Paläontologie Jagten Wale einst auf dem Land?

In Pakistan ausgegrabene Fossilien lassen die Vorfahren der Wale in neuem Licht erscheinen. Wahrscheinlich haben die Meeressäuger verwandtschaftliche Beziehungen mit Paarhufern wie Schweinen, Rindern oder Flusspferden.


Rodhocetus balochistanensis: Deutliche Anpassungen an ein Leben im Wasser
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Rodhocetus balochistanensis: Deutliche Anpassungen an ein Leben im Wasser

Lange stand die Wissenschaft vor dem Rätsel, wie die an Land lebenden Urahnen der Wale ausgesehen haben. Anscheinend, so die langjährige Vermutung der Forscher, haben die Tiere im flachen Wasser gelebt - zumindest deuteten erste Funde darauf hin. Doch rund 50 Millionen Jahre alte Fossilien aus Pakistan könnten nun neue Hinweise auf die Vorfahren der großen Meeressäuger liefern.

Die Fundstücke deuten eindeutig auf jagende Landtiere hin, berichten zwei Forschergruppen zeitgleich in den Fachmagazinen "Science" und "Nature". "Hätte man die Skelette ohne die walartigen Schädel gefunden, so hätte man sie als Schweine- oder Tapir-ähnliche Tiere eingestuft", schreibt Christian de Muizon vom Naturhistorischen Museum Paris in "Nature". So aber liegt die Vermutung nahe, einen seltsamen Vorfahren der heutigen Wale entdeckt zu haben. De Muizon ist sich sicher: Die jetzt entdeckten Bindeglieder könnten einmal in einem Atemzug mit anderen berühmten Zwischenformen wie dem Urvogel Archaeopteryx genannt werden.

Die sehr gut erhaltenen Skelette des etwa fuchsgroßen Ichthyolestes pinfoldi und des wolfgroßen Pakicetus attocki kommen anscheinend genau aus der Zeit, als sich die Tiere vom Landleben abwandten und ihre Zukunft im Wasser suchten. Beide Fossilien besitzen bewegliche Knöchelknochen, wie sie noch heute für die Paarhufer typisch sind. Ihr lang gestreckter Schädel weist dagegen besonders in der Ohrregion starke Merkmale der heutigen Wale auf, schreibt Hans Thewissen von der Northeastern Ohio University in Rootstown in "Nature".

Philip Gingerich und seine Kollegen von der University of Michigan in Ann Arbor berichten in "Science" von zwei weiteren, etwa 47 Millionen Jahre alten Fossilien, die ebenfalls aus Pakistan stammen: Artiocetus clavis und Rodhocetus balochistanensis zeigten bereits deutliche Anpassungen an ein Leben im Wasser - ihre kürzeren Beine besitzen aber noch Knöchel, die stark an die der Paarhufer erinnern. Auch die Erbsubstanz der Fossilien ähnelt der der heutigen Schweine und Rinder.

Die neuen Funde könnten neues Licht auf eine lang andauernde Debatte der Paläontologen über die Ursprünge der großen Meeressäuger werfen. Die Untersuchung der seltenen Skelette früher walartiger Tiere hatten bisher auf eine völlig andere, bereits im Tertiär ausgestorbene Gruppe der Säugetiere hingewiesen. Alle bisher gefundenen frühen Wal-Verwandten stammen aus Pakistan und Nordindien. Damit scheint diese Region die ursprüngliche Heimat aller großen Meeressäuger gewesen zu sein.



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