, der sich durchsetzte. Vor rund 40.000 Jahren, in der Altsteinzeit, starb der Neandertaler aus bislang ungeklärten Gründen aus. Er gilt deshalb bis heute als der nächste Verwandte des Menschen.

Gleich drei Studien aus China werfen nun ein anderes Licht auf diese Geschichte. Ein Schädel, der dort gefunden wurde, könnte zu einer menschlichen Abstammungslinie  gehören, die näher mit dem heutigen Menschen verwandt ist als der Neandertaler, schreiben die Forscher um Xijun Ni und Qiang Ji von der Hebei Geo University in Shijiazhuang in der Fachzeitschrift »The Innovation«. Sie gehen sogar so weit, von einer neuen Menschenart  zu sprechen. Doch daran gibt es Zweifel.

Dieses Bild zeigt Vergleiche zwischen Peking-Mensch-, Maba-, Jinniushan-, Dali- und Harbin-Schädeln

Dieses Bild zeigt Vergleiche zwischen Peking-Mensch-, Maba-, Jinniushan-, Dali- und Harbin-Schädeln

Foto: Kai Geng

Der Schädel wurde schon im Jahr 1933 bei Arbeiten an einer Brücke in der nordchinesischen Stadt Harbin gefunden, aber erst vor wenigen Jahren von Nachkommen des Finders an die Wissenschaftler übergeben. »Das Harbin-Fossil ist eines der vollständigsten menschlichen Schädelfossilien der Welt«, wird Ji in einer Mitteilung der Fachzeitschrift zitiert. Der Schädel habe viele anatomische Details bewahrt, die für das Verständnis der Evolution der Gattung Homo und des Ursprungs des Homo sapiens entscheidend seien.

Die Forscher entdeckten an dem Schädel sowohl archaische als auch moderne Merkmale: So sei das Schädelvolumen mit 1420 Millilitern ähnlich groß wie beim heutigen Menschen, auch das kurze und flache Gesicht mit kleinen Wangenknochen entspreche eher Homo sapiens. Andererseits erinnerten den Forschern zufolge die langgezogene und flache Schädeldecke, die kräftigen Überaugenwülste, die tiefen Augenhöhlen und die großen Backenzähne eher an ältere Menschenarten. »Insgesamt liefert uns der Harbin-Schädel mehr Beweise, um die Homo-Diversität und die evolutionären Beziehungen zwischen diesen verschiedenen Homo-Arten und -Populationen zu verstehen«, sagt Ni.

Die Wissenschaftler untersuchten winzige Anhaftungen von Erde am Schädel  sowie den Boden am angegebenen Fundort. Sie fanden eine gute Übereinstimmung und ermittelten durch geochemikalische Untersuchungen ein Alter zwischen 138.000 und 309.000 Jahren für die entsprechende Erdschicht. Eine Uran-Thorium-Datierung ergab ein Alter von mindestens 146.000 Jahren.

Der Harbin-Mensch könnte dementsprechend ein Zeitgenosse von anderen archaischen Menschen im heutigen China gewesen sein, deren Knochen in Xiahe (Alter: mindestens 160.000 Jahre), Jinniushan (mindestens 200.000 Jahre), Dali (240.000 bis 327.000 Jahre) und Hualongdong (265.000 bis 345.000 Jahre) gefunden wurden.

Aus phylogenetischen Analysen leiten Ni, Ji und Kollegen ab, dass die genannten Fossilien zu einer Menschengruppe gehören, die etwas näher mit dem Homo sapiens verwandt ist als der Neandertaler. Da sich China über mehrere Klimazonen erstreckt, müssten diese Menschen über eine große Anpassungsfähigkeit verfügt haben, schreiben die Forscher. »Unsere Analysen legen auch eine mögliche Verbindung zwischen dem Harbin-Schädel und dem Xiahe-Unterkiefer nahe, einem Fossil, das der Denisova-Abstammungslinie zugeschrieben wird«, heißt es in einer der drei Studien. Ein Teil der Forschergruppe verkündete aber, der Harbin-Schädel gehöre zu einer neuen Menschenart. Sie nennen ihn Drachenmensch, »Homo longi«, benannt nach dem geografischen Namen Long Jiang für die Provinz des Fundorts.

Zweifel von Kollegen ist groß

Diese Einschätzung werde für Diskussionen sorgen, sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Klassifizierung stößt bei ihm auf wenig Verständnis: »Sie steht im Widerspruch zu allem, was wir in den letzten zehn Jahren in der Anthropologie gelernt haben.« Zwar gebe es noch keinen Zugang zu allen Untersuchungsergebnissen, aber anhand der veröffentlichten Studien gehe er davon aus, dass es sich beim Harbin-Menschen, wie bei vielen anderen Hominenfunden aus China, um einen Denisova-Menschen handelt.

Von Denisova-Menschen wurden Überreste im mittelasiatischen Altaigebirge und in Tibet gefunden, Spuren von Denisova-Erbgut wurden in verschiedenen Völkern in Ostasien und Australien nachgewiesen. Der Denisova-Mensch wird als Schwestergruppe der Neandertaler bezeichnet, auf eine Einordnung als eigene Menschenart haben die Entdecker seinerzeit verzichtet.

Erst am Donnerstag hatten Forscher über einen Fossilienfund aus Israel berichtet, bei dem es sich um einen neuen, bisher unbekannten Urmenschen handeln soll. Der Nesher Ramla Homo hat wohl bis vor rund 130.000 Jahren in der Region des östlichen Mittelmeers gelebt und weist große Ähnlichkeiten mit dem Neandertaler auf. Sollte es sich bei den Schädelresten, die in der Nähe von Jerusalem gefunden wurden, tatsächlich um eine neue Art handeln, würde das die These infrage stellen, nach der die Neandertaler aus Europa stammen.

Doch auch hieran gibt es Zweifel – wie so oft bei der Einordnung von Homininentypen in Stammbäume. Der renommierte Forscher Chris Stringer vom Londoner Naturkundemuseum, der auch an zwei der aktuellen Studien aus China beteiligt war, bezeichnete die Funde der israelischen Wissenschaftler als bedeutsam, stellte aber die vermutete Rolle als Bindeglied zwischen Neandertaler und Homo sapiens infrage. »Ich denke, das ist momentan ein Sprung zu weit, einige der älteren israelischen Fossilien mit den Neandertalern in Verbindung zu bringen«, sagte Stringer der BBC.

joe/dpa/AFP
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