Pannen-Kraftwerk Krümmel Merkel wütend über AKW-Betreiber Vattenfall

Erklärungsversuche, Beschwichtungen, neue Panne - und ein Machtwort der Kanzlerin. Der Fall Krümmel bringt Betreiber Vattenfall immer mehr in Bedrängnis. Jetzt musste Europa-Chef Rauscher Probleme mit falschen Dübeln einräumen. Angela Merkel verlangt Aufklärung - "striktissimi".

Von Jan Müller und Stefan Schmitt


Berlin - Tagelang hatte sie dem Scharmützel Vattenfalls und der Aufsichtbehörden nach dem Brand am AKW Krümmel bei Hamburg zugesehen, jetzt schaltet sich Kanzlerin Merkel ein. "Mich ärgert es schon, das habe ich auch als Umweltministerin erfahren müssen, wenn Sicherheitsvorschriften im Alltag nicht eingehalten werden. Das muss aufgeklärt werden. Und zwar striktissimi, sonst können wir im Alltag die Sicherheit, auch als Überwachungs-, Bewachungs- und Kontrollbehörden, nicht sicherstellen", sagte sie.

Merkel sprach sich aber für den Fortbestand der Kernenergie aus. "Ich bin der Meinung, dass bei den sicheren Kernkraftwerken die Laufzeitbeschränkung ein Problem ist", sagte die CDU-Chefin mit Blick auf den Koalitionsvertrag, der ein Festhalten am Atomausstieg vorsieht. "Aber die Voraussetzung ist natürlich, dass Vertrauen da ist. Dass das, was an Vorschriften besteht, auch wirklich eingehalten wird."

Darum bemühte sich heute in Berlin Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher und Reinhardt Hassa, im Konzern für das Ressort Erzeugung verantwortlicher Vorstand. Detailliert erklärte er die jüngste Panne: Im Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe bei Geesthacht würden insgesamt 630 Dübel überprüft, sagte Hassa. Bei 14 Dübeln liege die Vermutung nahe, dass sie "nicht spezifikationsgerecht" angebracht worden sein. Darüber hinaus würde bei zwei Dübeln dem Sachverhalt nachgegangen, ob diese überhaupt für die spezifische Verwendung in Kernkraftwerken bestimmt seien.

Die Atomaufsicht wisse Bescheid, innerhalb der meldepflichtigen Ereignisse für Kraftwerksbetreiber falle dieser Vorfall unter die Kategorie "N" für Normal. Am Freitag sollen neue Erkenntnisse den zuständigen Behörden vorgelegt werden.

Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe: Image-GAU für Betreiber Vattenfall
REUTERS

Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe: Image-GAU für Betreiber Vattenfall

Des Image-GAU für Vattenfall begann mit dem Brand eines Transformators auf dem Gelände des AKW Krümmel am 28. Juni und der fast gleichzeitigen Abschaltung des Meilers Brunsbüttel rund 100 Kilometer elbabwärts: technische Pannen, verspätete Meldungen an die Atomaufsicht, desaströse öffentliche Kommunikation und offenbar auch Fehler der Bedienmannschaften - ein Debakel reihte sich ans nächste: Mittlerweile fordern Politiker die dauerhafte Schließung Krümmels, die zuständige schleswig-holsteinische Ministerin droht mit dem Entzug der Betriebsgenehmigung. Nach einem Treffen mit Land, Bund und unabhängigen Experten musste Vattenfall sich gestern abermals schelten lassen: Berlin sieht "deutliche Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten". Kiel monierte, dass der Konzern die Mitarbeiter aus dem Leitstand des AKW abschirmt.

"Wenn's brennt, entsteht Feuer und Rauch"

Auf der eilig einberufenen Pressekonferenz wollte Vattenfall nun endlich seine Sicht der Dinge darlegen. "Was wir nicht machen werden ist eine Vorverurteilung von Mitarbeitern", erklärte Rauscher. "Wir haben heute im Vorstand entschieden, dass Krümmel bis zum Ende der Untersuchungen vom Netz bleibt", sagte er. Allerings hatte zuvor schon die Aufsichtsbehörde angekündigt, dass Krümmel vorerst nicht hochgefahren wird.

"Natürlich ist da nicht alles ordnungsgemäß gelaufen", gestand Rauscher selbstkritisch ein. "Aber in der Folge dieser Störfälle hat es keine Sicherheitsrisiken gegeben." Er sagte zu, dass "die Vorfälle restlos aufgeklärt" werden, und räumte ein, "dass unsere Öffentlichkeitsarbeit verbessert werden kann". "Dass heißt aber nicht, dass das unsere Zuverlässigkeit als Betreiber beeinträchtigt", betonte der Vattenfall-Chef.

Warum führten dann Kleinigkeiten dazu, dass zwei Kernkraftwerken in unmittelbarer Nähe einer Millionenstadt heruntergefahren werden mussten? Die Abschaltung sei eine Überreaktion des Betriebspersonals, finden die Chefs. Seit vorigen Freitag kolportiert Vattenfall, ein Verständigungsproblem zwischen Schichtleiter und Reaktorfahrer sei die Ursache für das Herunterfahren gewesen.

Aber war nicht mit Tagen der Verspätung herausgekommen, dass zu diesem Zeitpunkt im Leitstand Rauch war und die Mitarbeiter Gasmasken aufsetzen mussten? "Wenn's brennt, entsteht Feuer und Rauch", stellte Rauscher fest. Bei alledem handele es sich um "keine sicherheitsrelevanten Vorgänge".



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