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Suchen im Sand

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Christoph Seidler/ DER SPIEGEL

Paläontologe in Ägypten Vom Glück, einen Saurier zu finden

In Ägypten werden Fossilien von Weltrang ausgegraben, aber Ägypter waren bei der Suche lange ausgeschlossen. Der Paläontologe Hesahm Sallam ließ sich nicht beirren - und machte in seinem Land Karriere.
Aus der Westlichen Wüste berichtet Christoph Seidler

Bis zum Horizont sieht man nur Staub und Steine. Wenn man in der Westlichen Wüste Ägyptens steht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass hier einst ein Hotspot des Lebens lag. Doch oberhalb des rund 80 Kilometer südwestlich von Kairo gelegenen Qarun-Sees, in einer geologischen Formation namens Jebel Qatrani, kann man Hinweise auf diese Zeit bekommen. Denn dort liegen die Reste von zahllosen versteinerten Bäumen im Sand, die längsten um die 40 Meter lang. Die fossilen Riesen sind rund 30 Millionen Jahre alt und stammen aus einer Zeit, als hier ein feuchtwarmer Regenwald stand. Riesige, an Nashörner erinnernde Tiere beherrschten damals die Gegend, ebenso Vorfahren von Elefanten. In den Kronen der Baumriesen lärmten Vögel und Affen. In den Wasserstellen zu ihren Füßen schwammen Schildkröten und warteten Urzeit-Krokodile geduldig auf Beute.

"Wir haben hier mehr als tausend Stämme", sagt Hesham Sallam. Der Paläontologe von der Universität Mansoura im Nildelta gilt als einer der wichtigsten Vertreter seines Fachs im Nahen Osten. Ein paar Millionen Jahre vor der Zeit des Regenwaldes, die Gegend lag damals noch teils unter dem Wasser des Tethysmeeres, lebten in der heutigen Wüste sogar Wale. Von all den Arsinoitherium genannten nashornartigen Regenwaldriesen, den Elefantenvorfahren namens Moeritherium, den Affen, Krokodilen und Walen künden fossile Knochen, die über Millionen von Jahren zunächst unter dicken Sedimentpaketen verborgen und später durch die Kraft von Wind und Wetter wieder freigelegt wurden.

Sallam und Kollegen präsentieren in einem riesigen Open-Air-Museum in der Wüste ein paar der schönsten Fossilien der Region. Manche der Stücke liegen in Vitrinen, viele aber auch einfach auf dem Boden. Um sie sich anzusehen, müssen Gäste mit einem geländegängigen Allrad-Fahrzeug über ruckelige Pisten durch die Felsen der Jebel Qatrani Formation anreisen. Und das tun aktuell nicht viele Menschen. Schließlich ist die Tour in die Wüste beschwerlich, und Touristen in Ägypten interessieren sich ohnehin mehr für Altertümer der Pharaonen als für Naturschätze des Wüstenbodens - außerdem ist das Museum auch rund zwei Jahre nach seiner Fertigstellung noch immer nicht offiziell eingeweiht.

Alles begann mit einer Enttäuschung

Sallam und drei Nachwuchsforscher sind heute mit einem weißen Pick-up gekommen, auf dessen Seite der Umriss eines riesigen Dinosauriers zu sehen ist. Ein stilisierter Vorzeitriese ist auch auf dem T-Shirt des Forschers abgedruckt, zusammen mit der Aufschrift "Papa Saurus". Nur ein paar Kilometer von hier nach Nordwesten gräbt das Team gerade nach neuen Fossilien. Wo genau, möchte Sallam aber lieber nicht sagen. Es drohen Beschädigungen oder Diebstähle der wertvollen Fundstücke.

Überreste eines Krokodils im Freilichtmuseum: Einst wuchs hier üppiger Regenwald

Überreste eines Krokodils im Freilichtmuseum: Einst wuchs hier üppiger Regenwald

Foto: Gregor Seyfert

Die Erlaubnis für Sallams Grabungen in dieser Region hat eine lange Vorgeschichte. Sie begann vor gut 15 Jahren mit einer großen Enttäuschung.

Wie sehr er sich damals gedemütigt fühlte, merkt man Sallam heute noch an. Damals hatte der Wissenschaftler die Zuständigen von der ägyptischen Behörde für Bodenschätze gefragt, ob er zusammen mit einem amerikanischen Team auf die Suche nach Fossilien gehen dürfe. Immerhin war es der Boden seines Heimatlandes, in dem da gegraben wurde.

Seit 1961 arbeiteten Forscher der Duke University in der Jebel Qatrani Formation. Nun, kurz nach der Jahrtausendwende, wollte Sallam mit dabei sein und lernen. Doch die Reaktion seines Gesprächspartners bei der Behörde war eindeutig: "Der Typ stand von seinem Stuhl auf, öffnete die Tür und forderte mich auf, zu verschwinden."

Über Großbritannien in die Heimat zurück

Woran das gelegen habe? Er wisse es nicht, sagt Sallam. Seit mehr als hundert Jahren werden in Ägypten Fossilien von Weltrang ausgegraben, aber normalerweise eben von Amerikanern, Briten, Franzosen oder Deutschen - und nicht von Ägyptern.

Dies wäre das Ende der Geschichte, wenn Sallam an dieser Stelle seinen Plan aufgegeben hätte, die fossilen Schätze seines Heimatlandes zu erforschen. Doch der Geowissenschaftler ließ sich nicht beirren, bemühte sich um ein Auslandsstipendium, wurde an der renommierten Oxford University als Doktorand angenommen. Dann kehrte er als britischer Nachwuchsforscher nach Fayoum zurück. Nun durfte auch er graben.

"Ich hatte am Anfang so viele Schwierigkeiten, jetzt lebe ich meinen Traum."

Hesham Sallam

Nach dem Abschluss seiner Promotion, nach US-Gastaufenthalten an der Stony Brook und der Ohio University, am Denver Museum of Nature and Science und der Duke University ist Sallam seit einigen Jahren dauerhaft in seine Heimat zurückgekehrt. "Ich hatte am Anfang so viele Schwierigkeiten, jetzt lebe ich meinen Traum."

Sallams Geschichte ist damit auch eine Geschichte der Selbstermächtigung: Nicht mehr nur Ausländer wie früher suchen und beschreiben Ägyptens Fossilien. Auch Einheimische stehen nun in den Autorenlisten der Artikel, die in den internationalen Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht werden. Neben Sallam ist das Sanaa El-Sayed, eine der von ihm ausgebildeten Nachwuchswissenschaftlerinnen. Sie gilt als erste Paläontologin des Nahen Ostens, die als Erstautorin einen Fachartikel in einem internationalen Fachjournal veröffentlicht hat .

El-Sayed war auch dabei, als der Professor und ein Team junger Masterstudenten und Doktoranden im Jahr 2013 einen Fund machten, nach zahlreichen mehr oder weniger erfolglosen Grabungskampagnen, der ihr Leben verändern sollte: Auf dem Weg zu einem Vortrag an einer lokalen Hochschule fiel ihnen an einer Wüstenstraße bei der Oase Dachla eine vielversprechend aussehende Steinformation auf. Bei einer genauen Suche am nächsten Tag fanden sie zahlreiche Knochen. Sie gehörten, wie sich später herausstellte, zu einer bis dahin unbekannten Dinosaurierart, die inzwischen als Mansourasaurus shahinae bekannt ist.

Mansourasaurus shahinae (künstlerische Darstellung): Der Pflanzenfresser lebte vor 70 bis 80 Millionen Jahren.

Mansourasaurus shahinae (künstlerische Darstellung): Der Pflanzenfresser lebte vor 70 bis 80 Millionen Jahren.

Foto: Andrew McAfee/ Carnegie Museum of Natural History

Im Jahr 2018 hat das Team seine Erkenntnisse veröffentlicht . "Niemand hat geglaubt, dass wir hier große Wissenschaft machen können - bis wir in 'Nature' publiziert haben", sagt Sallam. Seinen Namen verdankt Mansourasaurus shahinae zum einem der Heimatuniversität des Forschers in Mansoura zum anderen Mona Shahin, einer Unterstützerin seiner Arbeit.

Mansourasaurus war ein riesiger Pflanzenfresser, der vor 70 bis 80 Millionen Jahren lebte. Die langhalsigen Tiere wurden rund zehn Meter lang und fünf Tonnen schwer. Für die Paläontologie sind sie gleich aus mehreren Gründen interessant: Es handelt sich um einen von knapp einem Dutzend entsprechender Funde, die aus Afrika bekannt sind. Zudem belegen die Skelettreste, dass sich die Dinosaurier dort sehr ähnlich zu denen im heutigen Europa entwickelt haben. Das ist ein Hinweis darauf, dass es im späten Mesozoikum wohl eine Landbrücke zwischen den Kontinenten gab.

"Eine Ein-Mann-Show würde verschwinden"

In Dachla und in der Jebel Qatrani Formation sowie im nahe gelegenen Tal der Wale, dem Wadi al-Hitan, haben Sallam und sein Team bereits weitere Fossilien mehrerer, bisher unbekannter Arten ausgegraben, die sie gerade wissenschaftlich beschreiben. "Das wird richtig cool", verspricht Sallam. Mehr darf er wegen der Veröffentlichungspolitik der Fachjournale noch nicht verraten.

Besonders ist, dass der Forscher gezielt auch weibliche Nachwuchskräfte mit zu den Grabungen in die Wüste nimmt. Nicht jeder im traditionsbewussten Mansoura sieht das gern. Das Nildelta gilt als eine der besonders konservativen Regionen Ägyptens. Selbstbewusste, unabhängige, gut ausgebildete Frauen haben es nicht leicht.

Paläontologin Al-Ashqar (links): "Ich glaube an mich"

Paläontologin Al-Ashqar (links): "Ich glaube an mich"

Foto: Gregor Seyfert

Shorouq Al-Ashqar kennt die Vorbehalte. Sie ist mit ihrem Mentor Sallam ins Freilichtmuseum gekommen. "Du gehst allein in die Wüste? Was soll das?", habe ihre Familie gefragt. Doch sie habe an dem Plan festgehalten, weil ihr die Paläontologie so am Herzen liege. Man müsse eben viel erklären, viel daheim anrufen, viel auf Facebook posten. Damit jeder sehen könne, was sie fern der Heimat so mache.

Al-Ashqars Spezialität ist die Erforschung zweier bisher unbekannter Nagetierarten. Auf Konferenzen hat sie bereits darüber gesprochen, nun schreibt sie an einem Fachartikel. "Ich glaube an mich", sagt die Forscherin. Und auch ihre Geschichte ist die einer Selbstermächtigung. Inzwischen begleiten sie ihre beiden Töchter, sechs und neun Jahre alt, manchmal auf Grabungen. Über die Forschungen berichtet Al-Ashqar in einem regelmäßigen Podcast. "Wir sind Teil von Doktor Sallams Traum geworden", sagt sie.

Sallam freut das sichtlich. "Eine Ein-Mann-Show würde verschwinden", sagt er. "Aber das hier ist meine Zukunft." Denn es gibt noch so viel zu tun. Man wird daran erinnert, als der Paläontologe beim Weg durch das Freilichtmuseum auf einmal unvermittelt in die Knie geht. Er wischt etwas Sand von einem kleinen, hellen Ding, das da im Boden verborgen lag. Wahrscheinlich sei das ein Teil einer fossilen Schildkröte, sagt der Paläontologe. Vor zwei Wochen habe es in der Region schwere Regenfälle gegeben, dabei sei er wohl freigelegt worden. Denn, so Sallam: "Hier ist alles voller Knochen."

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines deutsch-ägyptischen Journalistenaustausches zwischen dem SPIEGEL und der Tageszeitung "Al Ahram". Dieser findet im Rahmen des Programms "Scientific Storytelling" statt, das vom Auswärtigen Amt unterstützt wird.

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