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25. Juli 2010, 14:30 Uhr

Panikforschung

Überleben um jeden Preis

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Forscher wissen mittlerweile viel über die Entstehung von Massenpaniken - doch längst nicht jede Extremsituation lässt sich entschärfen. Der Herdentrieb des Menschen kennt nur ein Ziel: raus, raus, raus.

Wenn es extrem wird, übernimmt ein archaisches Steuerungsprogramm das Kommando über den menschlichen Körper. Adrenalin bringt den Kreislauf auf Touren. Das Blickfeld verengt sich. Schmerzen sind kaum noch spürbar. Uralte Fluchtinstinkte sorgen dafür, dass wir uns vor gefährlichen Situationen in Sicherheit bringen wollen - und das dank körperlicher Höchstleistungen auch können.

Das Ziel ist simpel: Raus, raus, raus.

Menschen in Paniksituationen handeln meist nicht kopflos. Forscher wissen aus der Auswertung von Videoaufnahmen, dass sich die meisten Flüchtenden aus ihrer Sicht durchaus rational verhalten. Und doch gibt es ein entscheidendes Problem, wenn zu viele Menschen gleichzeitig Ähnliches durchmachen: Was individuell sinnvoll erscheint, führt in großen Gruppen zu massiven Problemen. Im Gedränge des Loveparade-Unglücks von Duisburg ist das 19 Menschen zum Verhängnis geworden, die Hunderten Verletzten gar nicht mitgerechnet.

Im Katastrophenfall flüchten viele Menschen instinktiv in dieselbe Richtung wie ihre Nachbarn - Stichwort Herdentrieb. Dazu kommt, dass niemand gern auf dem Weg zur Rettung wartet. So ergibt sich ein chaotisches Hin und Her, sogenannte Crowd Turbulences können auftreten: Die panischen Massen werden wie bei einem Erdbeben hin- und hergeworfen.

Spätestens wenn jemand stürzt, drohen Menschen erdrückt zu werden - durch die schiere Masse der anderen. "Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor", beschrieb ein Augenzeuge dem Fernsehsender n-tv die Situation im Tunnel von Duisburg.

Im Geschiebe und Gedränge baut sich stellenweise ein tonnenschwerer Druck auf. Dann ist die Katastrophe da.

Was genau sich im Tunnel von Duisburg abgespielt hat, wird in langwierigen Untersuchungen geklärt werden müssen - inklusive der Frage, welche Rolle Alkohol und Drogen gespielt haben. Im Moment gehen die Rettungskräfte davon aus, dass sich die entscheidenden Szenen außerhalb der rund 300 Meter langen Röhre zugetragen haben. Feierwütige Gäste haben laut Polizei versucht, über eine abgesperrte Treppe und einen Mast von der Tunnelrampe auf das Veranstaltungsgelände zu kommen. Dabei seien sie aus bis zu neun Metern Höhe abgestürzt, weil die Treppe keine Geländer gehabt habe - die herabstürzenden Menschen hätten dann zur Panik im Tunnel geführt.

"Oft sterben durch die Panikreaktionen mehr Menschen als durch die eigentliche Gefahrenquelle", sagte vor einiger Zeit Dirk Helbing von der ETH Zürich. Seit anderthalb Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler daran, die gefährlichen Situationen besser zu verstehen. Manchmal unternehmen sie dafür Tests mit echten Probanden, doch normalerweise modellieren die Experten explosive Situationen im Computer: eine sinkende Fähre, Randale im Fußballstadion, Feuer in der Flugzeugkabine, religiös motivierte Raserei in Pilgerstädten.

Der Ort des jeweiligen Geschehens wird dabei mit einem Gitternetz überzogen. Darin wandern die simulierten Menschen als Pünktchen hin und her, alle im gleichen Takt, oft aber mit etwas unterschiedlichem Verhalten. Egal ob besonders ungeduldiger Jugendlicher, Vater mit Kind oder gebrechlicher Greis - alle versuchen auf ihre Art, sich in Sicherheit zu bringen.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Der Duisburger Panikforscher Michael Schreckenberg hat herausgefunden, dass Fliehende in einem plötzlich stockenden Menschenpulk nach durchschnittlich 15 Sekunden in eine andere Richtung rennen. Und dabei kann es zu noch größeren Blockaden kommen.

Schreckenberg hat auch das Duisburger Love-Parade-Sicherheitskonzept beurteilt und verantwortet es mit. "Das ist ein tragisches Unglück", sagt er SPIEGEL ONLINE und verweist darauf, dass offenbar abgestürzte Raver die Massenpanik ausgelöst haben. "Dagegen kann man sich bei einer Masse nicht wappnen. Das ist das Werk von Einzelnen." Er habe allerdings vor Risiken gewarnt - wenngleich wohl nicht deutlich genug. Er fühle hier Mitschuld.

Mit seinem Kollegen Kai Nagel gilt Schreckenberg als ein Pionier der Verkehrsforschung. Er hat Staus auf Autobahnen ebenso erforscht wie das Gedränge bei der Evakuierung von Gebäuden. Er findet das eigentliche Konzept in Duisburg "ausgeklügelt", sowohl von der Dimension der Veranstaltungsfläche, der Durchlässigkeit der Zugänge und der Zahl der Notausgänge her. Das alles sei aus seiner Sicht in Ordnung gewesen. Kritiker sehen das anders, prangern an, dass mit einem einzigen Eingang ein Nadelöhr geschaffen wurde - und dass man sehr wohl mit einem Eklat wie durch abstürzende Kletterer rechnen müsse. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen scheiterte die Polizei mit einem umfassenderen Sicherheitskonzept, für das mehr Sicherheitskräfte nötig gewesen wären.

Anti-Panik-Systeme in Mekka

Organisatoren vieler Großveranstaltungen wie der Love Parade lassen von Experten vorab Mobilitätskonzepte entwickeln. So sollen Paniksituationen gezielt verhindert werden. Für den Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005 hatten zum Beispiel Aachener Ingenieure ein System von Einbahnstraßen entwickelt, um die Ströme der Gläubigen zu lenken. Auch die Erkenntnisse aus den Computersimulationen fanden da längst Anwendung.

Selbst bei der traditionellen muslimischen Pilgerfahrt Haddsch in Mekka kommen Anti-Panik-Verkehrssysteme zum Einsatz. Das Prinzip ist simpel: Mit speziellen Absperrungen werden Menschengruppen geteilt. Wenn nötig, können Besucher auch auf Ausweichflächen geleitet werden - um den Druck im Krisengebiet zu verringern.

Experten wissen, dass sich der Durchfluss an Notausgängen stark erhöhen lässt, wenn im richtigen Abstand vor der Tür eine Säule platziert wird, am besten etwas versetzt zur Mitte. Weil das künstliche Hindernis den Ansturm der von hinten Drängenden dämpft, kommt es zu weniger Blockaden auf dem Weg in sichere Bereiche. Am runden Hindernis wird niemand verletzt, und gleichzeitig können sich mehr Menschen retten.

mit Material von dpa

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